Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland. C. Bertelsmann
surreal, poetisch, spannend
Zwischen Russland und China erstreckt sich das Ödland: eine geheimnisvolle Region, in der sich die Lebewesen verändert haben. Sie ist mit einer hohen Mauer abgesperrt und nur ein Verkehrsmittel fährt hindurch, um Europa und Asien zu verbinden: der Zug. Luftdicht abgeschottet und gut bewacht, rast er durch das Ödland, transportiert Waren, Menschen und deren Vorräte, damit sie die dreiwöchige Reisezeit überstehen. Im Zug gibt es eine erste und eine dritte Klasse, warum die zweite fehlt, weiß niemand.
Die Strecke ist bei Tourist*innen und Dienstreisenden gleichermaßen beliebt, denn ihr hängt der Hauch des Abenteuers an – und gleichzeitig der des Luxus, wenn man es sich leisten kann, die erste Klasse zu buchen. Da der Text um 1900 spielt, lässt sich auch hervorragend mit Standesunterschieden spielen.
Wer die Reise unternehmen möchte, informiert sich am besten im „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“, aus dem immer wieder Zitate den Kapiteln vorangestellt sind, die chronologisch die Geschehnisse im Zug erzählen. Ich war von der Stimmung her immer wieder an „Mord im Orientexpress“ erinnert, auch wenn es hier keinen Mord gibt und die Stimmung auch mit Fortschreiten der Handlung mehr und mehr ins Surreale abdriftet.
Der Text erzählt wechselnd aus der Sicht von drei Figuren: Da ist Weiwei, ein Kind, das im Zug geboren wurde, wobei die Mutter starb. Am Ende der Fahrt hatte es kein Zuhause, so dass es im Zug blieb und dort aufwuchs, ein heimatloses Kind, um das alle sich ein wenig aber niemand wirklich kümmert und das von klein auf arbeiten muss. Dass Weiwei einsam ist und sich, als sich die Möglichkeit bietet, einer Gefährtin öffnet, wundert daher nicht. Dann gibt es Herrn Grey, der unter Magenbeschwerden leidet und als Wissenschaftler seinen Ruf und seine Glaubwürdigkeit verloren hat. Er hofft, im Ödland eine Entdeckung zu machen, die ihn berühmt macht. Aber dazu muss er den Zug verlassen, wozu dieser anhalten muss … Dritte Perspektivfigur ist Maria, die Tochter des Glasmachers, der für die Fenster des Zuges verantwortlich war. Bei der letzten Fahrt ist etwas geschehen, an das sich niemand erinnert, und die Schuld dafür wurde Marias Vater gegeben. In der Folge starb er und sie versucht, inkognito in der Rolle einer anderen, herauszufinden, was wirklich passiert ist, und den Ruf des Vaters zu retten. Weiwei ist arm, sie besitzt nicht einmal eigene Kleidung (ihre Uniform gehört der Kompanie, die den Zug betreibt), Grey und Maria reisen in der ersten Klasse, sind aber eigentlich nicht mehr wohlhabend. Niemand aus der dritten Klasse bekommt eine eigene Perspektive, auch wenn ein dort reisender Passagier („der Professor“) eine große Rolle spielt.
Brooks ist es hervorragend gelungen, die teilweise recht exzentrische Gesellschaft im Zug zu schildern, die Art, wie die Reisenden mit der zunehmenden Angst umgehen, als deutlich wird, dass das Ödland sich nicht länger aussperren lässt: „Sie dürfen nicht versuchen (…) die Verbindung zu unterbrechen – Sie müssen hinsehen.“ Brooks findet dafür eine dichte Sprache mit eigenen Bildern: „Er hat sich selbst Chinesisch beigebracht (…), und er spricht es recht ordentlich, wenn auch unmelodiös und mit einem Akzent, bei dem sie immer an rostige Pfannen denken muss, die aneinanderreiben.“
Achtung, Spoiler! (Bis zum nächsten Absatz.) Als sich die Ereignisse zu überschlagen beginnen, wechseln auch die Perspektiven schneller, teilweise wusste ich nicht, wem ich gerade folge, aber das passte zur Handlung, in der zunehmend eine Verbindung zwischen allen entsteht: Das, was die Gesellschaft aussperren möchte (meine Assoziationen dazu waren unter anderem das Chaos, die Wildheit, die Angst), nimmt sich seinen Raum und drängt herein. Die entstehende Veränderung ist nicht für alle gewollt oder auch nur aushaltbar.
Mir hat dieser hochallegorische Roman sehr gefallen. Die Figuren sind eigenwillig und glaubwürdig, die Sprache lyrisch und dicht, das Pacing besticht durch einen für mich stimmigen Wechsel aus schnellen (enorm spannenden) und langsamen Abschnitten. Brooks bekommt es hin, die damaligen Geschlechterverhätnisse zu porträtieren und gleichzeitig deutlich zu machen, wie die Figuren darunter leiden, weshalb sie individuelle Auswege suchen und finden: Maria, die sich in der Rolle der Witwe freier bewegen kann oder die Captain, die durch das vorübergehende Einnehmen einer Männerrolle ihren Posten erobern kann. Der Weltenbau ist im Großen und Ganzen gelungen, auch wenn mir einige Plotlöcher auffielen, wie beispielsweise die Frage, warum die Tiefe von Wasser gemessen werden muss, bevor man etwas davon abzapft. Positiv hervorzuheben ist auch die gelungene Gestaltung des Buches mit den Zeichnungen des Zuges und den Wagenrädern vor jedem Kapitel.
Fehlt noch meine Standardfrage nach dem Genre. Ich war bis zu ca. vier Fünfteln des Buches davon überzeugt, dass das zwar Phantastik, aber niemals SF ist. Im letzten Fünftel allerdings deutet sich an, dass es eine Erklärung für all das geben könnte, dass es sich um einen prinzipiell wissenschaftlich nachvollziehbaren Alternativweltroman handelt, der außerdem eine zwar nicht neue, aber doch gelungene Aussage über unsere Jetztzeit und den Umgang mit dem Klimawandel macht. Insofern lautet meine Einschätzung: Ja, da könnte SF drin sein. ;)
Fazit: Das „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist ein stimmungsvolles, spannendes und eigenwilliges Buch, das sicher allen gefallen wird, die sich auf ein etwas surreales Abenteuer einlassen wollen. Wenn man, wie ich, außerdem Dampfloks mag oder sonst eine Vorliebe für Züge hat, dann ist man hiermit sehr gut bedient.
Unterhaltung: 3 von 3
Sprache/Stil: 3 von 3
Spannung: 2,5 von 3
Charaktere/Beziehungen: 3 von 3
Originalität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 2 von 3
Gesamt: 17,5 von 21
