Léa Bordier: Lieber Körper. Hirnkost
berührende Comicsammlung

Als Léa Bordier vor mehreren Jahren einer nächtlichen Eingebung folgte und Interviews mit Frauen und nichtbinären Personen über ihr Verhältnis zu ihren Körpern drehte und veröffentlichte, ahnte sie nicht, welch große Resonanz ihre Arbeit hervorrufen würde. Es entstand ein viel frequentierter You-Tube-Kanal, der zahlreiche Korrespondenz nach sich zog. Später entstand die Idee, einige der erzählten Lebensgeschichten in Graphic Novels zu übersetzen und mithilfe von Illustratorinnen entstanden zwölf Comics, die ,von Tünde Malomvölgyi ins Deutsche übersetzt, in diesem Buch zu finden sind. Die Kapitel sind dabei hinsichtlich der grafischen Stile sehr verschieden.
Die Zusammenstellung besticht insofern, als dass es in fast allen Geschichten gelungen ist, sensibel und berührend über Körper-Geschichten zu schreiben: Es geht um normative Vorstellungen, um das Ringen, sich den eigenen Körper anzueignen, wenn er aus verschiedenen Gründen entwertet wird, um Behinderung, Dicksein, Schmerzen, sexualisierte Übergriffe, einen Terroranschlag, Transitionswege und Fehlbehandlungen. Dabei sind die erzählten Geschichten stets ermächtigend, denn die Aneignungen gelingen, was in ausdrucksstarken Bildern erzählt wird. Leider hatte das auf mich den Nebeneffekt, dass vor allem die letzten Geschichten für meinen Geschmack etwas pädagogisch und wenig glaubwürdig wirken, auch weil die Autor*innen deutlich benennen, was bewirkt werden soll. Das fühlt sich für mich als Lesende*r zu plakativ an. Aber: Glücklicherweise wirken die meisten Texte und Bilder sehr authentisch und berührend, sodass sie Anstöße liefern, über denen eigenen Körper und das Verhältnis zu diesem nachzudenken und dafür sensibilisieren, weich mit sich umzugehen und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Darüber hinaus ist das Buch optisch und haptisch sehr schön gestaltet. Auch die deutsche Übersetzung empfinde ich als sehr gelungen. Irritierend ist, dass mehrfach kinesiologische Behandlungen benannt werden. Meines Erachtens handelt es sich hier um einen Übersetzungsfehler (vielleicht auch um eine mangelnde Einordnung vor dem Hintergrund eines anderen Gesundheitssystems), denn beschrieben werden eher physiotherapeutische Behandlungen. Trotz dieser kleinen Einschränkungen, empfehle ich das Buch gern.
Fazit: „Lieber Körper“ ist ein berührendes, empowerndes und wichtiges Buch, das sich auch als Geschenk für pubertierende Mädchen und afabs generell eignet. Für männlich sozialisierte Personen kann es Empathie stärken und Interesse wecken (wobei in mir der Wunsch entstanden ist, dass auch für sie ein ähnliches Werk entstehen könnte).
Aufmachung 3 von 3
Unterhaltung 2 von 3
Textauswahl 2 von 3
Originalität 2 von 3
Diversität 3 von 3
Tiefe 2 von 3
Sonderpunkte für Illustrationen: 3 von 3
Gesamtfazit: 17 von 21 möglichen Punkten
