Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz: Das Science Fiction Jahr 2025. Hirnkost

anregend und gespalten

SF Jahr 2025

„Das Science Fiction Jahr“ (in der Publikation durchgängig ohne die nach Duden richtigen Bindestriche geschrieben, weshalb ich diese Schreibweise hier übernehme) ist eine jährlich erscheinende Sammlung von Sachtexten. Essays, Rezensionen und Rückblicke verschiedener Autor*innen reihen sich auf 515 Seiten aneinander. Obwohl ich „Das Science Fiction Jahr“ schon seit einigen Jahren lese, habe ich mich bislang nie dazu aufraffen können, es zu rezensieren. Denn wie soll ich der Menge der Texte gerecht werden? Diesjahr hat mich diese Sammlung aber so bereichert, dass ich unbedingt versuchen möchte, sie mit einer Rezension zu feiern. Hinzu kommt, dass mit der Insolvenz des Hirnkost Verlags die Zukunft des Projektes (mal wieder) auf dem Spiel steht. Zu oft habe ich in den letzten Monaten gehört, dass sich so ein Projekt überlebt habe, es nicht mehr zeitgemäß sei, sich keine Leser*innenschaft dafür finden ließe. Aber ist das wirklich so?

 

 

Téa Obreht: Im Morgenlicht. Rowohlt


Traumartig und sprachlich schön
Im Morgenlicht

Sil, die elfjährige Hauptfigur des Buches, zieht mit ihrer Mutter zu einer Tante, von der sie nicht wusste, dass sie existiert. Die Tante lebt in einer buchstäblich untergehenden Stadt am Meer, der marode Charme des Verfalls zieht sich durch das gesamte Buch. Sie leben im „Morgenlicht“ einem Hochhaus, in dem nur noch wenige Wohnungen vermietet sind. Und sie sind Flüchtlinge, die nicht wissen, ob ihre Flucht hier ein Ende findet. In ihrer Einsamkeit und Angst versinkt Sil in folkloristischen Geistergeschichten, Realität und Vorstellung beginnen sich zu vermischen. Aber natürlich gibt es auch reale Bedrohungen, allen voran die Frage, ob Sil und ihre Mutter im Rahmen des „Wiederansiedlungsprogramms“ erhalten, was sie zum Überleben brauchen.

 

 

 

Ursula Poznanski: Scandor. Loewe

spannend, aber ohne Tiefe

Cover ScandorStell dir vor, du könntest nicht mehr unerkannt lügen. Diese Grundidee beschäftigt mich seit Jahren, weshalb sie im Weltenbau von „Das Geflecht“ eine große Rolle spielt. Poznanski hat keinen neuen Sinn, sondern eine Maschine erfunden: den perfekten Lügendetektor. Einhundert Menschen sollen ihn um die Wette verwenden. Wer als längstes durchhält, gewinnt fünf Millionen Euro.

Ich finde Poznanskis Idee ziemlich genial. Was macht es mit unserem Alltag, wenn wir nicht mehr lügen können, wenn all die kleinen höflichen, unbedachten Aussagen wegfallen? Was macht es mit uns selbst, wenn wir uns ständig befragen müssen, ob das, was wir da von uns geben, wirklich authentisch ist? Ich denke, die Idee gibt Anlass zu jeder Menge ethischen, psychologischen und philosophischen Fragen, sowohl auf der Ebene der Träger*innen von Scandor, dem Lügendetektor, als auch auf der Ebene der Entwickler*innen. Wer sollte im Besitz der Maschine sein? Wer würde sie wohl wozu nutzen? Was hätte das für Einflüsse auf die Gesellschaft? Und wie müsste die Verwendung gesetzlich geregelt oder beschränkt werden?
Poznanski behandelt keine dieser Fragen wirklich. Stattdessen ist „Scandor“ ein Roman rund um ein Spiel. Denn die ausgewählten Menschen wollen alle gewinnen. Wenn nicht, müssen sie eine Sache tun, vor der sie sich sehr fürchten. Ich war zunächst erstaunt, wie belanglos diese „Strafen“ schienen, bis ich über meine eigenen Ängste nachdachte: Wenn, wie im Buch, alles, was mit Krankheit und Tod einhergeht, rausfällt, wenn die Dinge niemandem schaden dürfen, als mir selbst, kommt auch bei mir eine von außen recht belanglose Angst heraus. Und vielleicht lohnt sich schon für diese Erkenntnis die Lektüre des Buches.

Bernhard Kegel: Gras. Dörlemann

spannend, aber stellenweise unglaubwürdig

Cover GrasIm Berlin unserer Jetztzeit breitet sich ein bislang unbekanntes Gras aus und wächst und wächst und wächst. Worüber sich die Menschen zunächst freuen, scheint doch die Natur dem Klimawandel zu trotzen, entwickelt sich mehr und mehr zur Katastrophe: Straßen und Gehwege werden unpassierbar, die Logistik bricht zusammen.
Ich mochte diese Idee, einerseits, weil ich Berlin mag und es genoss, bekannte Orte in verfremdeter Form wiederzufinden, andererseits weil ich Pflanzen-SF oft spannend finde. Diese hier ist in zwei Zeitebenen erzählt: einmal verfolgen wir den Alltag der Protagonistin Natalie in Jetztzeit (im Präsens), auf der anderen Zeitebene bekommen wir in der Vergangenheitsform geschildert, wie es zu Natalies Situation kam, denn mittlerweile lebt sie allein im verlassenen Berlin.
Der Roman ist eine Ich-Erzählung, was ich normalerweise mag, weil man der Hauptfigur so ganz nahe kommen kann. Leider funktionierte das hier für mich kaum, was vor allem daran lag, dass die Erzählstimme für mich nicht zur Figur passte. Ich hielt Natalie zunächst für einen ca. siebzigjährigen weißen Mann und fand es cool, dass er ein Kind adoptiert, das ihm über den Weg läuft. Dann erfuhr ich, dass die Erzählfigur mit Weiblichkeit assoziierte Brüste hat, ich korrigierte also auf siebzigjährige Frau. In der Vergangenheitserzählung erfahre ich von ihrer Studienzeit, die ich weit in der Vergangenheit einordnete. Es dauerte bis zu fast einem Drittel des Romans bis mir klar wurde, dass nur vier Jahre vergangen sind und Natalie demnach um die dreißig ist. Dass sie spricht wie Männer aus der Nachkriegsgeneration und Wörter wie „Gesichtchen“ oder „Wäschekumme“ verwendet, hat mich immer wieder aus dem Text gerissen, zumal nie eine Erklärung ableitbar war, warum sie sich auch so verhält wie eine viel ältere Frau.

N. K. Jemisin: Emergency Skin. Amazon Original Stories

Zukunft ohne Frauen

emergency skin

Für wenig mehr als einen Euro gibt es diese längere englische Kurzgeschichte bei Amazon zu lesen oder zu hören. Trotz der Kürze wagt der Text mehrere Experimente – und das meines Erachtens sehr gelungen. Da ist die Idee einer Zukunft ohne Frauen, das Weiterdenken heutiger Ismen zu einem faschistischen Staat, in dem sich Menschen die eigene Haut verdienen müssen. Auch sprachlich ist der Text experimentell: Wir lauschen der inneren KI-Stimme der Hauptfigur und erfahren die Geschichte aus den Kommentaren dieser Stimme in der Du-Form.

Jemisin bekommt es meisterhaft hin, dieses Experiment zu einem flüssig lesbaren Text zu machen, bei dem sich der grandiose Weltenbau indirekt erschließt. Die Hauptfigur landet einer Aufgabe wegen auf einem ihr fremden Planeten. Aber anders als gedacht, ist dieser Planet nicht unbewohnt. Während die Figur versucht, ihre Aufgabe zu erfüllen, erfahren wir durch Begegnungen mit Bewohner*innen etwas über die Welt auf dem besuchten Planeten. Parallel erfahren wir durch die Art der Kommentare der KI aus welcher Welt die Person kommt und wie sie dort behandelt wird. Das Ganze ist zynisch, von schneidendem Humor durchzogen und gut durchdacht. Unserer jetzigen Welt wird gekonnt der Spiegel vorgehalten und das Ganze wäre schwer auszuhalten, wäre da nicht auch der utopische bzw. antidystopische Ausweg.
Besonders fasziniert hat mich, dass die Emotionen der Hauptfigur nur indirekt vermittelt werden, die Figur für mich aber trotzdem spürbar wird. Das ist wirklich grandios gelöst!

Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland. C. Bertelsmann

surreal, poetisch, spannend

Cover OedlandZwischen Russland und China erstreckt sich das Ödland: eine geheimnisvolle Region, in der sich die Lebewesen verändert haben. Sie ist mit einer hohen Mauer abgesperrt und nur ein Verkehrsmittel fährt hindurch, um Europa und Asien zu verbinden: der Zug. Luftdicht abgeschottet und gut bewacht, rast er durch das Ödland, transportiert Waren, Menschen und deren Vorräte, damit sie die dreiwöchige Reisezeit überstehen. Im Zug gibt es eine erste und eine dritte Klasse, warum die zweite fehlt, weiß niemand.
Die Strecke ist bei Tourist*innen und Dienstreisenden gleichermaßen beliebt, denn ihr hängt der Hauch des Abenteuers an – und gleichzeitig der des Luxus, wenn man es sich leisten kann, die erste Klasse zu buchen. Da der Text um 1900 spielt, lässt sich auch hervorragend mit Standesunterschieden spielen.
Wer die Reise unternehmen möchte, informiert sich am besten im „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“, aus dem immer wieder Zitate den Kapiteln vorangestellt sind, die chronologisch die Geschehnisse im Zug erzählen. Ich war von der Stimmung her immer wieder an „Mord im Orientexpress“ erinnert, auch wenn es hier keinen Mord gibt und die Stimmung auch mit Fortschreiten der Handlung mehr und mehr ins Surreale abdriftet.

Akwaeke Emezi: PET. Faber & Faber

bedrückend und spannend

Cover PET

 

Ein phantastisches Jugendbuch über eine Monsterjagd, das klingt erst einmal ziemlich beliebig. Jam, die Hauptfigur dieses Buches, begegnet einer Kreatur, die aus einem Bild ihrer Mutter steigt. Was die Mutter gemalt hat, wurde durch Jams Blut zum Leben erweckt und Pet, wie sich die Kreatur nennt, hat eine wichtige Botschaft: Es stimmt nicht, dass alle Monster verjagt sind. Ein Monster lebt im Haus deines Freundes und du musst mir helfen, es zu jagen.
Diese Informationen stehen bereits im Klappentext. Wenn ich jetzt über das Buch, und was es in mir ausgelöst hat, schreibe, werde ich etwas spoilern müssen (aber natürlich wird das Ende nicht verraten). Wer nichts weiter über das Buch der nigerianischen Autorin wissen möchte, außer dass es lesenswert ist, sollte also hier aufhören.

 

 

Roxane Bicker, Sarah Malhus (Hrsg.): X. Die zehnte Anthologie der Münchner Schreiberlinge

viel Luft nach oben …

Cover X Die Zehnte 2Dani Aquitaine: Das zehnte Kind
In einem Ort wird jedes zehnte Kind einem Drachen geopfert. Eine junge Mutter denkt, dass dies ihr Kind beträfe. Als dann deutlich wird, dass ein anderes Kind das zehnte ist, macht sie sich auf, es zu retten.
Was als klassische Kampf-gegen-den-Drachen-Geschichte beginnt, hat natürlich so einige Wendungen und ist dann doch ganz anders als gedacht. Mir hat besonders der Humor gefallen und auch der Zusammenhalt der Dorfbewohner*innen. Und natürlich der Drache. :)

E.B. Branger: Der Sprung
Ein Junge steht auf dem Zehnmeterbrett und traut sich nicht zu springen. Was erst wie eine normale Szene wirkt, wird zur Zombiapokalypse. Der Text ist gut lesbar und die Hauptfigur auch recht plastisch, allerdings finde ich den Plot weder besonders spannend noch wirklich originell. Der rettende Sprung würde meines Erachtens auch plottechnisch nicht funktionieren. Trotzdem ist das ein unterhaltsamer Text.

R.F. Krammer: Sprengkraft
Ein Bombenentschärfungsteam bei der Arbeit: Ein frischer Lehrling bekommt sofort gefährliche Aufgaben, das Finden der Bomben übernimmt eine Ratte und irgendwas hat das Ganze mit Dimensionen zu tun. Ich konnte dem Text nur mit Mühe folgen, empfand den Stil als holprig, die Figuren blass und die Motive undurchsichtig, dazu schienen mir Plot und Weltenbau unlogisch und undurchdacht. Das hat mich nicht überzeugt.