Kris Brynn: Der achte Kontinent. Science-Fiction-Storys. Selfpubishing
durchwachsen bis unterhaltsam
Vorwort
im Vorwort erzählt die Autorin, dass die Geschichte teilweise schon älter sind (die erste stammt von 2015) und aus einigen später Romane entstanden.
Chlorofreak
Mark, ein Kind oder Jugendlicher unbestimmten Alters, lebt in einer Verti-Farm, wie alle Menschen in dieser Welt. Als seine Eltern sich für ein zweites Kind entscheiden, wird er weggeschickt und findet heraus, dass es doch noch Menschen gibt, die den geltenden Regeln nicht folgen.
Auch wenn der Text flüssig lesbar ist, konnte er mich nicht wirklich abholen. Mark blieb für mich blass, die Brosche seiner Mutter, die ihn beim Umarmen sticht, schien mir unglaubwürdig und der zunächst faszinierende Weltenbau verstrickte sich für mich immer mehr in Widersprüchen. Auch das Ende konnte mich nicht überzeugen.
Interessant und ermutigend ist der Text für mich, weil er zeigt, was für eine schreiberische Entwicklung Kris Brynn genommen hat.
Harmonice mundi
Mit diesem Text hatte ich meine Mühe. Jemand beschwert sich über den Geschmack seines Tees und ich verstand weder die Situation, noch wie viele Personen beteiligt sind, noch das Setting. Und so ging es weiter: lesend holperte ich durch einen phrasen- und klischeereichen Text, der mir zahlreiche Fragen aufwarf, die nie beantwortet wurden. Grob gesagt geht es um einen Planeten, der zerstört werden soll und auf dem sich noch eine Familie befindet. Aber warum erfahren wir nicht. Ebenso wie, warum wir zunächst von Tee und Robotern erfahren. So gerät der Text zu einem sprachlich ungeschliffenen tränendrüsigen Klischeebild, in dem Armeeangehörige natürlich gehorchen, während die Familie ihrem Untergang entgegensieht und nichts tun kann, als das eigene Kind im Sterben zu trösten.
Das Aha-Syndrom
Dr. Fichtner arbeitet als Arzt, aber das Wohl seiner Patient*innen ist ihm egal, denn in dieser Welt geht es nur um Geld. Das verdient er nur, wenn die Patient*innen ihn bezahlen können. Dieser Text kam mir bekannt vor, kannte ich doch eine verbesserte Version davon aus dem Beginn von A.R.T. Wie dort auch, habe ich den Text großenteils mit Genuss gelesen, allerdings hat dieser Text hier kein Ende, das Motiv der Beteiligten bleibt bis auf eine Ausnahme völlig unklar, ebenso wie, was Fichtner eigentlich vorhatte. Als Kurzgeschichte ist der Text somit enttäuschend.
Meuterei auf dem Titan
Aus der Ich-Perspektive einer nicht näher bekannten Person wird geschildert, wie auf dem Mond Titan Retro-Haushaltsgeräte modern werden und sich gegen die Menschen auflehnen. Der Text ist gut geschrieben und flockig lesbar, auch die kleinen Weltenbaudetails sind schön zu lesen, ebenso wie der böse Humor. Allerdings enthält der Text keinerlei neue Aspekte zu einem altbekannten Thema und kann mich daher nicht wirklich begeistern.
Der Regenmacher
Zukunft: Der Klimawandel ist weit fortgeschritten und Wasser auch in Deutschland Mangelware. Mithilfe von Flugzeugen wird Regen geleitet. Aber wer bestimmt, wo die Flugzeuge eingesetzt werden?
Der Text folgt verschiedenen Perspektiven rund um die Flugzeuge und den Widerstand gegen politische Entscheidungen und führt dabei für meinen Geschmack zu viele Personen ein, sodass ich immer wieder durcheinanderkomme und niemand wirklich Kontur bekommt. Auch wenn ein lesbisches Paar im Zentrum steht, sind mir die Geschlechterrollen zu klischeehaft gezeichnet, bei einer Prügelei sind natürlich die Männer die aggressiven und einer von ihnen wird mit „er schlug wie ein Mädchen“ abgewertet. Wir erfahren viel über die – bereits heute vorhandene – Technik des Regenmachens, aber leider nur Schwammiges über die Motive der Protagonist*innen. Wenn es zu wenig Wasser gibt, wie wollen die Widerständler*innen für gleichmäßigere Verteilung sorgen? Dadurch, dass so viel vage bleibt, bleibt der Text für mich unbefriedigend und ohne Tiefe.
The Real Deal
Wir folgen einem Verkaufsgespräch, wobei nicht ganz klar wird, was da eigentlich verkauft wird. Zu erahnen ist, dass es um synthetische Partnerinnen geht, wobei der Kunde, natürlich ein nicht mehr ganz junger Mann, pädokriminelle Neigungen hat. Dass die Verkäuferin das langweilt, glaube ich ihr nicht, und auch sonst wird sie für mich wenig sichtbar. Der Mann ist das Klischeebild eines reichen Mannes – und dann doch nicht der, für den er sich ausgibt.
Die Geschichte hat einen interessanten Twist, dem ein weiterer gelungener Twist folgt, wie oft bei Brynn bitterböse. Trotzdem fehlt mir da etwas, das mich wirklich berührt.
Ich fühle dich
Ich liebe Brynns Weltraumkunstgeschichten, so auch diese. Eine professionelle Kunstdiebin stiehlt ein Kunstwerk, das sie nicht versteht. Kurz und actiongeladen verfolgen wir einen Kampf mit – und wie das Kunstwerk sie rettet und berührt.
Auch wenn die Figuren wenig Tiefe haben, stört mich das hier nicht, denn der Text ist kurz, pointiert formuliert und die Interaktion zwischen Kunstwerk und Figuren plastisch und mit gelungenem Sense of Wonder beschrieben.
Nur du und ich
Wegen dieses Textes, den ich bereits kannte, wollte ich diese Kurzgeschichtensammlung lesen: Präzise und mit großer Intimität wird geschildert, wie Häffner, ein reicher Mann aus der Baubranche, losfährt, um ein von ihm erworbenes Kunstwerk abzuholen. Nur kommt ihm ein Kind in die Quere. Brynn gelingt es, in kleinen Handlungen und Gedanken Häffners eine Person sichtbar zu machen, für die Kunst nicht mehr ist als eine Geldanlage, und die es dann doch zulässt, berührt und verändert zu werden.
Der Text ist immer noch grandios, allerdings war im FFM eine lektorierte Version davon abgedruckt, die noch etwas besser ist. Vor allem die Übersetzung des Namens des Kunstwerks ins Deutsche tat dem Text meines Erachtens sehr gut.
Deus ex machina
Die Freundin der Protagonistin hat eine neue Wohnung gekauft und wir wohnen lesend dem ersten Besuch bei. Alles ist dekadent, aber auch ein wenig bedrückend, denn diese Wohnung muss niemand mehr verlassen. Kein Wunder, dass die Protagonistin zwischen Skepsis und Neid schwankt – und wir mit ihr. Als sich eine der Maschinen unvorhersehbar verhält, musste ich lauthals lachen, denn der Text lebt von sprachlichem Witz und gelungener Absurdität. Das Ende ist überraschend und passend.
Das Lieberhuhn
Eine Schülerin, die mit Nachnamen Bott heißt, wie die Autorin (Kris Brynn ist ein offenes Pseudonym), findet eine Praktikumsstelle in einem Laboratorium. Und wie so oft in Geschichten geht bei einem Experiment etwas schief.
Ich mochte die humorvolle Art des Erzählens und auch die Pointe, es ist eine nette unterhaltsame Geschichte, in die mit gutem Willen etwas Tiefe hineininterpretiert werden kann.
Der achte Kontinent
Ein reiches hetero-Ehepaar hat sich eine Suite auf dem Mond gekauft und reist nun dorthin aus. Leider hat der Mann eine Angststörung und die Frau, aus deren Sicht erzählt wird, entwertet ihn dafür permanent, was ich unangenehm zu lesen fand. Der Text lebt von absurden Einfällen und schlägt so einige unvorhersehbare Haken, was gut unterhält. Allerdings ist das Ende für meinen Geschmack zu gemein.
Die Lösung all deiner Probleme
Eine Person ist in Geldsorgen und eine Freundin bietet eine Lösung an. Auch dies ist ein Text mit einem gemeinen (und nur ansatzweise verständlichen) Twist am Ende, der sich unterhaltsam liest, aber einige Grammatik- und Schreibfehler aufweist, die mich immer wieder rauswerfen. Die Hauptfigur bleibt wenig plastisch.
Fazit: Nach „Nur du und ich“ und dem Roman „A.R.T. Coup zwischen den Sternen“ war ich ziemlich begeistert von Kris Brynns Schreibe und ging daher mit hohen Erwartungen in diese Anthologie. Daher war ich ziemlich erstaunt, fehlerreiche Texte zu finden: wechselnde Zeitformen, Tippfehler, falsch geratene Grammatik, fehlende Wörter. Hinzu kommt, dass die ersten sechs Texte für mich nicht wirklich gelungen sind, die ersten beiden fand ich sogar richtig schlecht. Manchen Texten fehlen Anfang und Ende, es sind eher Schnipsel als Kurzgeschichten. Wieso hat Brynn sich entschieden, diese Texte erneut zu veröffentlichen? Hätte ich nicht gewusst, dass mich weiter hinten bessere Texte erwarten, ich hätte die Lektüre abgebrochen.
Immerhin mochte ich sechs der Texte, das ist keine schlechte Quote (50%). Aber so richtig gut fand ich nur den einen, den ich bereits kannte – und das auch noch in einer besseren Version. Gestolpert bin ich auch über die Bebilderung: Vor jedem Text ist eine Illustration abgedruckt, diese wirkt sehr glatt, oft generisch und in gleichem Stil. Das Impressum bestätigt meine Vermutung, dass es sich um von der Autorin erstellte KI-Grafiken handelt.
In der Gesamtheit fällt auf, dass Brynn viele klischeehafte Rollenbilder verwendet und eher holzschnitthafte, für meinen Geschmack zu zugespitzte Figuren zeichnet. Hinzu kommt die Vorliebe für sich wiederholende Formulierungen und Settings: Frauen streichen sich ständig Haarsträhnen aus dem Gesicht und wir sehen oft reiche skrupellose Figuren, die dann ihre „gerechte Strafe“ (?) bekommen.
Interessant ist, dass in der Sammlung nachvollzogen werden kann, welche schriftstellerische Entwicklung die Autorin sich erarbeitet hat: Die Bilder der neueren Texte sind viel weniger generisch, genauer beobachtet und sprachlich geschliffener. Daher bietet die Anthologie ab der Hälfte unterhaltsame Lektüre, mit einem schrägen Sinn für Humor. Ein (besseres?) Lektorat und Korrektorat hätten dem Buch aber gut getan.
Aufmachung 1 von 3
Unterhaltung 2 von 3
Textauswahl 1,5 von 3
Originalität 2 von 3
Diversität 1,5 von 3
Tiefe 1 von 3
Gesamtfazit: 9 von 18 möglichen Punkten
