Bernhard Kegel: Gras. Dörlemann
spannend, aber stellenweise unglaubwürdig
Im Berlin unserer Jetztzeit breitet sich ein bislang unbekanntes Gras aus und wächst und wächst und wächst. Worüber sich die Menschen zunächst freuen, scheint doch die Natur dem Klimawandel zu trotzen, entwickelt sich mehr und mehr zur Katastrophe: Straßen und Gehwege werden unpassierbar, die Logistik bricht zusammen.
Ich mochte diese Idee, einerseits, weil ich Berlin mag und es genoss, bekannte Orte in verfremdeter Form wiederzufinden, andererseits weil ich Pflanzen-SF oft spannend finde. Diese hier ist in zwei Zeitebenen erzählt: einmal verfolgen wir den Alltag der Protagonistin Natalie in Jetztzeit (im Präsens), auf der anderen Zeitebene bekommen wir in der Vergangenheitsform geschildert, wie es zu Natalies Situation kam, denn mittlerweile lebt sie allein im verlassenen Berlin.
Der Roman ist eine Ich-Erzählung, was ich normalerweise mag, weil man der Hauptfigur so ganz nahe kommen kann. Leider funktionierte das hier für mich kaum, was vor allem daran lag, dass die Erzählstimme für mich nicht zur Figur passte. Ich hielt Natalie zunächst für einen ca. siebzigjährigen weißen Mann und fand es cool, dass er ein Kind adoptiert, das ihm über den Weg läuft. Dann erfuhr ich, dass die Erzählfigur mit Weiblichkeit assoziierte Brüste hat, ich korrigierte also auf siebzigjährige Frau. In der Vergangenheitserzählung erfahre ich von ihrer Studienzeit, die ich weit in der Vergangenheit einordnete. Es dauerte bis zu fast einem Drittel des Romans bis mir klar wurde, dass nur vier Jahre vergangen sind und Natalie demnach um die dreißig ist. Dass sie spricht wie Männer aus der Nachkriegsgeneration und Wörter wie „Gesichtchen“ oder „Wäschekumme“ verwendet, hat mich immer wieder aus dem Text gerissen, zumal nie eine Erklärung ableitbar war, warum sie sich auch so verhält wie eine viel ältere Frau.



„Oktoberrevolution 1967“ enthält eine Sammlung erstmals übersetzter Kurzgeschichten des russischen Autors, die in den 1960ern und 70er Jahren entstanden sind. Trotz ihres Alters sind sie überraschend gut zu lesen.
Auch wenn mir der Einstieg in dieses Buch nicht leicht fiel, ist es ganz klar ein 2024er Lesehighlight. Es beginnt mit einem Auszug aus dem fiktiven Buch „Wie Meere denken“ von Ha Nguyen, der Hauptfigur des Romans. Diese lernen wir zunächst ausschließlich über Zitate kennen, die zwischen den Kapiteln stehen. In mir hat das Neugier hervorgerufen, die Person kennenzulernen, die diese Worte geschrieben hat.
Dani Aquitaine: Das zehnte Kind 
Ein heterosexuelles Paar lebt mit seinem Baby in einer zu kleinen Wohnung und leidet unter Armut und Enge. Als sie eine Kollegin einladen, vor der ihnen die kleine Wohnung peinlich ist, öffnet diese einen Wandschrank und findet dort eine Terrasse. Diese wird zu einem Ort des Träumens, an dem sie sich all die Geschichten erzählen, die mit mehr Geld hätten möglich sein können. Die Kollegin wird zum Teil der Familie – aber nur, weil sie es ist, die die Terrasse erschaffen kann, deren Gegebensein vorausgesetzt, aber nie besprochen wird. Als die Kollegin, Stephanie, die Tür zur Terrasse schließt, reißt sie damit die Familie auseinander.