Marc-Uwe Kling: Views. Ullstein.

humorvoll und spannend

ViewsYasira und Stefan sitzen beim Date, als Stefan ein Video sieht, in dem eine Jugendliche vergewaltigt wird. Da Yasira beim BKA arbeitet und die Quoten-PoC ist, soll sie den Fall öffentlichkeitswirksam übernehmen. Und Stefan spielt nur noch eine Statistenrolle.
Der klare, sehr spannende Handlungsbogen, trieb mich von Seite zu Seite und saugte mich schnell ein. Der Kling-typische, oft etwas kalauerige Humor brachte mich zuverlässig zum Lachen und machte besonders Dialoge zu einem Fest. Klings Figuren bekommen dabei meisterhaft individuelle Stimmen, allerdings verlieren sich die Dialoge für meinen Geschmack mitunter auch etwas zu sehr in Klamauk. Kling liefert wie immer treffende Beobachtungen und Formulierungen der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten, die sich hier vor allem um Migration und nicht weiße Deutsche drehen. Denn die vergewaltigte Jugendliche ist weiß und die Täter Schwarz.
Kling beschreibt eindrücklich, wie sich anhand des viral gehenden Videos die Spaltung zwischen linken und rechten politischen Lagern zuspitzt, bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auf der individuellen Ebene wird beschrieben, wie Personen damit umgehen, wenn Yasira sie humorvoll-bissig auf ihre verinnerlichten Rassismen hinweist, welche eigenwilligen und stellenweise schmerzhaften Interaktionen entstehen, wenn alle die Guten sein wollen, und wie moralische Überheblichkeit Verbundenheit verhindern kann.


Das Buch hat mich auf ganz vielen Ebenen beeindruckt: Es ist mega spannend, witzig und offen politisch. Kling bringt die aktuelle gesellschaftliche Lage mit so viel Humor auf den Punkt, dass ich mich das ein oder andere Mal dabei ertappt habe, über Dinge zu lachen, die bitterernst sind. Da gibt es Sätze wie „Oft wissen die Zimmer mehr über die Kinder als die Väter“ als Yasira über die verschwundene Jugendliche ermittelt oder „Ist nicht jeder nur ein Haufen mit Panzertape umwickelter Widersprüche?“ als es um die eigene Positionierung geht. Die Rolle von bildgenerierender Software, sozialen und anderen Medien wird eindrucksvoll und stellenweise erschütternd beleuchtet.
Leider habe ich das Buch am Ende trotzdem enttäuscht beiseite gelegt. Das lag einerseits daran, dass die Figuren zwar witzig und pointiert gezeichnet sind, sie aber im Laufe des Romans nicht an Tiefe gewinnen. Darum konnte mir letztlich keine einzige Figur wirklich nahekommen. Außerdem hatte ich gravierende Schwierigkeiten mit dem Ende. Noch zehn Seiten davor fragte ich mich, wie diese Krimihandlung wohl abgeschlossen wird. Die enttäuschende Antwort ist: nur halb. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, um nicht zu spoilern, aber für mich gibt es letztlich zwei Kriminalfälle und Yasira löst am Ende nur einen davon. Dass es dann noch zu einer Begegnung verfeindeter Lager kommt und die letzten Seiten einige explizite Schilderungen massiver Gewalt bieten, hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. Auch ist mir dieses Ende etwas zu offen.

Ist das denn nun Science-Fiction? Für mich bewegt sich das Buch hart an der Grenze zum Gegenwartsroman, denn das fiktive Element, das sich auf aktuelle bildgenerierende Software bezieht, ist minimal, vielleicht sogar gar nicht vorhanden. Daher lautet meine Antwort auf diese Frage klar: jein, mit Tendenz zum Nein. ;) Das Buch spielt heute, es gibt auch keinen nennenswerten Weltenbau.

Fazit: Views ist ein witziges und schnelles Buch, das sich gut weglesen lässt und durchweg gut unterhält. Trotz der pointierten Dialoge fehlt ihm aber für meinen Geschmack etwas die Tiefe.

Unterhaltung: 3 von 3
Sprache/Stil: 2,5 von 3
Spannung: 3 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 1 von 3
Gesamt: 15,5 von 21