Bernhard Kegel: Gras. Dörlemann

spannend, aber stellenweise unglaubwürdig

Cover GrasIm Berlin unserer Jetztzeit breitet sich ein bislang unbekanntes Gras aus und wächst und wächst und wächst. Worüber sich die Menschen zunächst freuen, scheint doch die Natur dem Klimawandel zu trotzen, entwickelt sich mehr und mehr zur Katastrophe: Straßen und Gehwege werden unpassierbar, die Logistik bricht zusammen.
Ich mochte diese Idee, einerseits, weil ich Berlin mag und es genoss, bekannte Orte in verfremdeter Form wiederzufinden, andererseits weil ich Pflanzen-SF oft spannend finde. Diese hier ist in zwei Zeitebenen erzählt: einmal verfolgen wir den Alltag der Protagonistin Natalie in Jetztzeit (im Präsens), auf der anderen Zeitebene bekommen wir in der Vergangenheitsform geschildert, wie es zu Natalies Situation kam, denn mittlerweile lebt sie allein im verlassenen Berlin.
Der Roman ist eine Ich-Erzählung, was ich normalerweise mag, weil man der Hauptfigur so ganz nahe kommen kann. Leider funktionierte das hier für mich kaum, was vor allem daran lag, dass die Erzählstimme für mich nicht zur Figur passte. Ich hielt Natalie zunächst für einen ca. siebzigjährigen weißen Mann und fand es cool, dass er ein Kind adoptiert, das ihm über den Weg läuft. Dann erfuhr ich, dass die Erzählfigur mit Weiblichkeit assoziierte Brüste hat, ich korrigierte also auf siebzigjährige Frau. In der Vergangenheitserzählung erfahre ich von ihrer Studienzeit, die ich weit in der Vergangenheit einordnete. Es dauerte bis zu fast einem Drittel des Romans bis mir klar wurde, dass nur vier Jahre vergangen sind und Natalie demnach um die dreißig ist. Dass sie spricht wie Männer aus der Nachkriegsgeneration und Wörter wie „Gesichtchen“ oder „Wäschekumme“ verwendet, hat mich immer wieder aus dem Text gerissen, zumal nie eine Erklärung ableitbar war, warum sie sich auch so verhält wie eine viel ältere Frau.

Akwaeke Emezi: PET. Faber & Faber

bedrückend und spannend

Cover PET

 

Ein phantastisches Jugendbuch über eine Monsterjagd, das klingt erst einmal ziemlich beliebig. Jam, die Hauptfigur dieses Buches, begegnet einer Kreatur, die aus einem Bild ihrer Mutter steigt. Was die Mutter gemalt hat, wurde durch Jams Blut zum Leben erweckt und Pet, wie sich die Kreatur nennt, hat eine wichtige Botschaft: Es stimmt nicht, dass alle Monster verjagt sind. Ein Monster lebt im Haus deines Freundes und du musst mir helfen, es zu jagen.
Diese Informationen stehen bereits im Klappentext. Wenn ich jetzt über das Buch, und was es in mir ausgelöst hat, schreibe, werde ich etwas spoilern müssen (aber natürlich wird das Ende nicht verraten). Wer nichts weiter über das Buch der nigerianischen Autorin wissen möchte, außer dass es lesenswert ist, sollte also hier aufhören.

 

 

N. K. Jemisin: Emergency Skin. Amazon Original Stories

Zukunft ohne Frauen

emergency skin

Für wenig mehr als einen Euro gibt es diese längere englische Kurzgeschichte bei Amazon zu lesen oder zu hören. Trotz der Kürze wagt der Text mehrere Experimente – und das meines Erachtens sehr gelungen. Da ist die Idee einer Zukunft ohne Frauen, das Weiterdenken heutiger Ismen zu einem faschistischen Staat, in dem sich Menschen die eigene Haut verdienen müssen. Auch sprachlich ist der Text experimentell: Wir lauschen der inneren KI-Stimme der Hauptfigur und erfahren die Geschichte aus den Kommentaren dieser Stimme in der Du-Form.

Jemisin bekommt es meisterhaft hin, dieses Experiment zu einem flüssig lesbaren Text zu machen, bei dem sich der grandiose Weltenbau indirekt erschließt. Die Hauptfigur landet einer Aufgabe wegen auf einem ihr fremden Planeten. Aber anders als gedacht, ist dieser Planet nicht unbewohnt. Während die Figur versucht, ihre Aufgabe zu erfüllen, erfahren wir durch Begegnungen mit Bewohner*innen etwas über die Welt auf dem besuchten Planeten. Parallel erfahren wir durch die Art der Kommentare der KI aus welcher Welt die Person kommt und wie sie dort behandelt wird. Das Ganze ist zynisch, von schneidendem Humor durchzogen und gut durchdacht. Unserer jetzigen Welt wird gekonnt der Spiegel vorgehalten und das Ganze wäre schwer auszuhalten, wäre da nicht auch der utopische bzw. antidystopische Ausweg.
Besonders fasziniert hat mich, dass die Emotionen der Hauptfigur nur indirekt vermittelt werden, die Figur für mich aber trotzdem spürbar wird. Das ist wirklich grandios gelöst!

Kir Bulytschow: Oktoberrevolution 1967. Memoranda

entschleunigte Denkanregungen

Oktoberrevolution„Oktoberrevolution 1967“ enthält eine Sammlung erstmals übersetzter Kurzgeschichten des russischen Autors, die in den 1960ern und 70er Jahren entstanden sind. Trotz ihres Alters sind sie überraschend gut zu lesen.

Oktoberrevolution 1967
Ein Vorwort erklärt, dass der 1967 entstandene Text damals so gefährlich war, dass der Autor sich entschied, ihn zu vernichten. 1994 zeigte sich aber, dass ein Freund noch eine Kopie besaß, und so konnte der Text erscheinen.
„Oktoberrevolution 1967“ handelt von der Idee, dass 1967, am 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, die Erstürmung der Ermitage in großen Stil nachgestellt wird. Natürlich geht dabei fast alles schief und das Ganze gerät aus dem Ruder.
Als DDR-sozialisierte Person haben mich einige Dinge doch sehr an meine Kindheit erinnert. Trotz dieser biografischen Anknüpfungspunkte hat der Text arge Längen und manche der satirisch anmutenden „Unfälle“ sind wohl auch nur dann lustig, wenn man den Verlauf der Oktoberrevolution genau kennt, was bei mir nicht der Fall ist. Dass „Lenin“ verhaftet wird, bringt aber wohl alle zum Schmunzeln, die ihn als Helden vorgesetzt bekommen haben.
Es spielt nur eine einzige Frau in dem Text eine Rolle. Sie wird zum ONS einer der Figuren und muss Mäntel und dann später ihre Kinder abholen, die dann aber einfach aus dem Text verschwinden (die Kinder, nicht die Mäntel). Auch das sagt wohl einiges über die Oktoberrevolution aus ...

Ray Nayler: Die Stimme der Kraken. Tropen

Spannend und berührend

Stimme der KrakenAuch wenn mir der Einstieg in dieses Buch nicht leicht fiel, ist es ganz klar ein 2024er Lesehighlight. Es beginnt mit einem Auszug aus dem fiktiven Buch „Wie Meere denken“ von Ha Nguyen, der Hauptfigur des Romans. Diese lernen wir zunächst ausschließlich über Zitate kennen, die zwischen den Kapiteln stehen. In mir hat das Neugier hervorgerufen, die Person kennenzulernen, die diese Worte geschrieben hat.

Das Buch selbst zeigt uns erst einmal Lawrence, der von einer kryptischen Frau befragt und dann ermordet wird. Dann gibt es wieder ein Zitat und erst dann lernen wir Ha kennen, die auf Con Dao, einem heute vietnamesischen Archipel landet. Damit zeigt sich auch schon die Grundstruktur des Buches: Die Haupthandlung um Ha und eine Personengruppe auf Con Dao wird immer wieder unterbrochen durch Einschübe aus anderen Perspektiven, die von fiktiven Zitaten gesäumt werden. Neben „Wie Meere denken“ wird dabei aus einem weiteren fiktiven Buch zitiert, das eine Figur aus dem Buch geschrieben hat, die wir erst später kennenlernen: „Die Mauern des Geistes“ von Dr. Arnkatla Mínervudóttir-Chan.

Roxane Bicker, Sarah Malhus (Hrsg.): X. Die zehnte Anthologie der Münchner Schreiberlinge

viel Luft nach oben …

Cover X Die Zehnte 2Dani Aquitaine: Das zehnte Kind
In einem Ort wird jedes zehnte Kind einem Drachen geopfert. Eine junge Mutter denkt, dass dies ihr Kind beträfe. Als dann deutlich wird, dass ein anderes Kind das zehnte ist, macht sie sich auf, es zu retten.
Was als klassische Kampf-gegen-den-Drachen-Geschichte beginnt, hat natürlich so einige Wendungen und ist dann doch ganz anders als gedacht. Mir hat besonders der Humor gefallen und auch der Zusammenhalt der Dorfbewohner*innen. Und natürlich der Drache. :)

E.B. Branger: Der Sprung
Ein Junge steht auf dem Zehnmeterbrett und traut sich nicht zu springen. Was erst wie eine normale Szene wirkt, wird zur Zombiapokalypse. Der Text ist gut lesbar und die Hauptfigur auch recht plastisch, allerdings finde ich den Plot weder besonders spannend noch wirklich originell. Der rettende Sprung würde meines Erachtens auch plottechnisch nicht funktionieren. Trotzdem ist das ein unterhaltsamer Text.

R.F. Krammer: Sprengkraft
Ein Bombenentschärfungsteam bei der Arbeit: Ein frischer Lehrling bekommt sofort gefährliche Aufgaben, das Finden der Bomben übernimmt eine Ratte und irgendwas hat das Ganze mit Dimensionen zu tun. Ich konnte dem Text nur mit Mühe folgen, empfand den Stil als holprig, die Figuren blass und die Motive undurchsichtig, dazu schienen mir Plot und Weltenbau unlogisch und undurchdacht. Das hat mich nicht überzeugt.

Becky Chambers: To be Taught, if Fortunate. Hodderscape

gelungener Denkanstoß

To be taught

Dieser Kurzroman, der als „Und hoffentlich zu lernen …“ auch auf Deutsch vorliegt (bei Carcosa erschienen), folgt einer Erzählstimme, die einen Brief an die Menschheit schreibt. Es wird die Illusion erweckt, dass auch wir Menschen der Zukunft sind, die diese Nachricht der Raumfahrerin Ari lesen. Sie stammt aus einer Zukunft, die unabhängige, von Spender*innen bezahlte, Raumfahrt ermöglicht. Zusammen mit drei Teammitgliedern ist sie losgeflogen, um vier Planeten und deren Leben zu untersuchen.
Der Text beschreibt einerseits die Gruppe der vier, die eng zusammengewachsen ist, andererseits die nötige Technik (Langzeitschlaf, Körperveränderungen, um sie an die neue Umgebung anzupassen) und die Ethik, der die Raumfahrt folgt und was das bedeutet: Um jegliche Kontaminationen zu vermeiden, tragen die Menschen außerhalb des Schiffs auf den Planeten stets Anzüge und vor jeder Tat werden die Folgen der Handlungen überlegt.

 

Hilary Leichter: Luftschlösser. Arche

verwirrend und originell

Leichter LuftschloesserEin heterosexuelles Paar lebt mit seinem Baby in einer zu kleinen Wohnung und leidet unter Armut und Enge. Als sie eine Kollegin einladen, vor der ihnen die kleine Wohnung peinlich ist, öffnet diese einen Wandschrank und findet dort eine Terrasse. Diese wird zu einem Ort des Träumens, an dem sie sich all die Geschichten erzählen, die mit mehr Geld hätten möglich sein können. Die Kollegin wird zum Teil der Familie – aber nur, weil sie es ist, die die Terrasse erschaffen kann, deren Gegebensein vorausgesetzt, aber nie besprochen wird. Als die Kollegin, Stephanie, die Tür zur Terrasse schließt, reißt sie damit die Familie auseinander.

Dieser erste Teil des Buches hat mich fasziniert. Die Idee des rätselhaften Ortes, die Angst, diesen wieder zu verlieren, und Annies Einsamkeit, als ihre Tochter und ihr Mann verschwunden sind – all das hat mich sehr berührt und ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht: „Aber für einen kurzen Moment bemerkte Annie an den Rändern ihrer Stimme ein echte Traurigkeit und versuchte ausfindig zu machen, was für einen leeren Raum diese Ränder umschlossen und womit er sich füllen wollte.“

Im zweiten Teil fällt der Text in eine andere Welt: Ich lese die Geschichte eines Königspaars und eines weiteren Paars, das mit der Geburt des Kindes den Zusammenhalt verliert: „auch eine Familie ist ein Ökosystem, das aussterben kann“. Während ich das herrlich queere und absurde Märchen genossen habe, konnte ich mit der Geschichte um das dritte Paar wenig anfangen: zerfallende Dialoge, eine Absurdität nach der anderen und das Einzige, was ich zu verstehen glaubte, war, dass es auch hier darum geht, wie Einsamkeit nicht überwunden werden kann und eine dritte Person eine Beziehung zum Zerbrechen bringt, weil sie die nicht überwindbare Sehnsucht sichtbar macht. Es geht um Verlust und die Angst vor dem Verlust, die diesen vorwegnimmt.