Scott Alexander Howard: Das andere Tal. Diogenes


Bedrückend und gut beobachtet


Cover das andere talIch habe selten ein Buch erlebt, das mich trotz seiner Langsamkeit so in den Bann zog. Lesend zog ich durch die Wohnung – wo eigentlich andere Aufgaben anlagen – und folgte Odile Ozanne durch, ja wie viele? Drei Leben?
Aber fangen wir von vorn an. Oder von außen. Howard zeichnet eine Welt, die aus einer Ost-West-Reihung von Tälern besteht. Diese liegen eins neben dem anderen und in jedem Tal verschiebt sich die Zeit um 20 Jahre. Nach Westen kommt ein Tal, in dem es 20 Jahre später ist, nach Osten ist es zwanzig Jahre eher. Da es Gefahren birgt, durch die Täler zu reisen – was ja eine Zeitreise bedeutet, in der man sich selbst begegnen könnte und die Zeitlinien durcheinander bringt – sind Reisen in andere Täler streng reglementiert.
Howards Welt, die wirkt, als sei sie gleichzeitig um 1900, 1950 und 1980 stehengeblieben, ist um diese Reglementierung herum angelegt: Wir begegnen der Hauptfigur Odile, zunächst in der Schulzeit, wo ein einziger Lehrer für alle Altersklassen Kinder mit dem Rohrstock brutal züchtigt, was von niemandem hinterfragt wird. Dann folgen wir Odile in die Ausbildung, wo jede Person genau eine Lehrstelle bekommt und, wenn sie dort versagt, für immer zur Verliererin wird. Die Entwicklungspfade in der Welt scheinen genau vorgezeichnet. Um einen gewissen Status zu erringen, müssen Menschen das Wegschauen perfektionieren: Niemals laut an ein Nachbartal denken, niemals die Entscheidungen der Obrigkeit in Frage stellen. Die Möglichkeit der Reise in die eigene Vergangenheit oder Zukunft wird in dieser Welt zur Bedrohung und Howard stellt dar, was es hieße, die eigene (mögliche?) Zukunft zu kennen und welche Last dieses Wissen wäre.

Léa Bordier: Lieber Körper. Hirnkost

berührende Comicsammlung

Lieber Krper

 

Als Léa Bordier vor mehreren Jahren einer nächtlichen Eingebung folgte und Interviews mit Frauen und nichtbinären Personen über ihr Verhältnis zu ihren Körpern drehte und veröffentlichte, ahnte sie nicht, welch große Resonanz ihre Arbeit hervorrufen würde. Es entstand ein viel frequentierter You-Tube-Kanal, der zahlreiche Korrespondenz nach sich zog. Später entstand die Idee, einige der erzählten Lebensgeschichten in Graphic Novels zu übersetzen und mithilfe von Illustratorinnen entstanden zwölf Comics, die ,von Tünde Malomvölgyi ins Deutsche übersetzt, in diesem Buch zu finden sind. Die Kapitel sind dabei hinsichtlich der grafischen Stile sehr verschieden.

 

 

Becky Chambers: „Ein Psalm für die wild Schweifenden“ und „Ein Gebet für die achtsam Schreitenden“. Carcosa

gemütliches Wohlfühlbuch

Dex und Helmling 1

Auf dem Mond Panga haben die Roboter irgendwann, in der Vorzeit, Bewusstsein erlangt. Menschen und Roboter überlegten, wie damit umgegangen werden soll, und es wurde beschlossen, den Mond aufzuteilen: ein großer Teil für die Natur und ein kleiner Teil für die Menschen. Um nicht wieder versehentlich etwas mit Bewusstsein zu schaffen, entschieden sich die Menschen für einen nachhaltigen Lebensstil. Die Roboter dagegen entschieden sich für ein Leben in der Natur. Seitdem hat kein Mensch mehr einen Roboter gesehen.

Das ist die Vorgeschichte der aktuellen Gesellschaftsordnung in Chambers Dex-und-Helmling-Büchern. Chambers malt eine sehr angenehme, utopische Welt, in der die Menschen freundlich zueinander sind und auf die Folgen ihres Tuns achten. Dex, die Hauptfigur, ist ein nichtbinärer Mönch und benutzt das Pronomen ser. Am Anfang der Geschichte wird Dex von einer großen Unruhe gepackt und entscheidet sich, den Beruf zu wechseln. Ser wird Teemönch, eine Art wandernde*r Heilpraktiker*in, und bietet in verschiedenen Dörfern Trost an. Dex wird bald sehr gut in diesem Beruf und wir erfahren etwas darüber, wie die Menschen auf Panga leben und dass es beispielsweise möglich ist, einen Beruf über eine Ausbildung zu erlernen oder sich autodidaktisch durchzuwurschteln.
Irgendwann ergreift Dex wieder diese Unruhe und ser tut etwas ziemlich Gefährliches: Ser lenkt sir Fahrrad in die Wildnis und folgt der Eingebung, nach einem lang verlassenen Ort zu suchen. Und dort, am Rande der Zivilisation, trifft Dex auf Helmling, den ersten Roboter, der sich nach langer Zeit aufmacht, um zu schauen, wie es den Menschen geht.
Die beiden Novellen, von denen die erste unabhängig lesbar ist, erzählen von der Reise der beiden, immer entlang von Helmlings Frage: „Was brauchen die Menschen?“

Matt Dinniman: Carl`s Doomsday Scenario. Dungeon Crawler Carl Book 2. Dandy House

Gore-Slapstick

Carl 2Nachdem ich den ersten Teil der Serie ziemlich genossen habe, bin ich nach kurzer Pause in den zweiten Teil gehüpft. Und wurde herbe enttäuscht. Was im ersten Teil spritzig und abwechslungsreich daherkam, las sich nun repetitiv und oberflächlich. Carl und sein Team, das mittlerweile neben der sprechenden Katze Donut auch den Velociraptor Mongo enthält, metzeln sich durch Horden von Monstern, wobei Carl immer besser darin wird, Dinge in die Luft zu sprengen. Dabei nutzten sich die Gags für mich schnell ab: bemüht witzige und fiese Monster- und Errungenschaften-Beschreibungen, die Tatsache, dass Carl nur mit einer Unterhose bekleidet ist, und immer wieder die Lebensbedrohung, der sie stets nur knapp entgehen.

Im ersten Teil hatte mich vor allem die wachsende Beziehung zwischen Carl und Donut interessiert. In den zweiten Teil startete ich mit der Erwartung, dass ich nun mehr darüber erfahre, wie Carl mit den geretteten Rentner*innen umgeht und was es mit der geheimnisvollen Obdachlosen auf sich hat. Außerdem wollte ich, dass er anderen Crawlern begegnet und mehr darüber lernt, wie der Dungeon in die Außenwelt eingebunden ist. Was sind das für Leute, die Vergnügen daran haben, zuzusehen, wie Tausende Menschen sterben? Und was ist das für eine Welt, die das nicht nur ermöglicht, sondern befördert? Wie kann Carl, der eigentlich ein gutes Herz hat, sich in dieser sehr finsteren Welt seine Menschlichkeit behaupten?

Maxim Leo: Wir werden jung sein. Kiepenheuer & Witsch

spannend und unterhaltsam

Jung sein CoverLeos Schreibstil zog mich schnell in den Text hinein. Flüssig und mit leisem Humor, der sich in eigenwilligen Vergleichen zeigt, enthält dieser Stil alles, was ich schätze. Sprachliche Perlen, die sich nicht zu wichtig machen, Phrasenarmut und dabei eine fließende Leichtigkeit: “Sie wirkte so, als wäre sie jederzeit in der Lage, einhändig hundert Liegestütze zu machen oder einer Schlange den Kopf abzureißen, vielleicht sogar beides gleichzeitig.”
Ich brauchte trotzdem einen Moment, um in den Text einzutauchen, der sich wie ein Kaleidoskop vor mir ausbreitet: Leo zeigt verschiedene Figuren, wieder eine neue Figur und noch eine. Nach einer Weile verstand ich, dass alle unter Herzprobleme leiden, nur um dann mit einer neuen Figur konfrontiert zu werden, deren Herz einwandfrei funktioniert. Zum Glück kehrte Leo irgendwann zu bekannten Figuren zurück und ich fand mich zurecht. Im Zentrum des Textes stehen fünf Figuren, die alle ein neuartiges Medikament genommen haben: zwei Frauen (eine, die Mutter werden möchte und eine ehemalige Profischwimmerin) und drei Männer (ein frisch verliebter Jugendlicher, ein narzisstischer Firmeninhaber und der Forscher, der das Medikament entwickelt und selbst eingenommen hat). Das sind schon viele Stränge, aber Leo entscheidet sich, uns zudem noch eine Ethikerin zu präsentieren, die für die Regierung arbeitet. Auch wenn die verschiedenen Perspektiven gut zusammenkommen, zeigt sich für mich hier doch ein Nachteil: bei 264 Seiten bekommt jede Figur nur wenig Raum, was zulasten der Tiefe geht. Und Tiefe kann das Thema durchaus vertragen. Als sich zeigt, dass das Medikament nicht nur das Herz heilt, sondern zu Verjüngung führt, werden verschiedene Fragen meist in Dialogen beleuchtet: Was bedeutet das für einzelne Personen und deren Leben? Was für die Gesellschaft an sich? Welche gesetzlichen Regelungen braucht es?

Daniel Keyes: Blumen für Algernon. Hobbit Presse

alt und doch bedrückend aktuell

Cover Algernon„Blumen für Algernon“ von 1966 ist einer der Klassiker psychologischer Science-Fiction und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und immer wieder neu aufgelegt. Ich habe ein schickes Exemplar mit Farbschnitt ergattert: über die blau bemalten Seiten des Buches tanzen Mäuse. Auch auf dem Cover ist eine Maus abgebildet, aber wer hier eigentlich durch das Forschungslabyrinth eilt, ist ein Mensch.
Charlie Gordon, die Hauptfigur des Buches, ist ein stark lernbehinderter Mann, der in einer Bäckerei aushilft und in seiner Freizeit zu einer Spezialschule geht, weil er gern intelligenter werden möchte. Als ihm eine Operation angeboten wird, die sein Ziel ermöglicht, verändert sich sein Leben rasant.
Keyes, der in den USA lebte und Psychologie und Literatur studiert hat, schreibt auf authentische und nahbare Weise über seinen Protagonisten. Wir verfolgen Charlies Forschungstagebuch und nehmen wahr, wie sich mit seiner Intelligenz auch seine Sprache verändert. Keyes ist es auf beeindruckende Weise gelungen, die Erzählstimme von Charlie lebendig werden zu lassen. Dabei berührt mich besonders, dass ich als Leser*in Dinge verstehe, die Charlie entgehen.
Es ist schwer, über dieses Buch zu schreiben, ohne zu viel über den Inhalt zu verraten. Grob gesagt entdecken wir gemeinsam mit Charlie seine Veränderungen und Erinnerungen. Keyes beschäftigt sich mit den Fragen, wie Intelligenz und Persönlichkeit zusammenhängen und was Freundschaft eigentlich ausmacht. Charlie wird von der ersten bis zur letzten Seite massivem Ableismus ausgesetzt, er wird objektifiziert, ausgenutzt und ihm wird das Menschsein abgesprochen. Auch wenn man dem Buch seine Zeit auf viele Arten anliest, finde ich doch viel wieder, was auch heute noch eine Rolle spielt: Wie kann Personen mit Lernbehinderung ein eigenes Leben ermöglicht werden? Wie gelingt es, sie als Ebenbürtige anzusprechen?

Matt Dinniman: Dungeon Crawler Carl. Dandy House

spannend und schwarzhumorig

Carl 1

 

Ich gebe zu: Rein vom Cover wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch lesen zu wollen. Da rennt ein weißer muskulöser Typ in Lederjacke und Herzchenshorts hinter einer Katze vor einem grünen Kobold mit Dornenramme weg … das klingt wenig originell. Und gleichzeitig zeigt es jetzt, wo ich den ersten Teil gelesen habe, genau, was Lesende erwartet: eine witzige, schnelle und kampflastige Geschichte um einen etwas ungewöhnlichen Dungeoncrawler.
Ich bin einer Empfehlung zu diesem Buch gefolgt, denn die Grundidee hat mich als Rollenspielnerd mit PC- und Tabletop-Erfahrung sofort begeistert: Was wäre, wenn es all diese Spielmechanismen wirklich gäbe? Inklusive dem absurd großen Inventar, der schnellen Heilung und der Steigerung von teilweise unrealistischen Fähigkeiten durch Übung?

 

Judith Vogt, Lena Richter, Heike Knopp-Sullivan (Hrsg.): Queer*Welten 13 - 2024

tolle Microstorys


QW 13Im Vorwort schreiben die Herausgeber*innen über die zunehmende Enge in der Buchbranche, in der sich scheinbar gerade nur eskapistische Romance verkauft. Welchen Platz hat da progressive Phantastik?

Das Heft enthält neben fünf Kurzgeschichten und einem Essay 13 „Schattengeschichten“, 13x13 Wörter lange Texte zum Thema Halloween. Nach dem Vorwort bietet „Was soll es bedeuten?“ von Maria Schmiedinghoff eine Reinterpretation der Lorelei-Geschichte, die ich prägnant und gelungen finde. „Wohnungsgespenst“ von Leo Nora Grabner beschreibt die Beziehung zwischen einem Menschen und einem sehr sympathischen Gespenst.

Martina John: Rhizom Reloaded (KG)

In dieser Science-Fiction-Geschichte wollen Ness und Raja ein Appartement überfallen, um mit der Beute einen Weg aus der Armut zu finden. Aber wie das mit „dem großen Coup“ so ist: Natürlich geht er schief.
Ich mochte den gelungenen und dichten Weltenbau der Geschichte, besonders die Idee, dass eine Person mit Pilzmyzel kommunizieren kann. Auch die Rasanz und Spannung sprach mich an. Stilistisch mischt der Text dichte, stimmungsvolle Beschreibungen mit Derbheit und findet dabei eine eigene Sprache und immer wieder Momente zum Innehalten. Schön. Trotz kleiner plastischer Details konnte ich allerdings die Figuren nicht fassen. Das Ende enthält dann einen überraschenden Wechsel, den ich leider nicht kaufe, weil eine „Loop Gun“ für mich innerhalb der gezeichneten Welt keinen Sinn vergibt. Das ist wirklich schade, denn bis zu diesem Ende habe ich den Text ziemlich genossen.