Becky Chambers: „Ein Psalm für die wild Schweifenden“ und „Ein Gebet für die achtsam Schreitenden“. Carcosa

gemütliches Wohlfühlbuch

Dex und Helmling 1

Auf dem Mond Panga haben die Roboter irgendwann, in der Vorzeit, Bewusstsein erlangt. Menschen und Roboter überlegten, wie damit umgegangen werden soll, und es wurde beschlossen, den Mond aufzuteilen: ein großer Teil für die Natur und ein kleiner Teil für die Menschen. Um nicht wieder versehentlich etwas mit Bewusstsein zu schaffen, entschieden sich die Menschen für einen nachhaltigen Lebensstil. Die Roboter dagegen entschieden sich für ein Leben in der Natur. Seitdem hat kein Mensch mehr einen Roboter gesehen.

Das ist die Vorgeschichte der aktuellen Gesellschaftsordnung in Chambers Dex-und-Helmling-Büchern. Chambers malt eine sehr angenehme, utopische Welt, in der die Menschen freundlich zueinander sind und auf die Folgen ihres Tuns achten. Dex, die Hauptfigur, ist ein nichtbinärer Mönch und benutzt das Pronomen ser. Am Anfang der Geschichte wird Dex von einer großen Unruhe gepackt und entscheidet sich, den Beruf zu wechseln. Ser wird Teemönch, eine Art wandernde*r Heilpraktiker*in, und bietet in verschiedenen Dörfern Trost an. Dex wird bald sehr gut in diesem Beruf und wir erfahren etwas darüber, wie die Menschen auf Panga leben und dass es beispielsweise möglich ist, einen Beruf über eine Ausbildung zu erlernen oder sich autodidaktisch durchzuwurschteln.
Irgendwann ergreift Dex wieder diese Unruhe und ser tut etwas ziemlich Gefährliches: Ser lenkt sir Fahrrad in die Wildnis und folgt der Eingebung, nach einem lang verlassenen Ort zu suchen. Und dort, am Rande der Zivilisation, trifft Dex auf Helmling, den ersten Roboter, der sich nach langer Zeit aufmacht, um zu schauen, wie es den Menschen geht.
Die beiden Novellen, von denen die erste unabhängig lesbar ist, erzählen von der Reise der beiden, immer entlang von Helmlings Frage: „Was brauchen die Menschen?“

Dex und Helmling 2Chambers bekommt es meisterhaft hin, nebenbei einen ausgefeilten und sehr lebendigen Weltenbau zu vermitteln: Da gibt es biologisch abbaubare Kaseinbauten, die verschiedenen Gottheiten und ihre Symbole und die vielen Regeln, die sich Menschen und Roboter gegeben haben. Besonders berührend ist dabei, dass die Regeln nicht als Einengung verstanden werden, sondern als Möglichkeit. Dazu passt auch, was Dex über die Götter sagt: „Sie greifen nicht ein, sie inspirieren nur. Wer Veränderung, Glück oder Trost sucht, muss sich selbst darum bemühen.“

Besonders neugierig war ich darauf, wie es Karin Will gelungen ist, die im Englischen durchweg geschlechtsneutrale Sprache zu übersetzen. Denn weder Dex noch Helmling haben ein Geschlecht und Dex benutzt im Englischen das mittlerweile recht etablierte Pronomen they. „Ser“ ist dagegen ein Pronomen, dass ich noch nie gelesen habe, und Will hat sich für recht komplexe und für mich bis zum Ende des Buches nicht nachvollziehbare Regeln zur Deklination und Ableitung von Possessivpronomen entschieden. Trotzdem, und das hat mich wirklich beeindruckt, ist für mich ein gut lesbarer, flüssiger Text entstanden.
Neben den Pronomen ergibt sich im Deutschen noch das Problem der geschlechtsspezifischen Substantive. Will entscheidet sich oft für Partizipkonstruktionen, und findet meist treffende Übersetzungen für Chambers’ Wortneubildungen wie „Mönchin“, was für mich eine ganz andere Konnotation hat als „Nonne“. Nur an einer Stelle ist mir ein durchgerutschtes „die Erbauer“ aufgefallen – und weckte glatt Irritationen über das generische Maskulinum. Erstaunt war ich auch über „Helmling“, der im englischen Original „Mosscap“ heißt, was ich mit „Mooskappe“ übersetze und für mich viel weicher klingt.

Fazit: Die beiden Dex-und-Helmling-Bände sind Wohlfühlbücher wie eine warme Decke. Die Spannung entsteht nicht durch eine krasse Handlung oder Gefahren, sondern durch Figurennähe und den Wunsch zu erfahren, wie die Begegnung der beiden weitergeht. Ein großes Highlight sind dabei die Dialoge, die oft ausgefeilt und gleichzeitig prägnant philosophische Themen aufgreifen, wie beispielsweise, ob Helmling sich als Ding und trotzdem als wertvoll begreifen kann. Auch der Weltenbau greift einige philosophische Themen auf, beispielsweise wenn er betont, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann: „Am Ende war es nötig gewesen, alles zu ändern“. Chambers großes Verdienst liegt darin, dass sie diese Änderung für möglich hält und überzeugend vorführt. Gleichzeitig atmet der Text einen tiefen Humanismus und eine große Leichtigkeit und sprüht an vielen Stellen vor Humor. Große Leseempfehlung also!

Unterhaltung: 2 von 3
Sprache/Stil: 3 von 3
Spannung: 1,5 von 3
Charaktere/Beziehungen: 3 von 3
Originalität: 3 von 3
Diversität: 3 von 3
Tiefe der Thematik: 3 von 3
Weltenbau: 3 von 3
Gesamt: 21,5 von 24