Nick Fuller Googins: Der Plan zur Rettung der Welt. Heyne
tolle Ideen, aber nicht sehr figurennah

Der Klimawandel wurde nicht eingedämmt, die Meeresspiegel sind gestiegen, nur noch ein kleiner Teil der Erde ist ohne weiteres bewohnbar – das ist die Ausgangssituation dieses von Thomas Salter aus dem amerikanischen Englisch übersetzten Buches. Wir folgen Larch und seiner Tochter Emi, die in Nuuk auf Grönland wohnen, eigentlich mit Emis Mutter Kristina, aber die ist immer verreist, um Extraktionsdienst zu leisten: Rohstoffe aus den Erdregionen gewinnen, die aufgegeben werden mussten. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die Ebene in der Zukunft berichtet von Emi und Larchs Alltag, Rückblenden zur Zeit der Klimakatastrophe, in der ein großer Umbruch stattfand, berichten von Larchs und Kristinas traumatischer Vergangenheit. Außerdem lesen wir einen Aufsatz von Emi, in denen sie ihre Mutter zum „Großen Übergang“ interviewt, und die Kommentare der Lehrerin dazu.
Die fünfzehnjährige Emi lebt ein recht behütetes Leben in Nuuk, wo die Temperaturen noch angenehm sind, wobei es sehr viel darum geht, wie Ihre Eltern damit umgehen, dass sie es besser hat als sie: Während Kristina meint, aktiv Widrigkeiten für Emi schaffen und sie zu Dingen zwingen zu müssen, hält Larch dagegen und agiert eher fürsorglich, wofür er sich aber als Vater entwertet. Erst im Verlauf des Buches wird deutlich, dass beide sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt haben, in der Emi lebt oder leben wird: Muss sie lernen, über ihre Grenzen zu gehen? Oder dürfen ihre Eltern es sich leisten, auf ihre Bedürfnisse einzugehen? Für mich als Psychotherapeut*in erscheint die Annahme, dass Kinder durch schlechte Behandlung Resilienz erwerben, nicht haltbar. Larch und Kristina sind jedoch davon überzeugt (und übersehen dabei all die Hindernisse, die das Leben Emi auch ohne ihr Zutun in den Weg legt).
Ich hielt Emi zunächst für autistisch, denn ihre Schwierigkeiten, Dinge mit bestimmten Konsistenzen zu essen und in Kontakt mit Gleichaltrigen zu kommen, werden im Buch ausgiebig thematisiert. Später erscheint das, was zunächst als Hypersensibilität eingeführt wird, eher wie die Bewältigung einer Angststörung, dann wieder wie eine Essstörung. Emi als Figur wird für mich zunehmend weniger fassbar, nicht nur in ihrer Symptomatik und Einsamkeit, sondern auch in ihrem Handeln: Warum sie an einer Stelle plötzlich wegläuft, ein zentraler Wendepunkt im Buch, ist für mich nicht nachvollziehbar und verkommt so zu einem unbefriedigenden „weil der Plot es so braucht“.
Larchs Perspektive in der Erzählzeit und der Vergangenheit nehmen viel mehr Raum ein als Emis und zunächst fand ich nur die Blöcke in der Vergangenheit interessant. Sehr mitreißend wird erzählt, wie er mit 15 in einem Waldbrand beide Eltern verliert und sich dann allein zurechtfinden muss, wobei seine Zeit vor der Katastrophe fast völlig ausgeblendet wird. Stabilität erreicht er darüber, für andere hilfreich sein zu können, er wird zum Koch, ein Beruf, den er auch in der Erzählzeit weiter ausübt.
Als Emi und Larch den Kontakt zu Kristina verlieren, entwickelt sich die Geschichte recht schnell zu einer Rettungsmission: Larch meint, dass Kristina bedroht sei, und er nimmt seine Tochter mit, um ihr zur Hilfe zu eilen. An dieser Stelle wirkt das Buch recht geschlechterstereotyp, wenn Larch sich immer wieder als der starke Retter imaginiert, der seine alte Liebe bewahren kann (und dabei übersieht, dass Kristina sehr viel stärker ist als er und dass er Emi mit seinen Rettungsversuchen in Gefahr bringt). Warum er dabei Emi nichts zutraut und sie mit unglaubwürdigen Lügen abspeist, die sie immer weiter in die Einsamkeit treiben, wird für mich nicht nachvollziehbar.
Nach dem etwas zähen Einstieg entwickelt sich das Buch ab der Hälfte zu einem spannenden Pageturner, mit leider recht belehrenden Aufsatzeinschüben. Mein Lesegenuss drehte sich um: Hatte ich vorher die emotional intensiven Rückblenden ersehnt, so erschienen sie mir nun als leicht nerviges retardierendes Element, das sich zwar zur Handlung in der späteren Zeitebene verband, aber mir trotzdem zwischen der spannungsgetriebenen Rettungsmission zu viel Raum einnahm.
Das Ende sei hier nicht verraten. Nur so viel: Es passte für mich irgendwie zur Geschichte, sowohl in seinen Stärken, als auch in seinen Schwächen.
Grandios fand ich immer wieder die Schilderungen vom Zusammenhalt geflüchteter Menschen und die Frage danach, wer am Klimawandel schuld ist und ob den Schuldigen vergeben werden sollte. Oder, um es mit Kristina zu sagen: „...Vergebung ist keine Tugend. Vergebung ist feige. Eine Methode, um der unbequemen Härte der Gerechtigkeit aus dem Weg zu gehen.“ Denn natürlich sitzen, nachdem die erste Gefahr erst einmal gebannt ist, wieder die selben Personen an der Macht und natürlich wollen sie sich weiter auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Kristina ist die, die die Frage aufwirft, wie viel Widerstand kosten darf, wenn sie Larch dafür rügt, dass er sich nur um Emi kümmert: „Was ist mit anderen Kindern? Was ist mit dem Rest der Welt?“ Kristina als Figur hat mich im Buch am meisten berührt, obwohl sie keine eigene Erzählperspektive hat: „Ein Sieg hält nicht lange ohne Kampf“ sagt sie und hat so auch mich mit der Frage konfrontiert, wie viel Bequemlichkeit und Sicherheit ich aufzugeben bereit bin, um mich für das Wohl der Vielen einzusetzen.
Fazit: „Der Plan zur Rettung der Welt“ ist ein spannendes und inhaltlich sehr starkes Buch rund um Klimawandel und gesellschaftliche Fragen darum, wie ihm begegnet werden sollte. Mit in sich stimmigeren Figuren hätte das ein richtig grandioses Buch werden können. So ist es ein nur gutes Buch, das ich aufgrund der aufgeworfenen Fragen gern weiterempfehle.
Unterhaltung: 2 von 3
Sprache/Stil: 2 von 3
Spannung: 2 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 2,5 von 3
Weltenbau: 3 von 3
Gesamt: 15,5 von 21
