Nghi Vo: When the Tiger came down the Mountain. Tordotcom

witzig und sprachlich schön

Cover Tiger Mountain

Die Novelle gehört zu einer Reihe von Büchern im selben Universum. Wir folgen Chih, einer klerischen Person vom Orden Der Singenden Hügel, die they-Pronomen verwendet und Geschichten sammelt. Normalerweise hat Chih einen magischen Vogel als Begleitung, aber diesmal ist Chih allein unterwegs. Wohin Chih möchte, habe ich nicht verstanden, es ist auch völlig nebensächlich. Chih sucht Begleitung und findet sie in Scout Si-yu, die sie mit ihrem Mammut Piluk begleitet. Es ist kalt und die beiden reiten durch den Schnee und sind fast an einer Wegstation angekommen, als sie bemerken, dass drei Tiger sie jagen. Sie flüchten sich in eine Scheune, wo sie die Nacht verbringen. Chih erzählt den Tigern, die sprechen können, von ihrer Aufgabe, und es entsteht eine Situation wie in Tausendundeine Nacht: Chih erzählt eine Geschichte, um am Leben zu bleiben. Die Tiger, drei Geschwister und von königlichem Blut, korrigieren immer wieder und stellen ihre Version der Geschichte daneben, sodass wir eine Geschichte in der Geschichte lesen.

 

 

Auch wenn die Welt, in der die Figuren leben, eine grausame ist, habe ich in diesem Buch oft herzhaft gelacht. Es ist absurd und komisch, wie Tiger und Menschen einander oft so wenig verstehen, und Vo setzt gekonnt Situationskomik ein und formuliert Dinge gern über so viele Ecken, dass merkwürdige Blickwinkel zustande kommen, die mich immer wieder erheitert haben. In beiden Geschichten geht es um (lesbische) Liebe und Verrat, um Erwartungen und die Frage nach dem eigenen Platz im Leben sowie um die Frage, was Wahrheit ist und wer warum welche Geschichten erzählt. Erotik spielt dabei eine Rolle, ebenso wie es blutige Szenen gibt. Beides reiht sich aber in die Handlung ein und wird selbst nie zu wichtig.

“When the Tiger came down the Mountain” ist ein langsames Buch, das in einer mir unbekannten ostasiatischen Region spielt, die ich als mittelalterlich angehaucht wahrnahm. Die Sprache fließt langsam und auch wenn es schnelle Kampfszenen gibt, sind diese nicht das Zentrum der Geschichte. Die vorkommenden Fabelwesen wirken auf mich märchenhaft, wobei die Menschen freundliche Beziehungen zu Tieren pflegen, von diesen aber auch ausgenutzt und gegessen werden (und ihnen selbst in nichts nachstehen). Die Figuren sind mir schnell ans Herz gewachsen, mit der Besonderheit, dass Chih zwar im Zentrum der Novelle steht, wir aber durch die Erzählungen der Tiger auch andere Perspektiven geboten bekommen. Auch Si-yu wird wichtig und ich habe es wirklich genossen, wie es Vo gelingt, in kleinen Handlungen, Sprechweisen und Gesten ihre Figuren plastisch werden zu lassen.
Ich habe das Buch auf englisch gelesen, eine deutsche Übersetzung ist bei Cross Cult unter dem selben Titel erschienen.

Fazit: Ein unterhaltsames langsames Buch mit beachtlichem Sog, viel Humor und sympathischen Figuren, das ich gern weiterempfehle.

Unterhaltung: 2,5 von 3
Sprache/Stil: 2 von 3
Spannung: 1,5 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 3 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 3 von 3
Gesamt: 16 von 21