Akwaeke Emezi: PET. Faber & Faber

bedrückend und spannend

Cover PET

 

Ein phantastisches Jugendbuch über eine Monsterjagd, das klingt erst einmal ziemlich beliebig. Jam, die Hauptfigur dieses Buches, begegnet einer Kreatur, die aus einem Bild ihrer Mutter steigt. Was die Mutter gemalt hat, wurde durch Jams Blut zum Leben erweckt und Pet, wie sich die Kreatur nennt, hat eine wichtige Botschaft: Es stimmt nicht, dass alle Monster verjagt sind. Ein Monster lebt im Haus deines Freundes und du musst mir helfen, es zu jagen.
Diese Informationen stehen bereits im Klappentext. Wenn ich jetzt über das Buch, und was es in mir ausgelöst hat, schreibe, werde ich etwas spoilern müssen (aber natürlich wird das Ende nicht verraten). Wer nichts weiter über das Buch der nigerianischen Autorin wissen möchte, außer dass es lesenswert ist, sollte also hier aufhören.

 

 

Emezi baut eine futuristische Welt. Die Stadt Lucille, so heißt es, ist die perfekte Stadt. Monster gibt es nicht mehr, das Böse ist besiegt. Jede Person kann die Arbeit tun, die ihr liegt, und das trans Mädchen Jam bekommt problemlos die Hilfen, die sie braucht, um die für sie passenden Hormone auszubilden und ihren Körper ihrer Identität anzupassen. Dass sie manchmal nicht sprechen kann, macht auch nichts, die ihr wichtigen Personen lernen zu gebärden. Die Hauptfiguren sind eine Mischung aus indigenen und Schwarzen Personen, ich fand einige mir bekannte kulturelle Aspekte in Kleidung, Essen und Spiritualität wieder.
Und trotzdem bekam ich von Beginn an das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Das liegt vermutlich daran, dass ich auch angesichts des deutschen Umgangs mit unserer Geschichte stets zweifle, wenn mir zu glatte Heldengeschichten erzählt werden. Und so ist es auch in Lucille, wo die Engel, so heißt es, die Monster besiegt haben. Den ersten Riss bekommt die Erzählung, als Jam entdeckt, dass auf den historischen Bildern die Engel wie Monster aussehen. Als sie gemeinsam mit ihrem Freund, der ausgerechnet Redemption heißt, und mit Pets Hilfe, das Monster zu jagen beginnt, wird mehr und mehr klar, dass die Monster für Taten stehen:
„Am I a terrible person? she asked Pet.
There is no such thing, it replied. There’s only what you do.“
In dieser Aussage steckt, wie ich finde, eine tiefe Weisheit. Dass Pet dann trotzdem den Mord an der Person, die das Schlimme getan hat, für den einzigen Ausweg hält, passt nicht ganz zu der Fähigkeit des Wesens, Grautöne zu sehen. Diese kommen Pet, wenn es um die Monsterjagd geht, immer wieder abhanden, und es ist an Jam, sie neu einzubringen.
Ich nahm zuerst an, dass es um Rassismen und Sexismen geht, wenn Pet sagt: „The first step to seeing is seeing that there are things you do not see“. Aber es geht um Kindesmisshandlungen, das wird mehr und mehr klar. Auch wenn Emezi von konkreten Schilderungen völlig absieht, beschreibt sie eindrücklich und sehr berührend, wie Jam immer einsamer wird, als sie beginnt, ein Geheimnis zu haben, das nötig wird, weil ihre Eltern sich weigern hinzusehen. Es ist letztlich dieser Aspekt, den ich im ganzen Buch grandios finde – und der dann im Ende leider für mich unzureichend aufgegriffen wird.
So reiht sich auch dieses Buch ein in die vielen Bücher, die mich enorm berührt haben, die spannend sind und wichtige Themen aufgreifen, deren Enden mich aber nicht ganz überzeugen. Um nicht zu spoilern verzichte ich hier darauf, das weiter aufzudröseln, aber kurz gesagt, ist das Buch hier einerseits unnötig grausam (hier gibt es eine kurze explizite Gewaltschilderung, die ins Horrorgenre gehört) und andererseits in sich inkonsequent.
Ein weiterer Schwachpunkt ist für mich der Beginn, der mir den Einstieg in den Text etwas erschwert hat. Es dauerte etwas, bis ich verstand, warum manche Dialoge kursiv und manche mit Anführungszeichen geschrieben sind, später kommen noch gänzlich unmarkierte Dialoge hinzu. Die beschriebene Welt wurde für mich erst nach einer Weile spürbar, ebenso wie Jam und die anderen Hauptfiguren, deren Handlungen für mich nicht an allen Stellen nachvollziehbar waren. Nach den ersten ca. dreißig Seiten war ich dann aber im Text drin und hatte mich mit der mitunter etwas langatmigen und stellenweise fast blumigen Sprache arrangiert, die für meinen Geschmack zu viel erklärt.

Fazit: Trotz des meines Erachtens auf mehreren Ebenen schwierigen Endes ist PET ein unterhaltsames, berührendes und bereicherndes Buch, das ich nicht nur jungen Erwachsenen ans Herz legen möchte. Die aufgeworfenen Fragen, ob es möglich ist, Kriminalität ganz zu überwinden und wie Kinder geschützt werden können, halte ich für wichtig und zentral. Gleichzeitig bekommt Emezi es hin, die Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, sodass ein spannendes Buch entstanden ist, das ich gern empfehle.

Unterhaltung: 2,5 von 3
Sprache/Stil: 2 von 3
Spannung: 2,5 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 3 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 2 von 3
Gesamt: 16 von 21