Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz: Das Science Fiction Jahr 2025. Hirnkost

anregend und gespalten

SF Jahr 2025

„Das Science Fiction Jahr“ (in der Publikation durchgängig ohne die nach Duden richtigen Bindestriche geschrieben, weshalb ich diese Schreibweise hier übernehme) ist eine jährlich erscheinende Sammlung von Sachtexten. Essays, Rezensionen und Rückblicke verschiedener Autor*innen reihen sich auf 515 Seiten aneinander. Obwohl ich „Das Science Fiction Jahr“ schon seit einigen Jahren lese, habe ich mich bislang nie dazu aufraffen können, es zu rezensieren. Denn wie soll ich der Menge der Texte gerecht werden? Diesjahr hat mich diese Sammlung aber so bereichert, dass ich unbedingt versuchen möchte, sie mit einer Rezension zu feiern. Hinzu kommt, dass mit der Insolvenz des Hirnkost Verlags die Zukunft des Projektes (mal wieder) auf dem Spiel steht. Zu oft habe ich in den letzten Monaten gehört, dass sich so ein Projekt überlebt habe, es nicht mehr zeitgemäß sei, sich keine Leser*innenschaft dafür finden ließe. Aber ist das wirklich so?

 

 

Wie jedes Jahr hat „Das Science Fiction Jahr“ auch 2025 Schwerpunktthemen, die im Buch „Feature“ genannt werden. Mit knapp 200 Seiten am umfangreichsten und Quelle meiner Begeisterung ist das „Feature Utopie und SF“. Den Herausgebenden ist es gelungen, eine illustre Runde von großenteils progressiven, kundigen und oft queeren Stimmen einzufangen, die das Thema von verschiedenen Seiten beleuchten. Da schreibt Marie-Luise Meier über Mikro- und Makroutopien, Aiki Mira über utopische Körper, Isabella Hermann über Anti-Dystopien, Alessandra Reß über Solarpunk. Judith und Christian Vogt verbinden SF mit Hoffnungsaktivismus, ähnlich wie Lena Richter; Judith Madera schreibt über Natur-Utopien und Silke Brandt über Architektur und Utopie. Auch von mir ist ein Essay enthalten, der sich dem Zusammenhang von Selbstreflexion und Utopie widmet.
Daneben enthält dieses Feature einige Essays zu konkreten Texten oder Büchern, die ich als anregend und interessant gelesen habe, die aber für mich hinter den Essays zu anderen Themen zurückfallen, mit Ausnahme von Michael Wehrens Werkstattbericht zu seinen „Andymonaden“, der von seiner Vielstimmigkeit lebt.
Hinter dem ersten Featureblock folgen Buchrezensionen. Sie sind alle gut lesbar, auch wenn in einigen Tippfehler sind oder einmal sogar ein ganzer Halbsatz zu fehlen scheint. Den aktuellen deutschsprachigen Buchmarkt widerspiegelnd liegt der Schwerpunkt auf übersetzten Werken, meist aus dem englischsprachigen Raum. Was mir fehlt, ist eine Liste der besprochenen Bücher. Stattdessen bekommen wir eine Liste der Rezensierenden, die im Inhaltsverzeichnis an verwirrender Stelle steht. Liegt es an einem Formatierungsfehler, dass die Seiten 197 bis 310 zwischen Seite 415 und 431 angekündigt werden?

Das Feature „Zeitgenössische Dramaturgien“ enthält nur einen Text, der einen gelungenen weiten Blick auf die deutsche Textlandschaft wirft. Darauf folgt das mit ca. siebzig Seiten ebenfalls recht umfangreiche„Feature Komische Visionen“. Nachdem ich „Das Science Fiction Jahr 2025“ bis hierher mit Genuss und ohne Auslassungen geschmökert hatte, brach ich nun einen Essay nach dem anderen gelangweilt ab. Nirgendwo fand ich die titelgebenden Visionen und die Bezüge der Autoren blieben mir fremd und seltsam leblos. Ich musste zurückblättern, um zu verstehen, was hier anders war, und meinen eigenen Unwillen zu untersuchen. Anders als im Rest des Sammelbandes schreiben hier Männer über Männer. In der Literaturliste eines Essays kommt immerhin eine (!) Autorin vor, ansonsten sehe ich hier einen reinen Männerklub. Da geht es um Horror, aber Gefühle spielen keine Rolle, und im Gegensatz zum Rest des Sammelbands fehlt jede kritische Auseinandersetzung mit den Texten, selbst bei Autoren wie Lovecraft, wo der textimmanente Rassismus an anderer Stelle bereits ausgiebig diskutiert worden und daher allgemein bekannt ist. Hier wird er nicht einmal erwähnt.

„Das Science Fiction Jahr“ eröffnet dann einen neuen Block, der nur mit „Feature“ überschrieben ist und zwei Texte von Männern enthält, die über Männer schreiben: Karlheinz Steinmüller über Peter Schattschneider und Kai U. Jürgens über Juan S. Guses Roman „Miami Punk“. Sie sind zwar stilistisch besser als die Texte im vorigen Block, konnten mich aber ebenfalls nicht wirklich abholen.

Abschließend gibt es Überblicke über Filme, Serien und Games im Jahr 2025, diese lesen sich interessant und es wird deutlich, welche Schwerpunkte die Rezensenten setzen, was es mir möglich macht, zu erahnen, dass mein Interesse bei anderen Werken und Aspekten liegt als den besprochenen.

Abschließend gibt es in Listenform Überblicke über deutsche und russische SF-Preise und Todesfälle (anscheinend starben 2025 ausschließlich Männer, was vermutlich die Männderdominiertheit des älteren Teils der Szene widerspiegelt) und eine Liste der an „Das Science Fiction Jahr 2025“ Beteiligten mit ihren Biographien. Die in den letzten Jahren enthaltene Veröffentlichungsliste fehlt, in Zeiten des Internets ist sie wohl nicht mehr nötig.

Fazit: Der Teil des Heftes, in dem Menschen verschiedener Geschlechter schreiben, war nicht nur eine Bereicherung, sondern an manchen Stellen eine Offenbarung für mich. Hier nahm ich zahlreiche Denkanregungen mit. Spannend für mich auch: Die Rezensionen stammen zu einem großen Teil von Autor*innen. Sie bilden zusammen mit den Essays eine angenehme und kritische Auseinandersetzung der Szene mit sich selbst: Wer liest was, wer bezieht sich auf wen, wer reiht sich wo ein? Welche Themen sind unzureichend bearbeitet, was fehlt? Hier gibt es viele Zeichen gegenseitiger Befruchtung und gemeinschaftlicher Arbeit.
Der zweite Teil fiel für mich nicht nur stilistisch ab, sondern steht merkwürdig unverbunden neben dem Rest des Buches, wie zwei Teile der SF-Szene, die sich gegenseitig nicht befruchten und austauschen. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen der letzten Jahre: Auch im SF-Fandom zeigen sich politische Spaltungen und Untergruppen und manche Texte spielen zwar in der Zukunft, featuren aber eine Vergangenheit, die in den 1950er bis 1970er Jahren eingefroren scheint.
Aber: Was zuerst wie ein Versehen wirkt, stellt sich nach kurzem Nachdenken als Stärke des Buches heraus. Denn die Spaltungen und Zerwürfnisse gehören zur deutschen SF-Szene und schlagen sich in deren Werken und der Verlagslandschaft nieder. Dass sich all das in einem Buch zusammen wiederfindet, zeigt auch, dass trotz aller Differenzen Zusammenarbeit gelingt und das gemeinsame Interesse am Genre Begegnungen ermöglicht. Genau aus diesem Grund hoffe ich auf weitere Science Fiction Jahre – und auf ausreichend Personen, die dieses Projekt mit ihrer Arbeitszeit, dem Kauf und der Lektüre des Endprodukts unterstützen.

Aufmachung 2,5 von 3
Unterhaltung 2,5 von 3
Textauswahl 2 von 3
Originalität 2 von 3
Diversität 2 von 3
Tiefe 2 von 3
Gesamtfazit: 13 von 18 möglichen Punkten (wobei der erste Teil für mich eher 17 Punkte hat und der zweite 7)