Sandra Newman: Das Verschwinden. Eichborn
beklemmend gut beobachtet
Von einem Tag auf den anderen verschwinden alle Personen mit Y-Chromosomen. Die Verbliebenen, größtenteils Frauen, erleben ein Jahr ohne Männer und wie sich die Welt daraufhin verändert. Dabei folgen wir fünf US-amerikanischen Frauen, die alle auf verschiedene Arten marginalisiert sind: Armut, Neurodivergenz, von Rassismus betroffen, Opfer sexueller Übergriffe, Verurteilte Straftäter*innen.
Newmans Roman besticht einerseits durch eine genaue, eigene Sprache, die gut lesbar ist: „… ihr wurde bewusst, dass sie alle Teil von irgendetwas waren, etwas Seltsamem und Bösartigem und Gewaltigem, Kriegsähnlichem. Sie waren gemeinsam zu tapferen Kindern geworden.“ Andererseits haben mich die genauen Beobachtungen begeistert, beispielsweise die der Hauptfigur, einer Ballerina, die sich mangels Selbstvertrauen immer wieder Männern unterordnet und deren Führung vertraut, wie im obigen Zitat sichtbar wird. Newman macht Sexismus und Rassismus sichtbar und beschreibt in einer zunächst dystopisch anmutenden zusammenbrechenden Welt, der die halbe Bevölkerung fehlt, das Aufbrechen einer neuen Bewegung: Der „Kommensalismus“, „eine Beziehung zwischen zwei Organismen, bei der ein Organismus profitiert, während der andere keine Auswirkungen spürt.“ Die Urheberin dieser neuen Bewegung, Evangelyne, ist eine verurteilte Schwarze Straftäterin, die sich gar nicht als heldenhafte Lichtgestalt eignet, und anhand der die Autorin heutige Mechanismen von Diskriminierungen und dem Umgang damit genau zeigt: „Evangelyne wusste, dass die weiße Leserschaft nach versöhnlichen Gesten seitens der Schwarzen lechzte und sie konnte aus solchen Gesten sehr gewieft finanziellen Mehrwert schlagen“.