Matt Dinniman: Carl`s Doomsday Scenario. Dungeon Crawler Carl Book 2. Dandy House
Gore-Slapstick
Nachdem ich den ersten Teil der Serie ziemlich genossen habe, bin ich nach kurzer Pause in den zweiten Teil gehüpft. Und wurde herbe enttäuscht. Was im ersten Teil spritzig und abwechslungsreich daherkam, las sich nun repetitiv und oberflächlich. Carl und sein Team, das mittlerweile neben der sprechenden Katze Donut auch den Velociraptor Mongo enthält, metzeln sich durch Horden von Monstern, wobei Carl immer besser darin wird, Dinge in die Luft zu sprengen. Dabei nutzten sich die Gags für mich schnell ab: bemüht witzige und fiese Monster- und Errungenschaften-Beschreibungen, die Tatsache, dass Carl nur mit einer Unterhose bekleidet ist, und immer wieder die Lebensbedrohung, der sie stets nur knapp entgehen.
Im ersten Teil hatte mich vor allem die wachsende Beziehung zwischen Carl und Donut interessiert. In den zweiten Teil startete ich mit der Erwartung, dass ich nun mehr darüber erfahre, wie Carl mit den geretteten Rentner*innen umgeht und was es mit der geheimnisvollen Obdachlosen auf sich hat. Außerdem wollte ich, dass er anderen Crawlern begegnet und mehr darüber lernt, wie der Dungeon in die Außenwelt eingebunden ist. Was sind das für Leute, die Vergnügen daran haben, zuzusehen, wie Tausende Menschen sterben? Und was ist das für eine Welt, die das nicht nur ermöglicht, sondern befördert? Wie kann Carl, der eigentlich ein gutes Herz hat, sich in dieser sehr finsteren Welt seine Menschlichkeit behaupten?
Teil zwei bietet so gut wie nichts davon. Andere Spieler*innen werden bis auf eine Ausnahme zu Konkurrent*innen und somit zur Bedrohung (und Carl denkt kein einziges Mal darüber nach, was daran problematisch sein könnte), die Rentner*innen kommen nur am Rande und die Obdachlose gar nicht vor und über die Außenwelt erfahren wir einige Intrigen, die aber nicht einmal ansatzweise erklären, warum deren Bewohner*innen so blutrünstig sind.
Im Zentrum des Buches steht das eigentliche Dungeoncrawling (das mich schon in Rollenspielen nicht interessiert): Carl, Donut und Mongo kämpfen gegen immer widerwärtigere, immer ekligere Kreaturen und waten durch zentimeterdicke Schichten von Blut, Fleisch und Eingeweiden, wobei das Spiel mit Klischees und Erwartungen, das mich in Band 1 so fasziniert hat, hier nicht mehr gelingt. Dinniman wartet hier mit einer für mich nicht mehr genießbaren Menge an Ismen auf, von Fatshaming (wobei es „natürlich“ um dicke weibliche Figuren geht), über das Sich-Lustig-Machen über Figuren mit Behinderung (Ableismus und Saneismus) bis hin ausgeprägten Rassismen. Wie so oft in phantastischen Medien vermischt auch er race und species und schreibt den verschiedenen „races“ Eigenschaften zu, die einige „races“ von vornherein als minderwertig darstellen. Dann darf Carl sie natürlich, ebenso wie die Monster, ohne schlechtes Gewissen umbringen. Hinzu kommt eine Queste, die Slutshaming und die Entwertung von Sexarbeiter*innen betreibt. Hier hätte Dinniman schön mit Erwartungen und Klischees spielen können, erzählt aber stattdessen eine Variation der altbekannten Geschichte, in der ein (weißer, cis, hetero) Mann Frauen vor der Prostitution rettet, ohne dass diese selbst zu Wort kommen dürfen. Dazu passt es auch, dass die Katze zwar immer intelligenter wird, aber in der Teamarbeit mit Carl nicht wirklich Entscheidungsgewalt bekommt: Er hat die Ideen, er sagt, was zu tun ist, er rettet, wen er der Rettung für würdig befindet. Und sie macht eben mit und sorgt dafür, dass das Ganze gut aussieht.
Erwähnen möchte ich noch einmal, dass im Vergleich zum ersten Teil viel mehr Horror- und Splatter-Szenen enthalten sind. Ich musste teilweise querlesen, weil mich Verwesungs- und Ausweidungsprozesse wirklich nicht interessieren.
Auch dieses zweite Buch der Serie ist durchweg spannend und weist von der ersten bis zur letzten Seite Pageturner-Qualitäten auf. Ich steige ich trotzdem aus der Reihe aus, denn ich habe keine Freude an Mordschilderungen, die die dahinterliegenden ethischen Probleme nicht beleuchten und mich zuschauen lassen, wie es das Buch so kritisiert (mit dem wichtigen Unterschied, dass im Buch reale Personen zur Unterhaltung sterben). Auch fehlen mir Charakterentwicklung und Beziehungsfokus.
Fazit: Wer blutige Unterhaltung mit Kampffokus sucht und sich gerne durch Serien suchtet, die die Spannung halten, ist hier gut bedient. Allerdings muss mensch eine recht hohe Toleranz für Ismen aufweisen.
Unterhaltung: 2 von 3
Sprache/Stil: 1,5 von 3
Spannung: 3 von 3
Charaktere/Beziehungen: 1 von 3
Originalität: 1 von 3
Tiefe der Thematik: 0,5 von 3
Weltenbau: 1,5 von 3
Gesamt: 10,5 von 21
