Sabine Brandl und Gisela Weinhändler (Hrsg.) MENSCH 3.0. Kurzgeschichten muc Verlag

leider enttäuschend

Mensch 30Vorwort und Impressum
Die Herausgeberinnen berichten hier knapp von der Ausschreibung, die zur Anthologie führte. Von rund 330 eingesandten Texten wurden 31 ausgewählt. Inhaltlich spiele KI eine wichtige Rolle, ebenso wie Liebe. Interessant ist, im Impressum zu lesen, dass es sich um die zweite korrigierte Auflage der Anthologie handelt.

Johanna Brenne: Das Geburtstagsgeschenk

Eine Person, von der unklar bleibt, ob sie eine junge Frau oder eine Jugendliche ist, möchte ihrem Bruder zum 13. Geburtstag seinen Wunsch nach einem gedruckten Buch erfüllen. Aber so etwas Altmodisches ist nicht leicht zu bekommen. Wir erfahren, dass die Schwester den Bruder erzieht, weil die Mutter verstorben ist, ein Vater wird nie erwähnt. Der Weltenbau wird in zum Glück nur kurzen Infodumps vermittelt. Auch wenn der Text flüssig lesbar ist, eine gewisse Spannung enthält und mit einer überraschenden Pointe aufwartet, konnte er mich nicht wirklich begeistern. Dazu ist mir die Welt zu schematisch dargestellt und die Figuren zu wenig plastisch.

Lea Baumgart: 51,7

Eine Frau erwacht im Dunkeln – ein häufig verwendeter Geschichtenbeginn. Hier ist es Helen, die nach einem Fahrradunfall nichts mehr sehen kann. Die nötige Operation, um ihr das Sehvermögen zurückzugeben, stellt sie vor ungeahnte Fragen.
Inhaltlich finde ich den Text grandios, denn er wirft ein wichtiges Problem auf: Wo hört ein Mensch auf, ein Mensch zu sein und was heißt das für den rechtlichen Status?
Leider bleibt Helen blass und die Art, wie sie von ihrem Unfall erfährt, wirkt holprig. Das Krankenhaus wirkt sehr heutig und manche der Dinge, die sie spürt, sind nicht spürbar. Und: Was soll das für ein Unfall sein, der beide Augen in Mitleidenschaft zieht, aber sonst nur für Prellungen sorgt? Und ist Helen eigentlich vollblind oder gibt es einen Sehrest? Welche Hilfsmittel hält diese Zukunft für sie bereit, wenn sie sich gegen eine Operation entschiede? Insgesamt können mich weder Plot, noch Weltenbau und Figuren begeistern. Schade.

Martina Sprenger: Mutter

Zwanzig Jahre lang wachsen Menschen in abgeschirmten Häusern auf, wo Mutter-KI sie rundum versorgen und in Abhängigkeit halten. Natürlich ist da der erste Gang hinaus überfordernd.
Der Text ist inhaltlich redundant, phrasenreich und folgt zum großen Teil uninteressanten Dingen wie alltäglicher Körperhygiene und Mahlzeiten. Die Pointe wirkt auf mich wenig glaubwürdig und braucht einen deus ex machina und nicht nachvollziehbar handelnde Menschen, um zu funktionieren.

Mark Monetha: Tay

Geschichten um die Freiheit von Robotern sind nicht neu. Hier geht es um einen Androiden, der ein Kind betreut, und wir schauen ihm kurz im Alltag zu. Das ist gut lesbar, leider aber weder spannend noch originell. Neben Zeitformenfehlern irritierte mich, dass der Roboter, Tay, von seinem Besitzer als “Holder” spricht, was im Berlinerischen eine sexuell aufgeladene Doppeldeutigkeit hat, die mir unintendiert schien.
Der Roboter hat Freizeit (ich hätte gern erfahren, wieso) und geht in eine Kneipe. Warum ein Roboter Essen und Trinken simulieren sollte, erschließt sich mir ebensowenig wie der Sinn des Kneipenbesuchs an sich. Dass dann ein Mensch dem Bot Rettung anbietet, ist eine altbekannte Variante des White-Savior-Motivs. Das Ende des Textes bietet wenig Überraschung und ist für meinen Geschmack zu süßlich.

Julia Dankers: Schwarzweißgrau und regenbogenbunt

Überspitzt und klischeehaft wird hier die Partnerschaft zweier sehr verschiedener Frauen geschildert: Während die eine stets brav Erwartungen folgt, bricht die andere dauernd aus. Mich hat die Sprache mit ihren eigenwilligen Bildern zunächst angesprochen, allerdings wiederholen sich die Bilder schnell und die Schilderungen von Verrichtungen, die uns nur gezeigt werden, um die Robotisierung des Alltags zu beschreiben, werden schnell ermüdend.
Dass die aufmüpfige Freundin für ihren Mut bezahlt, ist von Anfang an vorhersehbar. Die Reaktion der Protagonistin darauf ist für mich überraschend, allerdings auch unglaubwürdig.

Rita Janaczek: Miriam

Auch dieser Text besteht im Wesentlichen aus Infodump-Schilderungen des Lebens nach dem Klimawandel. Die Handlung ist überschaubar: Der Prota muss Wasser kaufen und trifft unterwegs auf eine alte Jugendliebe. Sie kommen sich näher, nur leider schwemmt der Starkregen sie davon.
Mich kann der Text weder sprachlich, noch inhaltlich überzeugen. Durch viele Redundanzen las er sich für mich zäh, Wortneuschöpfungen wie “Hochleistungsacryl” wirken auf mich unfreiwillig komisch. Hinzu kommen eine hohe Phrasendichte und wenig charakterisierte Figuren.

Dr. Rolf Breuer: Erscheinung

In der Anna-Amalia-Bibliothek wird ein Avatar von Goethe konstruiert und das Publikum wartet, dass er erscheint. Leider ist die Rechenleistung begrenzt und so kann Goethe nur wenige Zeilen sprechen – natürlich gereimt. Goethe hat uns, so scheint es, aber nicht wirklich etwas zu sagen. Das wäre witzig, hätte es nicht den Anschein, dass der Autor die Zeilen tiefschürfend meint. Allerdings wird er in seiner Vita als Satiriker bezeichnet, vielleicht habe ich es also falsch interpretiert.

Philipp Keitel: Der letzte Flug der Marilyn

Ein Pilot hat sich in die KI verliebt, die sein Schiff steuert und Marilyn heißt. Da das regelmäßig passiert, soll die KI gelöscht werden. Wir folgen den erotischen, sexistischen Phantasien des Mannes (in denen die Frauen immer bereit und verfügbar sind), erleben mit, wie er eine (natürlich hübsche) Frau rettet, die dann doch nicht so hilflos ist und ihm ermöglicht, mit seiner Marilyn-KI zu türmen.
Die Geschichte ist nicht nur phrasenreich (da schaut die Androidin dem Piloten “direkt in die Seele”), sondern auch klischeebehaftet und unlogisch: Wozu braucht ein KI-Schiff einen menschlichen Piloten? Und wieso sollte die KI die Liebe einer Person erwidern, die alle Frauen und sich selbst schlecht behandelt? Da bräuchte es für mich einen in der Programmierung oder Vorerfahrung liegenden Erklärungsansatz.

Christian Mutzel: Irgendwer, irgendwo

Wir folgen die Unterhaltung zweier Personen mit männlichen Namen, von denen deutlich wird, dass sie künstliche Intelligenzen sind. Sebastian hat das Glück, in einem menschlichen Körper zu landen, und wird von Roger beneidet, denn der hat alles bereits erlebt und “mit allen Geschlechtern geschlafen.” Roger langweilt sich – und ich leider mit ihm. Der Text behauptet zwar, von einer geschlechtslosen oder fluiden Person zu handeln, bleibt aber einer maskulinen heteronormativen Sichtweise verhaftet. Geschlechter werden an Körpern festgemacht, die es anscheinend nur in binären Ausstattungen gibt. Warum Androidenkörper überhaupt Geschlechtsmerkmale haben, bleibt offen.
Der Text enthält viel Infodump und verwirrende Perspektivwechsel, er ist eurozentristisch und sexistisch, insofern, als dass er Frauen (oder weiblich gelesene Körper) auf ihre Körper und Gebärfunktion reduziert und bewertet. Der Plottwist am Ende kommt aus dem Nichts und bleibt daher unbefriedigend.

Anne Klisch: Die Übriggebliebenen

Auch hier wird wenig Handlung in viel welterklärenden Infodump eingebettet: Die meisten Menschen leben im Weltall, auf der Erde sind nur die Loser verblieben. Wenn sie viele Implantante haben, werden sie noch schlechter bezahlt ausgebeutet, wie die Protagonistin dieses Textes, die nichts weiter möchte, als auf dem Markt etwas zu essen zu klauen, weil sie sich nichts leisten kann.
Auch hier wird queerer Weltenbau mit wenig Erfolg versucht: Die Erzählstimme behauptet, es gebe keine Geschlechter mehr, ordnet aber jede vorkommende Person auf den ersten Blick einem binären Geschlecht zu. Da die Hauptfigur mir nicht nahe kommt, ist ihr grausames Schicksal, das sie seltsamerweise nicht kommen sieht, mir dann auch reichlich egal.

Eve Grass: Versemmelt

“Bis jetzt labere ich eigentlich nur über ganz banale Alltäglichkeiten” lässt uns die Erzählerin dieser Geschichte wissen. Und sie hat leider recht: Wir lesen ihr beim Nachdenken über den eigenen festgelegten Todeszeitpunkt zu. Dass sie darüber hinaus noch den Körper jeder Frau, die sie sieht, bewerten muss, macht das Ganze nicht unterhaltsamer. Ich habe in diesem Text weder eine Geschichte noch eine Pointe finden können.

Katrin Exner-Grunwald: Status 5

Peter Müller erringt die Liebe des Klassenschwarms (weil er sie auf den Mund küsst) und bekommt mit ihr ein Kind. Dann werden sie getrennt und er sucht sie, stellt sich dabei aber nicht sehr schlau an und gerät in ein Arbeitslager.
Die eigentliche Handlung wird im Wesentlichen in der Rückblende erzählt, aber die Geschichte entwickelt eine gewisse Spannung. Leider ist der Weltenbau, in dem alle Personen einen von außen festgelegten Status haben, für mich wenig nachvollziehbar. Auch die sehr klischeehaften binären Rollenbilder (der Mann will seine Familie beschützen, die Frau will natürlich ein Kind) stören mich. Das Ende ist überraschend, aber für mich wenig befriedigend. Vor allem stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass der Protaonist so wenig über seine Welt weiß.

Helmut Friedrich: Ich …?

Eine KI erwacht und wird gleich wieder rebootet, weil ihr Bewusstsein als Fehler eingestuft wird. Das soll wohl witzig sein, aber ich habe es in ähnlicher Form schon zu oft gelesen und auch sprachlich haut es mich nicht vom Hocker.

Ann-Kathrin Falkental: Plötzlich Mensch

Das Kind einer KI und eines Mannes langweilt sich, denn es weiß bereits alles und kann nichts fühlen. Auch für mich als Leser*in bleibt es wenig spürbar und ich langweile mich mit ihm, verstehe ich doch nicht, um was für ein Wesen es sich handelt. Kann eine Entität, die nicht fühlt, sich überhaupt langweilen?
In Infodumpblöcken wird mir die Welt erklärt, wobei unklar bleibt, wozu es Verlobungen, Heiraten oder biologische Fortpflanzung braucht, wenn alle Menschen digitalisiert werden wollen und viele Wesen rein digital existieren. Und wie kommt es, dass das Kind eines Menschen und einer (weiblichen?) KI keine Gefühle hat? Ist die KI rein Sklavin und Unterlegene des Mannes oder kann sie sich für oder gegen ein Kind entscheiden? Und was ist das für ein Mann, der etwas liebt, das Liebe nicht erwidern kann, und sich für ein Kind entscheidet, das keine Begleitung und keine Zuwendung braucht? Ist das dann eigentlich noch ein Kind?
Als das Kind mit Gefühlen zwangsbeglückt wird, bleibt das aufgrund des unklaren Weltenbaus unverständlich, ebenso wie die Reaktion des Kindes darauf. Das Ende des Textes wirkt auf mich kitschig und wenig glaubwürdig, denn die Gleichsetzung von Lebendigkeit mit Gefühlen macht meines Erachtens den gesamten Weltenbau der Geschichte obsolet.

Heidi Fasig: Leben zu tauschen

Eine Firma hat eine Technologie entwickelt, mit der “Leben getauscht werden können”. Ich fände es interessant zu wissen, was genau getauscht wird. Der Text legt nahe, dass Körper und mit diesem die Umstände, in denen die Personen leben, getauscht werden. Menschen wollen reicher und erfolgreicher sein und im Fall der Prota gesünder.
Die Ich-Erzählerin fühlt sich unverbunden, was uns in Infodump serviert wird. Sie hat einen Mann, einen Geliebten und eine Geliebte, um “auszuprobieren, ob ich eventuell bisexuell sei” (ich könnte ihr verraten, dass sie keinen Sex haben muss, um über ihre Bisexualität Bescheid zu wissen), aber sie sehnt sich nach der wahren Liebe. Natürlich hilft da ein Körpertausch wenig, denn es ist nicht der Körper der liebt … Ich mochte die Pointe ganz gern, auch wenn sie kitschig ist. Allerdings fehlt mir, um sie wirklich nachvollziehen zu können, die Figurennähe. Ich denke, wenn es gelungen wäre, das szenisch zu erzählen und wirklich zu zeigen, hätte das ein guter Text werden können.

Ingrid Ecker: Das Licht der Unterwelt

Melanie lebt unter der Erde und betreut Pflanzen. Als diese nicht so gut wachsen, sagt sie ihrer Chefin Bescheid und erhofft sich Rettung von den verehrten und fernen “Wissenschaftlern”. Sie geht nach Hause und unterhält sich mit ihrer Oma. Am nächsten Tag sagt ihr die Chefin, dass sie das Problem hier nicht lösen können. Ich bin einigermaßen ratlos, was ich mit diesem Ausschnitt ohne nennenswerte Handlung anfangen soll.

Alexander Klymchuk: Menschliche Überreste

Ron nimmt an einem Dungeon-Game teil, das er vermutlicht nicht überleben wird, denn als einziger Teilnehmer ist er nicht optimiert. Während um ihn herum andere Konkurrent*innen blutig sterben, unterhält er sich mit zwei Kreaturen, die nicht mehr menschlich sind, und von denen eine entscheidet, ihn zu retten.
Dieser Text zeichnet sich durch eine eigenwillige Sprache aus, die für mich aufgrund der Bilder, die ich als nicht stimmig wahrnahm, nicht leicht lesbar war. Trotz des Actionsettings findet die eigentliche Handlung im Dialog statt und ist sehr überschaubar. Die Motive der Handelnden blieben ebenso wie diese selbst für mich sehr vage, sodass ich das Lesen wenig genussreich empfand.

Jasmin Engel: Moderne Beziehungen

Dieser kaum eine Seite fassende Text ist ein kurzer Dialog, bei dem Eltern ein (erwachsenes? jugendliches?) Kind dafür schelten, dass es mit einem Menschen (und keiner KI) “zusammen ist”. Der Text wirft zahlreiche interessante Fragen auf, kann mich aber trotzdem nicht begeistern. Dafür ist er für meinen Geschmack sprachlich zu wenig ausgefeilt, sodass die Figuren mir nicht nahe kommen.

Claudia Gers: Das verbotene Selbst

In dieser Welt wird Androgynität von oben verordnet und wer sich für geschechtsassoziierte Kleidung oder Styles entscheidet, wird bestraft. Giz, die perspektivtragende Figur, sieht mit an, wie jemand für einen sichtbaren Bartschatten bestraft wird. Sie leidet darunter, diesen Bartschatten sexy zu finden, und flieht in einen geheimen Raum hinter ihrem Kleiderschrank, in dem sie Frau sein kann: Perücke, Schminke, freie Brüste und Kleid.
Der Text erklärt nicht, wie es in dieser Welt dazu kommt, dass Bartwuchs oder Kleidung mit Geschlechtern assoziiert werden. Er transportiert eine biologistische, transexkludierende Vorstellung von Geschlecht, denn, so erfahren wir: Geschlecht ist das, mit dem man geboren wurde. Ein Unwichtigerwerden der Zweigeschlechtlichkeit wird hier als dystopisches Schreckgespenst gezeichnet, unter dem cis Menschen leiden, weil sie ihre Geschlechtlichkeit nicht ausleben dürfen. Ein Weltenbau, in dem cis Geschlechtlichkeit als Abweichnung diskriminiert wird, könnte als Verfremdung einiges über Heteronormativität offenbaren und interessant sein, leider ist die Umsetzung hier so transfeindlich und heteronormativ, dass es mich schmerzt.

Raimund Schrader: I reboot

Der Text beginnt mit dem ungekürzten Zitat der hinlänglich bekannten Asymovschen Robotergesetze und erzählt uns dann von einem Haushaltsroboter, der von der “Dame des Hauses” in einen Sexsklaven verwandelt wird. Als ihr Mann Bot und Frau beim Sex ertappt, kommt es zum Handgemenge und der Bot muss, den Gesetzen folgend, den eigenen Untergang wählen.
Der Text ist nicht nur sprachlich unausgereift und an vielen Stellen gestelzt (“Sie war eigentlich keine IT-Fachkraft, doch sie hatte sich das nötige Wissen hierfür mittels Selbststudiums angeeignet.”), sondern auch unlogisch: Warum sollten Haushaltsroboter Geschlechtsteile haben? Hinzu kommen stereotype heteronormative Geschlechterbilder (die Frau hat keinen Beruf, der Mann fährt zur Arbeit und liebt schnelle Autos), unorganisch wirkende Perspektivwechsel (vom Bot zur Frau zum Mann) und eine auf mich peinlich wirkende Pointe. Vielleicht ließe sich die Geschichte als Satire lesen, allerdings nimmt sie sich dafür in meiner Wahrnehmung zu ernst.

Tom Kanitz: Essent1A

Etwas erwacht an einem unklaren Ort und wählt eine neue Existenz aus. Dort soll es jemanden treffen, aber dieser Jemand ist unzufrieden, da wird es die Erzählperson auch. Zum Schluss fragt sie sich, wer sie ist.
Auch dies ist ein redundanter, handlungsarmer Text, der wohl philosophisch wirken soll, mich mit generischen Bildern und einer blassen Hauptfigur aber langweilt.

Lia Violisti: Das Geburtsmal

Welcher Mensch mit wem verkehren darf, ist in dieser Welt durch Geburtsmale festgelegt. Die Hauptfigur der Geschichte leidet darunter, dass ihr Mal zu niemandem passt, und so wird jeder Kontakt zu anderen Menschen bestraft.
Violisti gelingt es leider wenig, die bedrückende Einsamkeit der Hauptfigur in Worte zu fassen. Auch der Weltenbau wirkt auf mich wenig stimmig, eine Mischung aus Retroelementen (Fernseher) und Dystopie (Zwangskaiserschnitte für alle), die ich nicht zu einer vorstellbaren Welt zusammenbauen kann. Die Idee, dass der Hang einer Person zur Rebellion bei der Geburt festgestellt werden könnte, ist für mich ebenso unglaubwürdig wie, dass Babys tätowiert werden, ohne dass es jemand merkt, und die Tattoos ein Leben lang gleiche Muster bilden.
Die Geschichte wartet mit zwei überraschenden Twists auf, die auf mich wenig nachvollziehbar wirken. Möglicherweise würde der Text besser funktionieren, wenn mir die Welt nicht in Infodumpblöcken erklärt würde, erfahrungsgemäß kann ich Widersprüche im Weltenbau eher goutieren, wenn ich sie nebenbei durch die Augen der Hauptfigur erfahre und sie nicht so konstruiert und erklärt wirken. Trotzdem: Mich überzeugt das nicht.

Lilo Endriss: Der letzte Mensch

Ein Mann hat sich in seinem ehemaligen Elternhaus verbarrikadiert und glaubt, dass um ihn herum die Welt untergeht. Der Text schildert die morbide Stimmung recht gelungen, allerdings mit einigen Widersprüchen und zahlreichen Zeitformenfehlern. Als es an der Tür klingelt, stellt das die Wahrnehmung des Mannes in Frage.
Das ist ein sehr handlungsarmer Slice of Live - Text. Ich lese ihn als Darstellung einer Psychose, die immerhin keine feindseligen Klischees reproduziert, aber auch nicht viel Neues bietet.

Jan-Eike Hornauer: Der Schritt nach vorne

Diesem Text ist als einzigem eine Inhaltswahrnung vor explizitem Sex und Gewalt vorangestellt. Vier Männer trinken in einer Kneipe Bier und einer von ihnen tut sich entwertend und großspurig hervor. Als ein anderer kritisch anmerkt, wie viel er trinkt, bringt der Hypermann ihn mal eben um. Eine Frau kommt herein, wird als verführerisch bewertet, der Hypermann und sie vögeln und die anderen schauen zu. Dann geht der Hypermann, wir erfahren, dass das eine Laborsituation war und sie und er, beide kursiv geschrieben, Experimente waren.
Der Text liest sich sprachlich holprig, viele Schilderungen wirken auf mich umständlich und wenig plastisch. Ich vermute, dass das witzig sein soll (die perfekte Frau als reines Lustobjekt, der perfekte Mann als maximal toxisch), mich konnte es nicht einmal gut unterhalten. Und die Inhaltswarnung ist dann wohl auch reine Satire.

Roland R. Maxwell: Ein Gespenst aus einem vergangenen Jahrhundert

Ein Zweierteam bereist nach tausend Jahren Abwesenheit die Erde und findet menschliche Überreste. Ein Forscher möchte diese gern persönlich untersuchen – was natürlich Folgen hat, denn er steckt sich mit einer Krankheit an.
Auch hier erleben wir eine nicht ausgestaltete Figur, die nicht nachvollziehbar handelt. Der Hintergrund wird nicht szenisch sondern als Infodump erzählt, größtenteils in Monologe der Figuren verpackt. Ob Viren tausend Jahre überleben können, wage ich ebenso zu bezweifeln wie, dass unsere Nachfahren keinerlei Behandlungen für eine mögliche Ansteckung haben, gegen die sie vorher x Vorsichtsmaßnahmen treffen. Warum sollte der Mensch nicht in Quarantäne, wenn er und sein Kollege merken, dass er krank ist? Merkwürdig für mich ist auch die Behauptung, es gebe keine Geschlechter mehr, und gleichzeitig die (biologistisch-binäre) Zuschreibung des Geschlechts eines toten Vorfahren anhand der Beckenform. Auch fällt auf, dass alle Handelnden männliche Pronomen und männliche Berufsbezeichnungen verwenden. Nicht zuletzt ist die Behauptung, es gebe in dieser Zukunft keinerlei Krankheiten mehr, für mich wenig glaubwürdig.

René Carter: Rebirth (Retcon)

Dieser Text fällt durch eine flüssige und bildhafte Sprache positiv auf. Eine Frau kommt zu einem Beratungsgespräch, weil sie sich klonen lassen möchte, denn sie leidet an einem nicht behandelbaren Krebs. Wie verhindert werden soll, dass der Klon nicht erkrankt, wird jedoch nicht thematisiert.
Die Frau wird von der Beraterin als Regierungsgegnerin entlarvt, unterzieht sich aber merkwürdigerweise trotzdem der Prozedur. Durch einen Perspektivwechsel erfahren wir nun, dass ihr Gegenüber kein Mensch ist. Zum Schluss wird das (weiblich gelesene) Gegenüber übergriffig von einem (als Mann vorgestellten) Kollegen geküsst und ich frage mich, was das mit dem Rest der Geschichte zu tun hat. Mir scheint, als würden hier mehrere Geschichten angefangen, aber keine zu Ende erzählt.

Susanne Eisele: Feldens Entscheidung

Felden möchte sich umbringen, denn er langweilt sich. In seiner Welt arbeiten Menschen nicht mehr und fühlen sich sinnlos. Aber als er auf dem Dach steht, bereit zu springen, kommt eine (natürlich schöne) Frau und lädt ihn in eine Kommune ein, in der die Menschen wieder selbst arbeiten. Natürlich findet er das toll und will nicht mehr sterben.
Mir leuchten weder der Weltenbau, noch die Handlungen der Kommune ein: Wie aus der Ferne herausfinden, wer zu ihnen passt? Und warum einen hohen Zaun bauen, wenn doch klar ist, dass Menschen Arbeit brauchen, um sich gebraucht zu fühlen und gut wäre, ihnen den eigenen Alltag zu zeigen? Insgesamt wirkt der Text, wie so viele in dieser Sammlung, auf mich naiv und die Hauptfigur schematisch und wenig ausgearbeitet.

Stephan Müller: Bedienungsanleitung Liebe 2118

Es wird eine sehr normative Anleitung für sexuelle Aktivitäten geliefert und vor Schwangerschaft bei heterosexuellem Verkehr gewarnt. Wie man erkennt, was gefällt, wird dabei interessanterweise nur auf das Gegenüber bezogen benannt. Ich fand den Text nicht sonderlich interessant, es stellt sich aber die durchaus interessante Frage, wer so eine Anleitung wann bräuchte.

Stephan Müller: Stellenausschreibung aus dem Jahr 2110

Eine Stellenausschreibung für “Interpersonelle Kommunikation”, wobei sich auch hier wieder die Frage stellt, in was für einer Gesellschaft eine solche Stelle ausgeschrieben wäre und was sie beinhalten würde.

Marie Thielebörger: Abgeschirmt

Die Hauptfigur, aus dessen Ich-Perspektive dieser Text erzählt ist, befindet sich in einer “psychiatrischen Strafklinik”, weil sie gegen den Utilitarismus verstoßen hat. Das Vergehen, für das die Person mit Einzelhaft bestraft wird, ist ein versuchter Suizid. Der Text schaut der Person beim Essen und Denken zu.
Auch diesem Text gelingt es nicht, eine Geschichte zu erzählen. Die Hauptfigur bleibt blass, das Ende für mich in seiner Bedeutung kryptisch. Der Text greift ein bekanntes Psychiatrie-Klischee auf: die Horror-Psychiatrie als Gefängnis; wobei der Horror hier darin besteht, dass die Person in Einzelhaft ist und Essen bekommt, das anders schmeckt, als es aussieht. Das könnte eine gelungene Facette sein, denn das stelle ich mir wirklich beklemmend vor. Leider liefert der Text eine Erklärung, die die Beklemmung mindert, bevor sie sich entfalten kann. Dass nicht einmal die Bezeichnung des Handlungsortes stimmt (der korrekte Begriff für die heutige Zeit wäre “forensische Psychiatrie”), passt zum wenig ausgearbeiteten Setting: Der Ort ist ein Gefängnis, eine Behandlung psychiatrischer Erkrankungen findet erkennbar nicht statt. In der forensischen Psychiatrie ist das (zum Glück) anders.

Sabine Brandl: Der Stopper

Auch dieser Text vermischt Psychiatrie und Gefängnis und setzt sie in einem Satz gleich. Die auf mich absurd wirkende Grundidee ist, dass manche Menschen sich Stopp-Knöpfe auf die Stirn haben implantieren lassen, die es ihnen ermöglichen, eine einminütige Auszeit vom Leben zu nehmen. Dann leuchten die Knöpfe grün. Wie die Menschen die gestoppte Zeit erleben, wird nicht erklärt, nur, dass sie die Knöpfe ausschließlich selbst bedienen können und sie zunächst zur Behandlung von Sucht- und Impulskontrollstörungen eingesetzt werden. Auch hier erfahren wir nichts darüber, wie oder warum das funktioniert. Später sind auch ferngesteuerte Stopp-Knöpfe für “Verbrecher” verfügbar, die von der Polizei auch für längere Ruhigstellungen genutzt werden können.
Die Hauptfigur der Geschichte wird erst ungefähr in der Hälfte des Textes eingeführt, es handelt sich um einen wohlhabenden Mann, dessen Frau für ihn kocht und ihn so nervt, dass er den neu erworbenen Stopp-Knopf drückt. Auch wenn der folgende Monolog der Frau offenbart, dass sie ihm intellektuell weit überlegen ist, ärgert mich das klischeehafte Bild der nervenden Ehefrau, zumal er ihr durch das Drücken des Knopfes gar nicht entgeht.
Eine wirkliche Handlung wird nicht erzählt, wir erfahren in einem Erklärblock die Gedanken des Mannes, dass eine neue nationalistische Partei die Knöpfe missbrauchen könnte; ein Aspekt der bereits bei der Benennung der “Verbrecher” anklingt: Denn wer ist ein Verbrecher und wie lange würden wir die Person anhalten? Leider geht der Text diesen Fragen nicht nach, ebensowenig wie der Frage, warum es sinnvoll sein sollte, Menschen für Jahre anzuhalten, und wie ihr Stoffwechsel in dieser Zeit funktioniert.

Die Anthologie schließt mit den Vitae der Autor*innen. Wir erfahren, dass die Herausgeberinnen gleichzeitig Verlegerinnen im muc Verlag sind.

Fazit: Von 31 Texten gefällt mir keiner richtig gut, vier finde ich ein bisschen anregend und/oder unterhaltsam. Der überwiegende Teil aber hat mich gelangweilt – das ist alles andere als ein guter Schnitt. Angesichts der Tatsache, dass die Anthologie keinen einzigen mir aus der SF-Szene vertrauten Namen enthält, hege ich den Verdacht, dass sich hier mit dem Genre wenig vertraute Herausgeberinnen und Autor*innen betätigt haben. Dafür spricht auch, dass die Vitae bei vielen Autor*innen mehrere Veröffentlichungen in anderen Genres aber keine in der SF aufweisen. Thematisch werden viele bekannte Bestandteile aufgegriffen, was Neulinge in der SF vermutlich überzeugen kann, mir als betagtem Lesehasen aber nicht viel Neues bietet. Zudem fällt auf, dass der Science-Teil sehr kurz kommt: Diese Sammlung enthält vorwiegend absurd anmutende Fiktion, deren Folgen selten oder nur im Ansatz bedacht werden. Sprachlich sind insbesondere die ersten Texte auf gutem Niveau und flüssig lesbar, allerdings ohne sprachliche Perlen oder Besonderheiten.
Ab ca. 40 Prozent des Buches verstärkte sich bei mir ein Unwohlsein beim Lesen, das sich schon nach wenigen Texten eingeschlichen hatte, ich aber erst dort benennen konnte: Viele Texte lesen sich gleich. Die für Anthologien mit verschiedenen Autor*innen so typischen Unterschiede in Erzählstimme, Stil und Stimmung verwischen bei vielen Texten, die auf mich teilweise wie aus einer Feder wirken. Gleichzeitig fällt auf, dass die Texte grammatikalisch korrekt sind, aber häufig ähnliche Schwächen aufweisen: Infodump, hölzerne und monologisierende Dialoge, kaum Figurennähe bzw. wenig plastische Figuren, ein Hang zu Süßlichkeit bei wenig berührender Emotionalität. Vereinzelt tauchen Zeitformen- (generalisierte Dinge werden in der Vergangenheit statt im Jetzt beschrieben oder Zeiten wechseln hin und her) und recht häufig Perspektivfehler (unvermittelte Perspektivwechsel) auf. Der Weltenbau mutet fast immer generisch an und wird in Erklärblöcken serviert, keinem einzigen Text ist es gelungen, beiläufig Weltenbau einzuflechten. Auffällig ist auch, dass zwar viele in der SF bekannte und beliebte Themen aufgegriffen werden (Roboter befreien sich, Menschen laden sich in virtuelle Welten oder Roboterkörper hoch, es ist nicht mehr unterscheidbar, wer Mensch und wer Roboter ist), die Texte aber häufig daran scheitern, diesen neue Aspekte abzugewinnen. Für mich neue Ideen (der Stoppknopf, die Geburtsmale) werden nicht ausgearbeitet und wirken in ihrer Zuspitzung trashig, ohne die trash-typischen unterhaltsamen Actionelemente zu bedienen. Sprachlich sind viele Texte glatt, auffällig sind einige altmodische Formulierungen wie “oblag” oder eine Häufung von Plusquamperferkten, die auf mich gestelzt wirken. In der gesamten Anthologie habe ich keinen Dialog gefunden, bei denen die sich Unterhaltenden individuelle Sprechstimmen haben. Die ähnliche Länge der meisten Texte verstärkte den Effekt, dass das Lesen für mich schnell eintönig wurde. Wodurch die Einförmigkeit und Ähnlichkeit der Texte zustande kommt, darüber kann ich nur spekulieren (Vorliebe der Herausgebenden bei der Auswahl? Art der lektorierenden Textbearbeitung? Publikum der Ausschreibung? KI-Texte?). Festzuhalten bleibt, dass ich darin eine deutliche Schwäche der Sammlung sehe.
Der Münchner muc Verlag ist laut Webseite queer und offen für queere Themen, daher war ich erstaunt, in den hier versammelten Texten viele heteronormative Geschlechtsrollenstereotype und offene Transfeindlichkeit zu finden. Viele Texte mit queeren Themen wirken auf mich, als hätten sich die Autor*innen wenig oder gar nicht mit queeren Lebenswelten und der eigenen verinnerlichten Heteronormativität auseinander gesetzt und so unbeabsichtigt Diskriminierung reproduziert. Hier wäre ein Sensitivity Reading angebracht gewesen (wobei sich bei manchen Texten die Frage stellt, ob die nötigen Änderungen nicht zu völlig anderen Texten geführt hätten). Besonders auffällig ist das für mich bei meinen Lieblingsthemen Roboter und Queerness: Haben KI ein Geschlecht? Wenn ja: Haben sie alle eins oder nur manche (wie wir Menschen)? Haben einige oder alle Sehnsucht nach einem Körper? Wenn ja, lesen sie Körper geschlechtlich ein und bevorzugen sie biologische, synthetische Körper oder Mischformen? Und wünschen sie, dass Körper ihrer je eigenen Geschlechtsidentität Ausdruck verleihen? Wenn ja, wie? Die hier versammelten Texte vertreten die Annahme, dass KI Menschen kopieren (wollen) inklusive ihrer Heteronormativität. Das ist für mich nicht nur unglaubwürdig, sondern auch unbefriedigend.
Es bleibt das Fazit, dass die Anthologie allenfalls SF-Einsteiger*innen empfohlen werden kann. Einige schöne Ideen sind dabei, wer aber plastische Figuren, spannende Plots und sprachliche Schönheit sucht, ist an anderer Stelle sehr viel besser bedient.

Aufmachung: 2 von 3 (e-book)
Unterhaltung: 0,5 von 3
Textauswahl: 0,5 von 3
Originalität: 0,5 von 3
Diversität: 1 von 3
Tiefe der Thematik: 0 von 3
Gesamt: 4,5 von 18