René Moreau, Hans Jürgen Kugler und Heinz Wipperfürth (Hrsg.): Exodus 47. 11 / 2023

schwächelnde Sammlung

Exodus 47

Die „Exodus“ ist eine der etablierten Zeitschriften für Science-Fiction: Sie erschien in dreizehn Ausgaben bis 1980, machte dann 23 Jahre Pause und erscheint seit 2003 wieder halbjährlich. Auf rund 115 Seiten bietet die Zeitschrift nicht nur Kurzgeschichten Raum, sondern auch vielen hochwertig gedruckten Grafiken, einer Galerie mit Essay zum vorgestellten Künstler und Gedichten oder Micro-Fiction. Bislang konnte ich allen Ausgaben etwas abgewinnen. Diese hier ist die Erste, die mich fast durchweg enttäuschte.

Stanislaw Lem-Zitat

Die erste Seite des Heftes bietet ein Foto des berühmten Science-Fiction-Autors und ein Zitat. Nun, ich mag Lems Werke eigentlich. Das Zitat hier zeigt, dass er auch sexistische Klischees bedient, es wird Science-Fiction mit einem „gefallenen Mädchen“ verglichen. Ich verstehe nicht, warum jemand das heute unkommentiert abdruckt.

René Moreau, Hans Jürgen Kugler und Heinz Wipperfürth (Hrsg.): Exodus 46. 5 / 2023

anregendes Potpourri

Exodus 46Die „Exodus“ ist eine der etablierten Zeitschriften für Science-Fiction: Sie erschien in dreizehn Ausgaben bis 1980, machte dann 23 Jahre Pause und erscheint seit 2003 wieder halbjährlich. Auf rund 115 Seiten bietet die Zeitschrift nicht nur Kurzgeschichten Raum, sondern auch vielen hochwertig gedruckten Grafiken, einer Galerie mit Essay zum vorgestellten Künstler und Gedichten oder Micro-Fiction.

Ulf Fildebrandt: Das Chinesische Zimmer

Der Text greift ein sehr interessantes und philosophisches Thema auf: Ein Regierungsberater soll darüber entscheiden, ob ein Leben Bewusstsein hat oder nicht. Hat das Wesen, wenn es denn eines ist, ein Lebensrecht?
Der Text beginnt locker fließend und wir folgen dem Protagonisten Aiden Baker in ein Militärkrankenhaus. Dort begegnet er der Person, über die er entscheiden soll. Leider überzeugt mich der Text ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Weder erfahren wir wirklich, wie Baker sich in der Begegnung fühlt, noch kann ich seine Herangehensweise an das Problem nachvollziehen. Auch warum er ausgewählt wurde, um die folgenreiche Entscheidung zu treffen, bleibt unklar.
Sprachlich überzeugt mich der Text nicht wirklich, wartet er doch mit einigen Phrasen auf, die leicht hätten eliminiert werden können. Am enttäuschendsten ist für mich jedoch das Ende: Der Text hört einfach ein einer Stelle auf, ohne dass irgendetwas geklärt wird.

Elizabeth Moon: Speed of Dark. Orbit

intim und berührend

Speed of darkLou ist Autist, eine Krankheit, die in seiner Welt nur noch bei älteren Menschen vorkommt, die also weitgehend eliminiert ist. Er lebt allein und arbeitet für ein Pharmaunternehmen in einer Abteilung voller Autist*innen, die sehr erfolgreich Muster in Daten analysieren. Als die Firma ihm anbietet, seinen Autismus zu heilen, fragt Lou sich, ob er das möchte. Wer wäre er ohne Autismus?

“Speed of Dark” ist ein langsames Buch, das uns tief in Lous Gedanken eintauchen lässt. Es mäandert mit seinen sich wiederholenden Gedanken, folgt seitenlang seinen Ruminationen. Es fiel mir leicht, mich auf dieses Tempo einzulassen, denn ich empfand die Intimität der Ich-Erzählung als berührendes Geschenk: Lou nahm mich mit zu sehen, wie er die Welt sieht, wie er sich an Wortbedeutungen oder Krawattenmustern aufhängt. Seine Welt ist sehr anders als meine und dann doch wieder sehr ähnlich, besonders das Überfordertsein mit sensorischem Input kenne ich gut. Hinzu kommen Lous Ringen darum, in einer Welt, die auf neurotypische(re) Personen zugeschnitten ist, bestehen zu können, sowie Begegnungen mit Personen, die Dinge erwarten, die Lou nur mit Mühe leisten kann: seine Schwierigkeit, zu verstehen, was andere ihm mitteilen, wo ich beim Lesen oft genau wusste, worum es geht. Moons großes Verdienst ist es meines Erachtens, diese Einblicke einfühlsam und ohne Wertung zu gewähren und dabei zu vermitteln, was es heißt, immer wieder einem großen Normativitätsdruck ausgesetzt zu sein, immer wieder die Erfahrung zu machen “nicht normal” zu sein: “Even as hard as I try, the real people still want me to change, to be like them.” Dass der Text dabei an manchen Stellen zuspitzt, habe ich ihm nicht übelgenommen, zumal ich mir leider vorstellen kann, dass uneinfühlsame Fachpersonen (Psychiater*innen, Psycholog*innen und Berater*innen), wie sie im Buch geschildert werden, keine Seltenheit sind. Lou hat leider ausschließlich Kontakt zu solchen Fachpersonen.

Cila Yakecã, David Kwaku Ehlers, Ilyas Kiliç, Seggen Mikael (Hrsg.). Racialised Faces in (white) creative Spaces. Ein Sammelband über Rassismus in der Kultur- und Kreativwirtschaft. edition assemblage

anregend und herausfordernd

RacializedFacesDer Sammelband enthält neben einem Vorwort und einer Einleitung 15 Beiträge mit verschiedenen Sichtweisen auf das Thema, mit sehr verschiedenen Herangehensweisen und Hintergründen. Außerdem sind zahlreiche schwarz-weiß-Illustrationen enthalten. Neben Texten auf deutsch und englisch enthält das Buch drei Texte in anderen Sprachen mit QR-Codes zu Übersetzungen ins Englische.

Die Lektüre des Buches erlebte ich als Wechsel von Anregung, Heraus- und Überforderung. Manche Texte waren mir auch nach mehreren Versuchen kaum zugänglich, wie der von Kamei Freire über Spiritualität und darüber, welche Kraftquelle für Schwarze und PoC in Spiritualität liegt. Andere Texte haben meine Weltsicht auf so notwendige Weise erschüttert, dass sich für mich die Lektüre des Buches allein schon dafür gelohnt hat. Berührt hat mich vor allem die berechtigte Wut der Autor*innen. Einige Gedanken zu und aus ihren Texten möchte ich hier teilen – und unbedingt dazu einladen, sich den Sammelband selbst zu Gemüte zu führen.

Christian Kellermann: Adam und Ada. Hirnkost

spannend und langatmig

Adam und AdaZwei Zeitebenen werden in diesem Buch abwechselnd erzählt: Die erste spielt um 1920, im Zentrum stehen Hobby und Allan McAllan. Die zweite handelt von Ada McAllan und spielt gut einhundert Jahre später. Während Ada versucht, mithilfe von selbstlernenden neuronalen Netzwerken, die sie ungenauerweise KIs nennt, die genaue Natur von Proteinen zu entschlüsseln, ringt ihr Urgroßvater Allan mit seinem Chefarchitekten Hobby darum, einen Tunnel von Amerika nach Europa zu bauen. Beide Vorhaben wirken auf mich ähnlich wissenschaftlich unhaltbar: Schon aufgrund der Plattentektonik – Amerika und Europa driften jedes Jahr mehrere Zentimeter auseinander – ist ein solcher Tunnel nicht denkbar, ganz abgesehen von den im Buch benannten Problemen des Drucks und der Temperatur. Aber auch die Idee, dass man nur verstehen und berechnen müsste, wie Proteine gefaltet sind, um Unsterblichkeit erlangen und jegliche Krankheit zu heilen, erscheint weit hergeholt. Auch wenn das Verständnis für die Proteinfaltungen sicher einige Mysterien aufklären würde. Nun stören mich derlei Dinge in Science-Fiction-Romanen meistens nicht im Geringsten – hier ist es anders, weil die technische Seite der Unternehmungen im Zentrum des Textes steht. Für mich ist daher ein Text entstanden, der sich wiederholt seitenweise in fiktiver Wissenschaft ergeht, was mich leider gelangweilt hat. Fans solcher Herangehensweisen kommen aber sicher auf ihre Kosten.

Maja Ilisch: Unten. Dressler

bedrückend und doch leicht

Unten

“Unten” ist das erste Kinderbuch der deutschen Fantasy- und Science-Fiction Autorin Maja Ilisch. Hauptfigur ist die ungefähr zwölfjährige Nevo. Sie lebt mit ihrer Mutter in einem Haus in einer kleinen Wohnung und wie alle anderen um sie herum kennt sie nur ihre Etage und wenige Etagen darüber und darunter – den Block Zinnober. Das Leben aller ist von der Hausordnung bestimmt, ein strenges Regelset, das alles verbietet, was Spaß macht und lebendig ist.
Als Nevo mit ihrer Freundin Juma fangen spielt, was natürlich verboten ist, werden sie erwischt und verstecken sich. Dabei fällt Juma in den Wäscheschacht – und bleibt verschwunden. Niemanden von den Erwachsenen scheint das zu verwundern, aber Nevo gibt sich nicht zufrieden: Sie begibt sich auf die Suche nach Nevo, nach unten, und erkundet dabei das Haus.

 

 

Sylvana Freyberg und Uwe Post (Hg.) Future Fiction Magazine Nr. 4, April 23: Deutsche Ausgabe

Berührende düstere Texte

Jean-LoCover der Zeitschriftuis Trudel (Kanada): Mit dem Fahrrad zum Zombie-Strand (Übersetzung aus dem Englischen)

Eine Frau entscheidet sich, zum Zombie zu werden. Langsam erfahren wir, dass dies in ihrer Welt bedeutet, offline zu gehen und ein paralleles Leben zu führen. Ich mochte diesen Text zu Beginn sehr, er ist vom Nachdenken der Prota über ihren „Tod“ bestimmt. Dann wandelt sich der Text und wird zu einer Verfolgungsgeschichte, in der die Prota vor ihren Kindern flieht, die sie von ihrem Entschluss abhalten wollen. Warum sie das wollen, bleibt fraglich. Dann wandelt sich der Text erneut und die Prota führt Gespräche mit anderen Zombies, die sie erkennen. Welche Rolle sie in der Vergangenheit gespielt hat und wofür sie erkannte wird, habe ich aber auch nach mehrfachem Lesen nicht verstanden, so dass dies für mich ein Text mit einem starken Beginn und einem schwachen Ende bleibt, der mich nicht in Gänze überzeugen konnte.

 

 

Annalee Newitz: Autonomous. Tor

düster, dicht, spannend

AutonomousDer Text hat mich auf den ersten Seiten sofort eingesogen: Jack lebt auf einem U-Boot und liest in den Nachrichten von einer Studentin, die nicht mehr aufhören konnte, an ihrer Hausarbeit zu arbeiten und daran starb. Kann es sein, dass Jack mit schuldig ist? Vor den Lesenden breitet sich eine sehr reiche und detailgetreu gezeichnete Welt ab, die immens düster daherkommt: purer Kapitalismus regiert, alles, auch Menschen, kann jemandem gehören. Menschen und Bots sind kaum noch unterscheidbar, alle sind modifiziert und regulieren sich mithilfe von Substanzen.
Jack, so erfahre ich, ist Medikamentenpiratin: Sie baut teure Medikamente nach, so dass alle, die sie brauchen, sie sich leisten können. Sie finanziert diese idealistische Tätigkeit mit dem Verkauf leistungsfördernder teurer Drogen, die mitunter gravierende Nebenwirkungen haben: Ist die Studentin wegen einer solchen Droge arbeitssüchtig geworden und gestorben? Jack möchte ihren Fehler, diese Droge verfügbar gemacht zu haben, rückgängig machen. Aber natürlich ist der Konzern ihr schon auf den Fersen: Eliasz, ein Mensch, soll mit seinem Bot-Partner Paladin die Piratin Jack aufspüren. Das könnte ein Wettlauf zwischen Gut und Böse sein, wären nicht Eliasz und Paladin ähnlich sympathisch wie Jack. So verschwimmen die Grenzen und angenehme Grautöne dominieren die Erzählung.