Matt Dinniman: Dungeon Crawler Carl. Dandy House
spannend und schwarzhumorig

Ich gebe zu: Rein vom Cover wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch lesen zu wollen. Da rennt ein weißer muskulöser Typ in Lederjacke und Herzchenshorts hinter einer Katze vor einem grünen Kobold mit Dornenramme weg … das klingt wenig originell. Und gleichzeitig zeigt es jetzt, wo ich den ersten Teil gelesen habe, genau, was Lesende erwartet: eine witzige, schnelle und kampflastige Geschichte um einen etwas ungewöhnlichen Dungeoncrawler.
Ich bin einer Empfehlung zu diesem Buch gefolgt, denn die Grundidee hat mich als Rollenspielnerd mit PC- und Tabletop-Erfahrung sofort begeistert: Was wäre, wenn es all diese Spielmechanismen wirklich gäbe? Inklusive dem absurd großen Inventar, der schnellen Heilung und der Steigerung von teilweise unrealistischen Fähigkeiten durch Übung?
Carl ist mit der Katze seiner Ex-Freundin zu Hause, als diese durch das offene Fenster in den kalten Winter springt und er nur in Shorts, Jacke und ihren rosa Crocs nach draußen geht, um die Katze hereinzulocken. Da gerade jetzt in Sekundenbruchteilen die Welt untergeht und nur die überleben, die sich draußen aufhalten, sind er und die Katze zwei von Wenigen, die sich in den Dungeon retten, wo sie nun als Teil einer sadistischen Game-Show kämpfen müssen. Was witzig klingt, ist ein düsteres Szenario, das durch ständige Bedrohung geprägt ist. Dinniman denkt dies an vielen Stellen zu Ende und weist mit Slapstick-Elementen, absurden Einfällen und düsterem Humor den Weg durch den gefährlichen Dungeon, der nur dazu da ist, eine gute Show zu liefern, denn natürlich gibt es Zuschauer*innen. Wie viele Fähigkeiten hätten wir, wenn alles, was wir lernten, in eine Tabelle eingetragen würde? Und welche unserer Fähigkeiten kämen uns in einem Dungeon zupass?
“Dungeon Crawler Carl” ist ein rasantes Buch in Pageturner-Manier, das mich so schnell einsog, dass ich es innerhalb von zwei Tagen weggesuchtet habe. Es gehört zum recht neuen Genre des LitRPG. Die Sprache (ich habe es im englischen Original gelesen) ist flapsig, oft etwas derb und hätte mich mit den zahlreichen sexistischen Anspielungen im Deutschen vermutlich nicht packen können, im Englischen konnte ich das jedoch im ersten Teil ignorieren. Natürlich begegnet Carl im Dungeon anderen Figuren und hier zeigt sich der Einfallsreichtum des Autors: Neben verschiedenen NPCs hat mich hier vor allem eine Gruppe Rentner*innen begeistert, die aufgrund eines Feueralarms überlebt haben. Und dann gibt es da noch eine obdachlose Frau, die doch irgendwie nicht die zu sein scheint, die sie ist.
Dinniman spielt mit Genderklischees und Rollenerwartungen, wenn beispielsweise der Hauptheld lernen muss, seine Füße einer Pediküre zu unterziehen, um eine Sonderfähigkeit zu erlangen. Und natürlich spielt auch die Katzigkeit der Katze eine wichtige Rolle. Das Buch ist dabei politisch unkorrekt und an vielen Stellen explizit, nicht nur in den oft blutigen Kampfszenen (die ich stellenweise überspringen musste, weil sie mir zu eklig waren), sondern auch in sexuellen Anzüglichkeiten. Da erscheint es fast merkwürdig, dass das Buch nur Männer und Frauen kennt, und trotz der ethnischen Diversität der Figuren einer ausgeprägten weißen Heteronormativität verhaftet bleibt, die in manchen der im Buch benannten PC-Spiele teilweise überwunden ist. Auch fällt auf, dass Dinniman zwar mit Klischees spielt, aber trotzdem oft stereotypen Rollenklischees verhaftet bleibt. Die Lacher gehen nicht selten zulasten der weiblichen Figuren oder der angeblichen Unmännlichkeit von Carl und seine Beziehung zu seiner Ex-Freundin und dessen Katze erscheint so chauvinistisch, dass mir das Lachen oft im Halse stecken blieb. Vermutlich hätte dieses Buch ohne die Erinnerung an alberne Dialoge und blutige Witze meiner Rollenspielabende keine Chance bei mir gehabt.
Natürlich endet das Buch mit einem fiesen Cliffhanger und es sind viele Stränge angedeutet, die größer sind als die Welt des Dungeons, sodass es sicher noch einiges zu entdecken gibt. Dabei ist die Welt eindeutig als Science-Fiction angelegt, denn es sind Außerirdische mit überlegener Technik, die die Erde zu einem Dungeon machen. Positiv hervorheben möchte ich noch, dass aufgrund der Rasanz des Textes viele Beziehungen der Figuren zwar oberflächlich bleiben, es Dinniman aber trotzdem gelingt, Hintergrundinfos beiläufig einzustreuen. Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem an so passenden Stellen biografische Infos vermittelt wurden. Interessant ist auch, dass Dinniman als Selfpublisher bekannt wurde, bevor ein Verlag die Serie erneut auflegte. Die ersten Bücher der Reihe sind bei Fischer Tor auch auf deutsch erschienen.
Fazit: Dieses rasante kampflastige Buch sei Rollenspielfans empfohlen, vor allem jenen, die fiesen Humor mögen. Wer Spannung mag und nichts gegen Slapstickelemente hat, wird hier Lesevergnügen finden.
Unterhaltung: 3 von 3
Sprache/Stil: 1,5 von 3
Spannung: 3 von 3
Charaktere/Beziehungen: 1,5 von 3
Originalität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 1 von 3
Weltenbau: 2 von 3
Gesamt: 14 von 21
