Daniel Keyes: Blumen für Algernon. Hobbit Presse

alt und doch bedrückend aktuell

Cover Algernon„Blumen für Algernon“ von 1966 ist einer der Klassiker psychologischer Science-Fiction und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und immer wieder neu aufgelegt. Ich habe ein schickes Exemplar mit Farbschnitt ergattert: über die blau bemalten Seiten des Buches tanzen Mäuse. Auch auf dem Cover ist eine Maus abgebildet, aber wer hier eigentlich durch das Forschungslabyrinth eilt, ist ein Mensch.
Charlie Gordon, die Hauptfigur des Buches, ist ein stark lernbehinderter Mann, der in einer Bäckerei aushilft und in seiner Freizeit zu einer Spezialschule geht, weil er gern intelligenter werden möchte. Als ihm eine Operation angeboten wird, die sein Ziel ermöglicht, verändert sich sein Leben rasant.
Keyes, der in den USA lebte und Psychologie und Literatur studiert hat, schreibt auf authentische und nahbare Weise über seinen Protagonisten. Wir verfolgen Charlies Forschungstagebuch und nehmen wahr, wie sich mit seiner Intelligenz auch seine Sprache verändert. Keyes ist es auf beeindruckende Weise gelungen, die Erzählstimme von Charlie lebendig werden zu lassen. Dabei berührt mich besonders, dass ich als Leser*in Dinge verstehe, die Charlie entgehen.
Es ist schwer, über dieses Buch zu schreiben, ohne zu viel über den Inhalt zu verraten. Grob gesagt entdecken wir gemeinsam mit Charlie seine Veränderungen und Erinnerungen. Keyes beschäftigt sich mit den Fragen, wie Intelligenz und Persönlichkeit zusammenhängen und was Freundschaft eigentlich ausmacht. Charlie wird von der ersten bis zur letzten Seite massivem Ableismus ausgesetzt, er wird objektifiziert, ausgenutzt und ihm wird das Menschsein abgesprochen. Auch wenn man dem Buch seine Zeit auf viele Arten anliest, finde ich doch viel wieder, was auch heute noch eine Rolle spielt: Wie kann Personen mit Lernbehinderung ein eigenes Leben ermöglicht werden? Wie gelingt es, sie als Ebenbürtige anzusprechen?

Matt Dinniman: Carl`s Doomsday Scenario. Dungeon Crawler Carl Book 2. Dandy House

Gore-Slapstick

Carl 2Nachdem ich den ersten Teil der Serie ziemlich genossen habe, bin ich nach kurzer Pause in den zweiten Teil gehüpft. Und wurde herbe enttäuscht. Was im ersten Teil spritzig und abwechslungsreich daherkam, las sich nun repetitiv und oberflächlich. Carl und sein Team, das mittlerweile neben der sprechenden Katze Donut auch den Velociraptor Mongo enthält, metzeln sich durch Horden von Monstern, wobei Carl immer besser darin wird, Dinge in die Luft zu sprengen. Dabei nutzten sich die Gags für mich schnell ab: bemüht witzige und fiese Monster- und Errungenschaften-Beschreibungen, die Tatsache, dass Carl nur mit einer Unterhose bekleidet ist, und immer wieder die Lebensbedrohung, der sie stets nur knapp entgehen.

Im ersten Teil hatte mich vor allem die wachsende Beziehung zwischen Carl und Donut interessiert. In den zweiten Teil startete ich mit der Erwartung, dass ich nun mehr darüber erfahre, wie Carl mit den geretteten Rentner*innen umgeht und was es mit der geheimnisvollen Obdachlosen auf sich hat. Außerdem wollte ich, dass er anderen Crawlern begegnet und mehr darüber lernt, wie der Dungeon in die Außenwelt eingebunden ist. Was sind das für Leute, die Vergnügen daran haben, zuzusehen, wie Tausende Menschen sterben? Und was ist das für eine Welt, die das nicht nur ermöglicht, sondern befördert? Wie kann Carl, der eigentlich ein gutes Herz hat, sich in dieser sehr finsteren Welt seine Menschlichkeit behaupten?

Matt Dinniman: Dungeon Crawler Carl. Dandy House

spannend und schwarzhumorig

Carl 1

 

Ich gebe zu: Rein vom Cover wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch lesen zu wollen. Da rennt ein weißer muskulöser Typ in Lederjacke und Herzchenshorts hinter einer Katze vor einem grünen Kobold mit Dornenramme weg … das klingt wenig originell. Und gleichzeitig zeigt es jetzt, wo ich den ersten Teil gelesen habe, genau, was Lesende erwartet: eine witzige, schnelle und kampflastige Geschichte um einen etwas ungewöhnlichen Dungeoncrawler.
Ich bin einer Empfehlung zu diesem Buch gefolgt, denn die Grundidee hat mich als Rollenspielnerd mit PC- und Tabletop-Erfahrung sofort begeistert: Was wäre, wenn es all diese Spielmechanismen wirklich gäbe? Inklusive dem absurd großen Inventar, der schnellen Heilung und der Steigerung von teilweise unrealistischen Fähigkeiten durch Übung?

 

Judith Vogt, Lena Richter, Heike Knopp-Sullivan (Hrsg.): Queer*Welten 13 - 2024

tolle Microstorys


QW 13Im Vorwort schreiben die Herausgeber*innen über die zunehmende Enge in der Buchbranche, in der sich scheinbar gerade nur eskapistische Romance verkauft. Welchen Platz hat da progressive Phantastik?

Das Heft enthält neben fünf Kurzgeschichten und einem Essay 13 „Schattengeschichten“, 13x13 Wörter lange Texte zum Thema Halloween. Nach dem Vorwort bietet „Was soll es bedeuten?“ von Maria Schmiedinghoff eine Reinterpretation der Lorelei-Geschichte, die ich prägnant und gelungen finde. „Wohnungsgespenst“ von Leo Nora Grabner beschreibt die Beziehung zwischen einem Menschen und einem sehr sympathischen Gespenst.

Martina John: Rhizom Reloaded (KG)

In dieser Science-Fiction-Geschichte wollen Ness und Raja ein Appartement überfallen, um mit der Beute einen Weg aus der Armut zu finden. Aber wie das mit „dem großen Coup“ so ist: Natürlich geht er schief.
Ich mochte den gelungenen und dichten Weltenbau der Geschichte, besonders die Idee, dass eine Person mit Pilzmyzel kommunizieren kann. Auch die Rasanz und Spannung sprach mich an. Stilistisch mischt der Text dichte, stimmungsvolle Beschreibungen mit Derbheit und findet dabei eine eigene Sprache und immer wieder Momente zum Innehalten. Schön. Trotz kleiner plastischer Details konnte ich allerdings die Figuren nicht fassen. Das Ende enthält dann einen überraschenden Wechsel, den ich leider nicht kaufe, weil eine „Loop Gun“ für mich innerhalb der gezeichneten Welt keinen Sinn vergibt. Das ist wirklich schade, denn bis zu diesem Ende habe ich den Text ziemlich genossen.

Marc-Uwe Kling: Views. Ullstein.

humorvoll und spannend

ViewsYasira und Stefan sitzen beim Date, als Stefan ein Video sieht, in dem eine Jugendliche vergewaltigt wird. Da Yasira beim BKA arbeitet und die Quoten-PoC ist, soll sie den Fall öffentlichkeitswirksam übernehmen. Und Stefan spielt nur noch eine Statistenrolle.
Der klare, sehr spannende Handlungsbogen, trieb mich von Seite zu Seite und saugte mich schnell ein. Der Kling-typische, oft etwas kalauerige Humor brachte mich zuverlässig zum Lachen und machte besonders Dialoge zu einem Fest. Klings Figuren bekommen dabei meisterhaft individuelle Stimmen, allerdings verlieren sich die Dialoge für meinen Geschmack mitunter auch etwas zu sehr in Klamauk. Kling liefert wie immer treffende Beobachtungen und Formulierungen der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten, die sich hier vor allem um Migration und nicht weiße Deutsche drehen. Denn die vergewaltigte Jugendliche ist weiß und die Täter Schwarz.
Kling beschreibt eindrücklich, wie sich anhand des viral gehenden Videos die Spaltung zwischen linken und rechten politischen Lagern zuspitzt, bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auf der individuellen Ebene wird beschrieben, wie Personen damit umgehen, wenn Yasira sie humorvoll-bissig auf ihre verinnerlichten Rassismen hinweist, welche eigenwilligen und stellenweise schmerzhaften Interaktionen entstehen, wenn alle die Guten sein wollen, und wie moralische Überheblichkeit Verbundenheit verhindern kann.

Maxim Leo: Wir werden jung sein. Kiepenheuer & Witsch

spannend und unterhaltsam

Jung sein CoverLeos Schreibstil zog mich schnell in den Text hinein. Flüssig und mit leisem Humor, der sich in eigenwilligen Vergleichen zeigt, enthält dieser Stil alles, was ich schätze. Sprachliche Perlen, die sich nicht zu wichtig machen, Phrasenarmut und dabei eine fließende Leichtigkeit: “Sie wirkte so, als wäre sie jederzeit in der Lage, einhändig hundert Liegestütze zu machen oder einer Schlange den Kopf abzureißen, vielleicht sogar beides gleichzeitig.”
Ich brauchte trotzdem einen Moment, um in den Text einzutauchen, der sich wie ein Kaleidoskop vor mir ausbreitet: Leo zeigt verschiedene Figuren, wieder eine neue Figur und noch eine. Nach einer Weile verstand ich, dass alle unter Herzprobleme leiden, nur um dann mit einer neuen Figur konfrontiert zu werden, deren Herz einwandfrei funktioniert. Zum Glück kehrte Leo irgendwann zu bekannten Figuren zurück und ich fand mich zurecht. Im Zentrum des Textes stehen fünf Figuren, die alle ein neuartiges Medikament genommen haben: zwei Frauen (eine, die Mutter werden möchte und eine ehemalige Profischwimmerin) und drei Männer (ein frisch verliebter Jugendlicher, ein narzisstischer Firmeninhaber und der Forscher, der das Medikament entwickelt und selbst eingenommen hat). Das sind schon viele Stränge, aber Leo entscheidet sich, uns zudem noch eine Ethikerin zu präsentieren, die für die Regierung arbeitet. Auch wenn die verschiedenen Perspektiven gut zusammenkommen, zeigt sich für mich hier doch ein Nachteil: bei 264 Seiten bekommt jede Figur nur wenig Raum, was zulasten der Tiefe geht. Und Tiefe kann das Thema durchaus vertragen. Als sich zeigt, dass das Medikament nicht nur das Herz heilt, sondern zu Verjüngung führt, werden verschiedene Fragen meist in Dialogen beleuchtet: Was bedeutet das für einzelne Personen und deren Leben? Was für die Gesellschaft an sich? Welche gesetzlichen Regelungen braucht es?

Kai Focke und Sabine Frambach (Hrsg.) Campus 2049. Hochschule der Zukunft. Eine Science-Fiction-Anthologie. Oldib

nichts als KI?

Campus 2049Vorwort: 1974 - 2024 - 2049 (Kai Focke und Sabine Frambach)

Wir erfahren, dass die Hochschule Mannheim die phantastische Bibliothek Wetzlar nutzt, um Zukunftsforschung zu betreiben, was ich enorm spannend finde. Die Anthologie entstand angesichts des 50jährigen Jubiläums der Hochschule.

Esther Geißlinger: Die erste ihrer Art

Eine Person eilt in SF-Siebenmeilenstiefeln über den Campus, dabei brummt und zirpt ihre Brille. Sie ist fast zu spät zu einer Prüfung gekommen. Die Prüfungskandidatin aber kommt noch später an.
Die Prüfung einer KI auf Menschlichkeit ist ein beliebtes Thema in der SF. Geißlinger greift keine bekannten Tests auf, sondern erfindet einen neuen, wobei die Getestete nicht das Vorhersehbare tut, sondern sich einen eigenen Umgang mit dem Test überlegt: Sie spielt. Das Problem mit dieser im Text präsentierten Lösung ist, dass weder ich als Leserens noch das Testkomitee entscheiden kann, ob die KI spielt oder nur ein Spiel simuliert. Dieses Problem greift der Text leider nicht auf und überzeugt mich daher weder sprachlich noch inhaltlich. Auf mich wirken die Figuren aufgrund ihrer geringen Ausgestaltung wie Token-Diverse und emotional lässt der Text mich kalt. Witzig finde ich die Sache mit der Prüfung in einer virtuellen Umgebung, bei der aber alle real anwesend sein müssen – hier hätte man aber noch die Frage aufwerfen können (müssen?) was reale Anwesenheit für eine KI bedeutet.

Maja Ilisch: Die vierte Wand. Oetinger

beklemmend und leicht

Vierte WandFox lebt mit zwei Geschwistern, ihrer Oma, einem Lehrer, einem Koch und ihren Eltern in einem Haus und jeder Tag ist genau gleich: Sie sitzt im Kinderzimmer und liest, isst zu vorgesetzten Zeiten. Nichts Überraschendes passiert. Als Fox ein Buch geschenkt bekommt, dessen Seiten wirklich mit Buchstaben gefüllt sind, entwickelt sie Sehnsucht nach der Welt und macht sich auf die Suche. Die Leere ihrer eigenen Welt füllt sich nach und nach, während Fox immer mehr Person wird.

Ilisch hat in einer eindringlichen und doch einfachen Sprache eine Figur geschaffen, die mir bereits auf den ersten Seiten ans Herz wuchs: „Um sie herum war es still. Niemand rief mehr ihren Namen, aber es war noch mehr als das, nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen – eine Anwesenheit von Stille.“ Ilisch gelingt es, eine sehr dichte Stimmung zu schaffen, die immer wieder zwischen Beklemmung und Leichtigkeit mäandert. Denn Fox steigt aus dem Fenster und landet nicht draußen, sondern in einem anderen Haus, das ihrem eigenen sehr ähnelt. Während sie von Haus zu Haus steigt, wurde ihre Einsamkeit für mich immer schwerer aushaltbar, bis sie endlich jemandem begegnet.
Mich hat „Die vierte Wand“ sehr an „Unten“ erinnert. In beiden Büchern irrt ein Mädchen durch ein Haus, ist einsam und hat erwachsene Bezugspersonen, die sie nicht wirklich sehen. In beiden Büchern findet sie einen Freund.
Lange lässt sich „Die vierte Wand“ als Geschichte einer psychotherapeutischen Reise gelesen: Fox lernt, ihr eigenes Leben neu zu sehen: dass die Teller leer sind, dass sie gar nicht wirklich lebt. Darin entdeckt sie die eigene Lebendigkeit. Das hat mich sehr berührt, auch wenn das Buch für mich einige Redundanzen und Längen aufwies. Aber da ich „Unten“ bereits kannte und es so viele Ähnlichkeiten gab, fürchtete ich, dass ich auch hier ohne Erklärungen für das Setting bleiben würde, und das hat mich doch zunehmend frustriert.