Maxim Leo: Wir werden jung sein. Kiepenheuer & Witsch
spannend und unterhaltsam
Leos Schreibstil zog mich schnell in den Text hinein. Flüssig und mit leisem Humor, der sich in eigenwilligen Vergleichen zeigt, enthält dieser Stil alles, was ich schätze. Sprachliche Perlen, die sich nicht zu wichtig machen, Phrasenarmut und dabei eine fließende Leichtigkeit: “Sie wirkte so, als wäre sie jederzeit in der Lage, einhändig hundert Liegestütze zu machen oder einer Schlange den Kopf abzureißen, vielleicht sogar beides gleichzeitig.”
Ich brauchte trotzdem einen Moment, um in den Text einzutauchen, der sich wie ein Kaleidoskop vor mir ausbreitet: Leo zeigt verschiedene Figuren, wieder eine neue Figur und noch eine. Nach einer Weile verstand ich, dass alle unter Herzprobleme leiden, nur um dann mit einer neuen Figur konfrontiert zu werden, deren Herz einwandfrei funktioniert. Zum Glück kehrte Leo irgendwann zu bekannten Figuren zurück und ich fand mich zurecht. Im Zentrum des Textes stehen fünf Figuren, die alle ein neuartiges Medikament genommen haben: zwei Frauen (eine, die Mutter werden möchte und eine ehemalige Profischwimmerin) und drei Männer (ein frisch verliebter Jugendlicher, ein narzisstischer Firmeninhaber und der Forscher, der das Medikament entwickelt und selbst eingenommen hat). Das sind schon viele Stränge, aber Leo entscheidet sich, uns zudem noch eine Ethikerin zu präsentieren, die für die Regierung arbeitet. Auch wenn die verschiedenen Perspektiven gut zusammenkommen, zeigt sich für mich hier doch ein Nachteil: bei 264 Seiten bekommt jede Figur nur wenig Raum, was zulasten der Tiefe geht. Und Tiefe kann das Thema durchaus vertragen. Als sich zeigt, dass das Medikament nicht nur das Herz heilt, sondern zu Verjüngung führt, werden verschiedene Fragen meist in Dialogen beleuchtet: Was bedeutet das für einzelne Personen und deren Leben? Was für die Gesellschaft an sich? Welche gesetzlichen Regelungen braucht es?
Leo gelingt es meisterhaft, all diese Themen in eine durchweg spannende Geschichte zu packen, die nie an Tempo verliert. Gleichzeitig fehlen langsame Passagen, um Fragen eingehend zu beleuchten und Figuren Tiefe zu geben. Der über weite Strecken thrillerartig schnelle Text kann die Themen in ihrer Vielschichtigkeit nur anreißen und die Motive der Figuren bleiben eher oberflächlich. Auch bleiben einige Wendungen unbefriedigend folgenarm oder wirken mutwillig konstruiert (wie der geheime Knopf an einem Notausgang) oder nicht gut recherchiert (wie das Aufladen eines Handys mit einer Zahnbürstenladestation oder die Art, wie politische Entscheidungen getroffen werden).
Trotz dieser Einschränkungen mochte ich vieles an diesem Buch: Die eigenwilligen und gut eingeführten Figuren, die nicht nur sympathisch oder unsympathisch sind, sondern über Grautöne verfügen, die Tatsache, dass queere Liebe gezeigt wird (auch wenn es mich befremdet, wenn in einem Text aus der heutigen Zeit nur Männer und Frauen vorkommen und die Frauen sich oft nach Führung sehnen, die Männer aber nicht, was geschlechtsrollenstereotyp erscheint) und, wie bereits erwähnt, die Sprache. Obwohl der Text eindeutig der Science-Fiction zugeordnet werden kann, ist das SF-Element sehr klein und besteht “nur” in der Idee dieses neuen Medikamentes. Weltenbau und technisches Niveau entsprechen ansonsten der Jetztzeit.
Fazit: “Wir werden jung sein” ist ein unterhaltsames, spannendes und leicht fließendes Buch zu einem interessanten Thema. Wer schnelle Texte mag und Freude an leisem Sprachwitz hat, ist hier enorm gut bedient.
Unterhaltung: 3 von 3
Sprache/Stil: 3 von 3
Spannung: 2,5 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 1,5 von 3
Gesamt: 16 von 21
