Téa Obreht: Im Morgenlicht. Rowohlt
Traumartig und sprachlich schön
Sil, die elfjährige Hauptfigur des Buches, zieht mit ihrer Mutter zu einer Tante, von der sie nicht wusste, dass sie existiert. Die Tante lebt in einer buchstäblich untergehenden Stadt am Meer, der marode Charme des Verfalls zieht sich durch das gesamte Buch. Sie leben im „Morgenlicht“ einem Hochhaus, in dem nur noch wenige Wohnungen vermietet sind. Und sie sind Flüchtlinge, die nicht wissen, ob ihre Flucht hier ein Ende findet. In ihrer Einsamkeit und Angst versinkt Sil in folkloristischen Geistergeschichten, Realität und Vorstellung beginnen sich zu vermischen. Aber natürlich gibt es auch reale Bedrohungen, allen voran die Frage, ob Sil und ihre Mutter im Rahmen des „Wiederansiedlungsprogramms“ erhalten, was sie zum Überleben brauchen.
„Eine altvertraute Furcht erwartete mich an diesem Morgen. Woher sie kam, wusste ich nicht. Sie war mir aus keinem Traum gefolgt – jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte --, doch als ich aufstand, verbarg sie sich in allem.“ So beginnt der Roman und schafft eine dichte Atmosphäre von Unwirklichkeit und Angst, die ihn von vorn bis hinten durchzieht. Obreht gelingt es, in hypnotischer Sprache eine apokalyptische Welt zu schaffen, wobei sie diese so sehr verfremdet, dass völlig unklar bleibt, wo sie sich befindet. Fiktive Orte, Sprachen und Herkünfte bleiben so vage, dass wir nicht wissen, von welchem Krieg die Rede ist, und ob es die Folklore, die die Hauptfigur bemüht, wirklich gibt. Und gleichzeitig gibt es eine Genauigkeit in den Schilderungen, die uns Sil und das Morgenlicht sehr nahe bringen.
Gemeinsam mit Sil durchstreifen wir den maroden Wolkenkratzer, lernen die eigenwilligen Bewohner*innen kennen. Sowohl die Hauptfigur als auch die Nebenfiguren sind dabei einerseits sehr detailliert und andererseits stets vage, nie ganz fassbar beschrieben. Zentral für Sils Gedankenwelt ist Bezi Duras, eine Künstlerin mit drei Hunden, die, so glaubt Sil, eigentlich verwandelte Männer sind. Sil versucht, das Geheimnis der Nachbarin zu lüften, das Sil als noch bedrückender empfindet, als sie unbemerkt Mastektomienarben der Nachbarin sieht. Sil hat sich so viele Schweigeregeln auferlegt, teilweise Abwandlungen der Verbote der Mutter, dass sie keine Chance hat, in Kontakt zu kommen. Beziehungen finden so vor allem in ihrer Phantasie statt. Hier hat Obreht starke Bilder für Einsamkeit und Sprachlosigkeit der Mutter gefunden, die auf der Flucht mit der Tochter ihre eigene Herkunft angstvoll verbergen muss und so Sil jede Chance nimmt, sich zugehörig zu fühlen und zu verwurzeln.
Mit Mila zieht irgendwann ein zweites Mädchen ein, ersehnte Freundin und gleichzeitig Gefahr, denn was passiert, wenn die Schweigeregeln gebrochen werden?
Mich hat das Buch sehr begeistert, der hypnotische Sog, der nicht eigentlich Spannung zu nennen ist, zog mich immer wieder hinein. In der Mitte des Buches gibt es für mich jedoch einen deutlichen Hänger: Als Sil mit Milas Hilfe Bezi Duras näher kommt und glaubt, den verwandelten Hunden zu begegnen, verliert der Text jede Bodenhaftung. Was vorher assoziativ verständlich war, wird nun völlig haltlos. Hier wird für mich eine Schwäche in der Konstruktion des Romans besonders deutlich, denn Sil erzählt in der Rückblende als Erwachsene und ich verstehe nicht, warum sie Lesenden jegliche Einordung verweigert. Glücklicherweise habe ich weitergelesen und erlebt, wie der Text wieder verständlicher wurde. Auf den letzten Seiten zieht das Tempo plötzlich an, das Buch rast auf die Zeit der Rahmenhandlung zu, ohne dass ich verstehen kann, wie es zu den geschilderten Begebenheiten kommt. Ja, es ergibt auf einer Ebene Sinn, dass die im Roman geschilderte Zeit von wenigen Jahren einen Schwebezustand beschreibt, dessen Inhalte sich nie ganz erschließen lassen und für die es eine Rahmung braucht. Aber eine Rahmenhandlung sollte mir eine neue Sinnebene erschließen. Das ist hier nicht der Fall.
Als Stärke sind die nebenbei thematisierten Unterschiede der armen und reichen Lebenswelten zu nennen, sowie die Thematisierung der Folgen eines Krieges, die letztlich die Beziehung zwischen Sil und ihrer Mutter fast verunmöglichen. Hier zeigt der Roman mit psychologischer Genauigkeit, was ein sozial wenig abgemilderter Klimawandel bedeutet.
Da ich den Originaltext nicht kenne, kann ich nicht einschätzen, wie gut die Übersetzung von Bernhard Robben die originale Stimmung eingefangen hat. Es handelt sich auf jeden Fall um einen in sich stimmigen Text, dem ich den englischen Ursprung nicht mehr angelesen habe, was meist Zeichen einer guten Übersetzung ist. Nur an einer einzigen Stelle bin ich über einen Übersetzungsfehler gestolpert: die mündlich übliche Verwechslung von „hängte“ mit „hing“, die in einen hochsprachlichen Roman nicht passt.
Fazit: „Im Morgenlicht“ ist ein apokalyptischer Climate-Fiction-Roman, der von seiner traumähnlichen, surrealen Stimmung lebt, die die Einsamkeit und Angst der Hauptfigur gut widerspiegelt. Als hochsprachlicher Roman mit überschaubarem Plot fließt er eher langsam dahin. Wer mit wenig Erklärungen und viel Ungewissheit leben kann und eigenwillige Sprache liebt, ist hier gut bedient.
Unterhaltung: 2 von 3
Sprache/Stil: 3 von 3
Spannung: 2 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2,5 von 3
Originalität: 2,5 von 3
Tiefe der Thematik: 3 von 3
Weltenbau: 2,5 von 3
Gesamt: 17,5 von 21
