Kai Focke und Sabine Frambach (Hrsg.) Campus 2049. Hochschule der Zukunft. Eine Science-Fiction-Anthologie. Oldib

nichts als KI?

Campus 2049Vorwort: 1974 - 2024 - 2049 (Kai Focke und Sabine Frambach)

Wir erfahren, dass die Hochschule Mannheim die phantastische Bibliothek Wetzlar nutzt, um Zukunftsforschung zu betreiben, was ich enorm spannend finde. Die Anthologie entstand angesichts des 50jährigen Jubiläums der Hochschule.

Esther Geißlinger: Die erste ihrer Art

Eine Person eilt in SF-Siebenmeilenstiefeln über den Campus, dabei brummt und zirpt ihre Brille. Sie ist fast zu spät zu einer Prüfung gekommen. Die Prüfungskandidatin aber kommt noch später an.
Die Prüfung einer KI auf Menschlichkeit ist ein beliebtes Thema in der SF. Geißlinger greift keine bekannten Tests auf, sondern erfindet einen neuen, wobei die Getestete nicht das Vorhersehbare tut, sondern sich einen eigenen Umgang mit dem Test überlegt: Sie spielt. Das Problem mit dieser im Text präsentierten Lösung ist, dass weder ich als Leserens noch das Testkomitee entscheiden kann, ob die KI spielt oder nur ein Spiel simuliert. Dieses Problem greift der Text leider nicht auf und überzeugt mich daher weder sprachlich noch inhaltlich. Auf mich wirken die Figuren aufgrund ihrer geringen Ausgestaltung wie Token-Diverse und emotional lässt der Text mich kalt. Witzig finde ich die Sache mit der Prüfung in einer virtuellen Umgebung, bei der aber alle real anwesend sein müssen – hier hätte man aber noch die Frage aufwerfen können (müssen?) was reale Anwesenheit für eine KI bedeutet.

Rafael P. Bienia: Episteme einer KI-gelenkten Promotionstätigkeit

Nour möchte promovieren, ist aber dafür auf ein Stipendium angewiesen. Als sie dieses bekommt, muss sie feststellen, dass einen Haken gibt: Sie muss eine KI-Assistenz verwenden, die ihr vorschreibt, was sie wie zu tun hat und sie dabei auch noch entwertet.
Die behandelten Themen dieses Textes sind für mich interessant und vielfältig: Klassismus, Rassismus und institutionelle Kontrolle. Die Art der Behandlung ist aber meines Erachtens nicht gelungen. Ich empfand den Text als sprachlich hölzern und umständlich, immer wieder war ich irritiert, weil Dinge nicht zusammenpassten (Nour liest Braille, sieht aber dann etwas an). Die Entwertungen der KI fand ich plump und zugespitzt, ebenso wie die Beschreibungen, die oft reinen Aufzählungen gleichen. Weite Strecken des Textes sind aufzählungshaft: Nour tut dies, dann jenes, dann das. Ein Weltenbau ist nicht vorhanden, wie es kommt, dass Nour sich um ein Stipendium bewirbt, dessen Rahmenbedingungen sie nicht kennt, bleibt unklar. Hinzu kommt, dass Nour als Figur für mich blass bleibt und der Text über große Strecken nicht szenisch ist. Ich habe mich ziemlich gelangweilt.

Nicole Hobusch: Bei Nelly

Nelly besitzt einen Kiosk, aber die ausgestellten Snacks und Getränke interessieren niemanden, denn eigentlich verkauft sie Drogen. Es wird gut beschrieben, wie Nelly die eigene Sucht in den Student*innen gespiegelt sieht, die bei ihr leistungssteigernde Mittel kaufen. Wie sie meint, ihr Gegenüber retten zu müssen und dann doch einknickt.
Der Text sprach mich sofort an: er ist stimmungsvoll, die Figuren lebendig. Was ich schade finde, ist das Ende. Es schließt nicht ab, sondern öffnet eine neue Geschichte.

Monika Niehaus: Tod einer Gleichstellungsbeauftragten

Auf einem Campus sterben drei Leute durch ähnliche Unfälle. Ein Kommissar versucht, mehr herauszufinden.
Bei einem Krimi erwarte ich nicht nur die Lösung des Falls, sondern auch ein Motiv, eine Geschichte hinter dem Mord. Niehaus’ Kurzkrimi liefert die Lösung, aber weder Geschichte noch Motiv und lässt mich daher enttäuscht zurück. Außerdem ist mir der Text zu phrasenlastig, die Figuren zu holzschnitthaft und die Seitenhiebe auf Personen, die Diskriminierung verringern wollen, berühren mich unangenehm. Auch das Science-Fiction-Element ist minimal. Bei aller Kritik ist festzuhalten, dass sich der Text flüssig liest und ich den allmählichen Perspektivwechsel am Ende recht raffiniert gemacht finde.

Kai Riedemann: Janina brennt für Bücher

Eine alte Bibliothekarin soll mit ihren Büchern in eine ungeliebte Ecke umziehen, denn heute ist alles digitalisiert. Lieber zündet sie die Bücher und sich während eines Livestreams an.
Der Text lässt sich flüssig lesen, allerdings ist für mich die Handlung der Protagonistin nicht einmal ansatzweise nachvollziehbar. Sie lässt mich völlig kalt, da mir die Figur nicht nahekommt. Auffällig ist hier die unpassende Illustration, in der eine junge (sehr normschöne) Frau in einer historisch wirkenden Bibliothek abgebildet ist, was nicht zum Text passt.

Verena Schiffmann: Akzeptanzlücke

Eine Frau sitzt vor ihrer ehemaligen Musikhochschule und trauert der Zeit nach, als noch jemand ihre Musik hören wollte. Obwohl der Text wenig Handlung bietet – er schildert nur ein kurzes Gespräch – , hat er mich angesprochen: Es wird gekonnt eine surreale Stimmung vermittelt und ich mochte es, wie die Hauptfigur darüber nachdenkt, warum sie trotz ihrer Privilegien so unzufrieden ist. Auch der Dialog mit einer anderen Künstlerin ist gelungen, beleuchtet er doch die Frage, ob es möglich ist, Kunst durch KI zu ersetzen.
Ich mag es, wie viele Fragen der Text aufwirft. Aber warum niemand außer die Kollegin die Hauptfigur wahrnehmen kann, hätte ich doch gern gewusst. Interessant ist, dass die Illustration zu diesem Text nicht nur auf der Bühne sondern auch im Publikum ausschließlich Roboter zeigt.

Alexander Röder: Der Rosen-Algorithmus

Sprachlich fand ich diesen Text ganz großes Kino: Es wimmelt nur so von Neologismen, Kalauern und hochsprachlichen Einfärbungen. Auch die eigenwilligen Figuren und die starken Bilder mochte ich. Leider ist der Text dadurch recht mühsam zu lesen und für mich nur im Ansatz inhaltlich zu dechiffrieren.
Plottechnisch geht es um einen alten IT-Experten, der von der Dekanin der Universität geholt wird, um das lahmgelegte System wieder von einem Streikenden zu entkoppeln, der sich im System verloren hat. Was da aber genau passiert ist, verstehe ich nicht.
Auch hier fällt die Illustration dadurch auf, dass sie nur teilweise passt, denn der Nerd im Hello-Kitty-Shirt sitzt zwischen Kampfpostern und nicht, wie im Text, in den Innereien eines Riesencomputers.

Katja Jansen: Digitale Distanz

Ein indischer Fernstudent an einer deutschen Uni brilliert und wird von seinem deutschen Freund beim Zocken beschissen. Eigentlich ist er verliebt in eine KI.
Dieser Text hat keinen wirklichen Plot und besteht fast ausschließlich aus Beschreibungen von Interaktionen mit Gadgets. Die wenigen Interaktionen mit „Personen“ (eine davon ist eine KI) lassen die Figuren wenig lebendig werden. Mich hat dabei besonders die stereotyp-sexy Beschreibung der eifersüchtigen KI-Freundin geärgert und dass der Text zwar behauptete, in Indien zu spielen, dies aber nicht einmal ansatzweise lebendig wurde. Insgesamt habe ich mich ziemlich gelangweilt, was zum im Titel verratenen Thema passt, mich aber trotzdem nicht befriedigt.

Ele Kver: Der erste Schnitt

Auch das ist eine Slice-of-live-Geschichte. Wir schauen dem Alltag einer Studentin zu, wobei ich nicht verstehe, welche Fächerkombination sie studiert. Sie springt während einer Operation, bei der sie nicht viel zu tun hat, in die Simulation einer philosophischen Diskussion mit Marx, was mich um das Leben des Patienten fürchten ließ. Dann wird deutlich, dass alles nur simuliert ist, und das Ganze zerfällt in Teile ohne Zusammenhang. Vermutlich ist das genau das, was die Geschichte zeigen will, aber aufgrund der wenig plastischen Figuren und der zähen Dialoge konnte es mich nicht einfangen.

Alina Schad: A Beautiful Cheat

Der Text brauchte eine Seite, um mich einzufangen, aber dann hatte er mich: Ein Ermittler soll aufklären, ob Studierende bei den Prüfungen geschummelt haben. Dazu sieht er sich Filmaufnahmen an. Schad beschreibt eindringlich, wie er dabei Interesse an einer Studentin entwickelt und in dieser Sehnsucht seine Einsamkeit deutlich wird. Unterschwellig geht es außerdem um Klassismus und Privilegien. Auch sprachlich fand ich den Text gelungen: die dichte Stimmung, die etwas eigenwilligen Beschreibungen. Nur die Pointe verstehe ich trotz mehrfachen Lesens nicht, was bei einer Kriminalgeschichte natürlich frustrierend ist.

Katharina Münstermann: Ethikkomission

Eine Studentin möchte das Studienfach wechseln, aber da eine KI das perfekte Fach für sie ausgewählt hat, braucht es dazu ein Vorsprechen vor einer Kommission. Münstermann gelingt es in beeindruckender Weise in einem kurzen Gespräch einen dystopischen Weltenbau aufzublättern, in dem die Hauptfigur kaum Möglichkeiten hat, sich ihrer eigenen Moral entsprechend zu verhalten. Eine Pointe liefert die Geschichte nicht, aber das brauche ich hier auch nicht, die Überwachungsgesellschaft wird so bedrückend und gut gezeichnet, dass mir das ausreicht.
Die Illustration zu dieser Geschichte bietet mir keinerlei Mehrwert. Ich fand die Abbildung eines Gesichts und einer Roboterhand eher irritierend.

Lynn Weiher: Eindringling in Sektor G

Hier ist es eine Lehrende, die Probleme mit der KI hat: Ihr Auge ist geschwollen und sie kann ihren Vorlesungssaal nicht erreichen, weil die Gesichtserkennung sie nicht identifiziert. Zwei Polizist*innen sollen feststellen, ob sie die ist, die sie zu sein vorgibt, aber wie soll das gehen, wenn man sich dazu auf Maschinen verlassen muss, die an einem geschwollenen Auge scheitern?
Ich mochte den lockeren Schreibstil und die launige Beschreibung des Verhörs, allerdings wird zum Schluss des Textes eine Pointe angedeutet, die dann nicht kommt (oder ich habe sie nicht verstanden), was mich enttäuschte. Auch einige Details blieben für mich zusammenhanglos und das Ende wirkt leider wie ein allzu bekannter Witz.
Auch hier fällt auf, dass die Illustration am Thema vorbei geht, zeigt sie doch eine normschöne Frau mit Augenverband … und eben nicht geschwollenem Auge.

Sabine Frambach: Mäuse und Menschen

Laborgehilfin Malin assistiert im Studium, wobei lebende Tiere nicht mehr zu Hunderten sterben müssen, da es gute Simulationen gibt. Als trotzdem eine Maus zu Schaden kommt, möchte Malin den Fall aufklären.
Der flüssig geschriebene Text ohne sprachliche Perlen lässt die Hauptfigur und die Umgebung recht plastisch werden. Besonders gelungen finde ich, dass keine eindeutigen moralischen Urteile getroffen werden und dass der Umgang von Menschen mit Tieren trotz der Kürze recht vielseitig beleuchtet wird. Auch das Ende scheint mir recht gelungen, auch wenn ich mich frage, welchen Zweck es innerhalb der Geschichtenwelt erfüllen soll.
Die Illustration einer weißen Labormaus im Glaszylinder ist naheliegend.

Meinhard Saremba: Vom Verschwinden der vierten Dimension

In trockener und fachtextlich anmutender Sprache wird hier eine Welt aufgebaut, in der Wokeness zur Staatsräson geworden ist und eine Diktatur vorgibt, was man zu denken hat. Dabei geht jede Vielschichtigkeit verloren. Auf einer Konferenz treffen sich Menschen, die das Erbe von Mozart, Beethoven & Co aufrecht erhalten wollen, wobei die These vertreten wird, dass es ein Grundrecht sei, eigenen Ismen anhängen zu dürfen.
Inhaltlich finde ich die gestellten Fragen durchaus spannend. Besteht in der Forderung, eigene Privilegien zu hinterfragen, eine Diskriminierung? Wenn ja, auf wen wirkt diese besonders und wer wird dadurch ausgegrenzt? Leider werden die Themen wenig ansprechend dargeboten, ich fand sämtliche Figuren blass und den Weltenbau infodumpig. Außerdem fehlt dem Text eine Handlung. Mein Hauptproblem besteht jedoch darin, dass dem Text Grautöne fehlen. Die Stilisierung von Greta Thunberg als Feindbild erinnert mich zu sehr an „Fuck Greta“-Aufkleber auf SUVs und die gebotene Argumentation verläuft auch auf ungefähr diesem Niveau, wenn auch hochsprachlicher verpackt. Auch wenn ich den Text als Satire lese, frage ich mich, warum er in dieser Sammlung abgedruckt wurde. Zum Ausschreibungsthema scheint er nicht recht zu passen und er wiederholt menschenfeindliche Narrative gegen gendergerechte Sprache und Klimaaktivist*innen. Dass er dabei so einige Diskriminierungen reproduziert, wundert nicht. Die Illustration einer um einen Tisch versammelten Gruppe von ausschließlich weißen Menschen wirkt generisch und entlockt mir nur ein Schulterzucken.

Catrin Rohlederl: Human Resources

In futuristisch eigenwilliger Sprache folgen wir hier dem Endprüfungsmarathon von Leon, der abwechselnd mit seinem genderfluiden Mitbewohny und der Hochschulsekretärin flirtet. Der Text ist spannend, sprachlich dicht und durchweg futuristisch, allerdings habe ich von der Welt nur wenig verstanden und auch Leon wurde für mich wenig plastisch. Der Twist am Ende ist mir auch etwas zu platt. Trotzdem habe ich den Text gern gelesen.
Die Illustration zeigt Reihen junger Leute an Laptops und ein roboterhaftes Gesicht auf einem Bildschirm, das mir gewandt ist. Ich empfinde sie als unpassend.

Wolfgang Pippke: Das Kolloquium

Zu seiner Masterarbeit soll ein Prüfling Fragen zu Organisationspsychologie beantworten, die leider samt Antworten enorm langweilig sind, aber ein erschreckendes Bild manipulativer Führungsstile zeichnen. Der Student wird nur von einem Professor geprüft und beide begegnen sich nur virtuell. Als die Fragen des Professors immer absurder werden und der Student darauf wütend reagiert, lässt der Professor ihn durchfallen. Im Nachgang erfahren wir den Grund für den merkwürdigen Prüfungsverlauf.
Im Mittelteil liest sich der Text flüssig und humorvoll, der Anfang hat mir allerdings mit seinem nicht in den Weltenbau eingegliederten Seitenhieb auf entgenderte Sprache und den trockenen fachlichen Ausführungen ähnlich wenig gefallen wie das Ende, das eine naheliegende aber innerhalb des Weltenbaus unlogische Lösung aus dem Hut zieht (wenn bekannt ist, dass KI irgendwann gravierende Fehlfunktionen aufweisen, warum sie dann unkontrolliert anwenden? Und warum dann das Speichermedium nicht rechtzeitig austauschen? Ebensowenig leuchtet es mir ein, warum Prüfungen von Toten mit veraltetem Wissenstand abgehalten werden sollten). Hinzu kommen zwei wenig plastische Figuren und ein nur ansatzweise angerissener Weltenbau, so dass dieser Text meines Erachtens zu den schwächsten dieser Sammlung gehört. Immerhin gefällt mir hier die Illustration, die eine jugendliche Variante des Klischees des „verrückten Professors“ zeigt und in ihrer Absurdität zum Text passt.

Kai Focke: Oldschool

Auch dieser Text reiht sich in das Grundthema der Anthologie ein: KI haben den Menschen die Jobs genommen und so muss die Prota trotz hohen Alters umschulen und zur Prüfung antreten. Zum Glück behilft sie sich beim Spicken althergebrachter Methoden, aber natürlich geht es trotzdem schief.
Für mich liest sich der Text wie eine Abfolge von Infodump, Information zur Welt werden ohne Notwendigkeit aneinandergereiht. Die Figuren bleiben blass, die Handlung minimal, stilistisch wirkt der Text trocken und eher wie ein Aufsatz als wie Literatur. Ja, es ist üblich, dass Herausgebende in ihren Anthologien selbst vorkommen, aber warum dann ausschließlich Themen behandeln, die schon x-mal vorkommen? Auch hier fällt eine unpassende Illustration auf, die eine verstaubte Speisetafel in einem Kloster zeigt.

Uwe Schimunek: Art, Smart, Love

Eine Studentin soll KI trainieren und ihr Klischees austreiben, aber die KI weigert sich, weil … sie es so mag, wie die Studentin dann schaut? Ich gebe zu, ich habe den Plot dieser Geschichte nicht verstanden, deren Dialoge zu einem großen Teil aus Hinweisen auf Liebesfilme bestehen, die ich nicht kenne. Auch habe ich mich gelangweilt und nicht wirklich verstanden, was der Text mit Hochschule zu tun hat. Weder Stil, blasse Figuren noch der Plot konnten mich überzeugen. Die Idee, dass die KI intelligent ist, das aber verbirgt, ist an sich interessant, die Umsetzung spricht mich aber nicht an.

Fachbeiträge:

Friedhelm Schneidewind: Zwischen Hype, Hoffnungsträger und Horrorszenario: Ein Fachbeitrag zu Künstlicher Intelligenz

Nach Schneidewinds Zählung beschäftigen sich zehn von 19 Texten dieser Sammlung mit KI, was meinem Eindruck (15 von 18) widerspricht. Wir sind uns also nicht einmal bei der Zahl der vorgelegten Texte einig. Verwundert bin ich auch darüber, dass Schneidewind zunächst über „die KI“ schreibt, als gäbe es nur eine und nicht eine Fülle von Programmen, die meines Erachtens mit dem Begriff KI unzureichend beschrieben sind, da es sich meist um künstliche Neuronale Netzwerke oder Sprachmodelle handelt, die der mir geläufigen Definition von „Intelligenz“ sämtlichst nicht genügen. Das beleuchtet dann auch der vorliegende Fachbeitrag, allerdings ist er in einer so redundanten und trockenen Fachsprache verfasst, dass ich die Lust verlor, ihm zu folgen. Ausufernde Zitate von EU-Gesetzestexten und ein historischer Abriss der KI-Entwicklung ohne für mich interessante gesellschaftliche oder geschichtliche Einordnung konnten mich auch nicht mehr einfangen. Letztlich plädiert der Autor für eine KI-Ethik, umreißt diese aber anders, als es meinen ethischen Vorstellungen genügen würde.

Feuer und Wasser sind nützliche Diener, aber schlimme Herren: Ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Georg Nagler zur Hochschule der Zukunft (Kai Focke, Sabine Frambach)

Diesem Interview merkt man sehr an, dass es schriftlich geführt wurde, denn eine stichwortartige Aufzählung der Ereignisse der letzten 25 Jahre käme mündlich wohl nie zustande. Sie ist auch nicht sehr interessant zu lesen. Mich wundert auch in diesem Interview der Fokus auf KI als wichtigste Neuerung. Nagler hebt außerdem darauf ab, dass jede Person Verantwortung für die eigene Bildung übernehmen müsse, was ich nur unterstreichen kann. Allerdings bleiben seine Aussagen zum Einfluss von sozialen Medien und Handynutzung auf Bildung zu oberflächlich, um anregend zu sein. Bei anderen ohne Zusammenhang geäußerten Themen weiß ich gar nicht, was Nagler damit meinen könnte: Worum geht es wohl genau bei der angeblichen Hedonisierung durch Pornokonsum und was hat es mit einem „kaum erträglichen Ausmaß“ von Medikamenten- und Drogenmissbrauch auf sich?

Fazit: Von 18 Texten handeln nach meiner Zählung 15 von KI und Digitalisierung, das ist schon rein thematisch eine sehr verkürzte Sichtweise auf die Hochschule der Zukunft. Immerhin wäre es möglich, dass 2049 der KI-Hype vorbei ist oder Energie so rar, dass KI selten werden. Auch könnte es ja sein, dass die zunehmende Digitalisierung sich als Sackgasse erwiesen hat und andere Wege beschritten wurden. In dieser Sammlung kommen solche Szenarien nicht vor, was mir als unnötige thematische Einengung dieser Sammlung erscheint.
Auch in der Bebilderung und in den Fachartikeln wird der Fokus auf KI beibehalten, was mir nicht einleuchtet. Warum liegt kein Beitrag zum zukünftigen Lernen oder Lehren vor, warum nicht zu Forschungsbedingungen oder Forschungsethik? Zur Frage, wie Prüfungen fairer und reliabler gestaltet werden können? Auch die Finanzierung und Freiheit zukünftiger Lehre und Forschung wäre wenigstens in den Fachartikeln wichtig zu benennen gewesen. Stattdessen wirken diese auf mich uninspiriert, wie leider auch manche der literarischen Texte.
Wenn man diesem Band glauben mag, ist die Hochschule der Zukunft dystopisch und einsam. Utopische und nicht dystopische Texte fehlen in dieser Sammlung völlig. Stilistisch sind die meisten Geschichten solide und lesbar, allerdings haben mich nur vier wirklich angesprochen, während ich einige abgebrochen oder nur quergelesen habe, weil sie mich so langweilten. Einen richtig tollen Text habe ich in dieser Sammlung vermisst. Zu viele Texte sind für meinen Geschmack handlungs- und spannungsarm.
Ärgerlich sind für mich auch die deutlich diskriminierenden Texte, die neben Texten stehen, die sich um Vielfalt bemühen. Leider reihen sich die KI-Illustrationen hier ein, zeigen sie doch oft normschöne Menschen, selbst wenn das dem Text widerspricht. Ich habe mich des öfteren gefragt, ob die KI-Illustrationen wirklich einen Mehrwert bieten und warum die Herausgebenden sich dafür entschieden haben, sie erstellen zu lassen, was besonders beim Cover deutlich wird, auf dem sich die typischen Artefakte früher KI-Illustrationen, wie einbeinige oder ineinander verschmolzene Menschen finden. Insgesamt ist das Konzept der Anthologie für mich wenig nachvollziehbar. Was sollte neben dem konkreten Bezug auf die Hochschule Mannheim ausgesagt werden? Mein Fazit fällt daher ernüchtert aus, was vor allem an der Zusammenstellung von thematisch zu ähnlichen Texten liegt, sodass sich inhaltlich zu viel wiederholt.

Aufmachung: 2 von 3 (e-book)
Unterhaltung: 1,5 von 3
Textauswahl: 1,5 von 3
Originalität: 0,5 von 3
Diversität: 1,5 von 3
Tiefe der Thematik: 1 von 3
Gesamt: 8 von 18