Maja Ilisch: Die vierte Wand. Oetinger
beklemmend und leicht
Fox lebt mit zwei Geschwistern, ihrer Oma, einem Lehrer, einem Koch und ihren Eltern in einem Haus und jeder Tag ist genau gleich: Sie sitzt im Kinderzimmer und liest, isst zu vorgesetzten Zeiten. Nichts Überraschendes passiert. Als Fox ein Buch geschenkt bekommt, dessen Seiten wirklich mit Buchstaben gefüllt sind, entwickelt sie Sehnsucht nach der Welt und macht sich auf die Suche. Die Leere ihrer eigenen Welt füllt sich nach und nach, während Fox immer mehr Person wird.
Ilisch hat in einer eindringlichen und doch einfachen Sprache eine Figur geschaffen, die mir bereits auf den ersten Seiten ans Herz wuchs: „Um sie herum war es still. Niemand rief mehr ihren Namen, aber es war noch mehr als das, nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen – eine Anwesenheit von Stille.“ Ilisch gelingt es, eine sehr dichte Stimmung zu schaffen, die immer wieder zwischen Beklemmung und Leichtigkeit mäandert. Denn Fox steigt aus dem Fenster und landet nicht draußen, sondern in einem anderen Haus, das ihrem eigenen sehr ähnelt. Während sie von Haus zu Haus steigt, wurde ihre Einsamkeit für mich immer schwerer aushaltbar, bis sie endlich jemandem begegnet.
Mich hat „Die vierte Wand“ sehr an „Unten“ erinnert. In beiden Büchern irrt ein Mädchen durch ein Haus, ist einsam und hat erwachsene Bezugspersonen, die sie nicht wirklich sehen. In beiden Büchern findet sie einen Freund.
Lange lässt sich „Die vierte Wand“ als Geschichte einer psychotherapeutischen Reise gelesen: Fox lernt, ihr eigenes Leben neu zu sehen: dass die Teller leer sind, dass sie gar nicht wirklich lebt. Darin entdeckt sie die eigene Lebendigkeit. Das hat mich sehr berührt, auch wenn das Buch für mich einige Redundanzen und Längen aufwies. Aber da ich „Unten“ bereits kannte und es so viele Ähnlichkeiten gab, fürchtete ich, dass ich auch hier ohne Erklärungen für das Setting bleiben würde, und das hat mich doch zunehmend frustriert.