Rebecca F. Kuang: Yellowface. William Morrow
spannend und bitter

Yellowface“, nach „Babel“, dem letzten Hit von Kuang, auch in Deutschland sehr gefeiert, liegt im Eichbornverlag in deutscher Übersetzung vor. Ich habe das englische Original gelesen und war von Beginn an von dieser Geschichte eingesogen: Aus der Perspektive von Juniper Hayward erhalten wir Einblicke in die amerikanische Literaturszene. Juniper (im Roman meist Junie genannt) hat gemeinsam mit Athena Liu an einer renommierten Universität studiert und beide ringen um Erfolg. Doch während der chinesischstämmigen Athena der Durchbruch gelingt, floppt das Debüt der weißen Juniper. Neiderfüllt sieht sie zu, wie die Freundin an ihr vorbeizieht. Als Athena in Junipers Gegenwart überraschend stirbt, klaut Juniper das neuste Manuskript – und schafft damit selbst den Durchbruch.
Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Ich-Erzählerin Juniper keine vertrauenswürdige Quelle ist: Ihre Schilderung der Beziehung zu Athena, die scheinbar alles hat, ist sehr von nachvollziehbarem Neid geprägt: Athena ist schön, wohlhabend und erfolgreich, sie kann schreiben und liefert Ideen, die der Markt gerade will. Juniper ist keine sympathische Protagonistin, sie scheint selbstbezogen, distanziert und wenig unterstützend, während sie Athena genau dies vorwirft. Weder kann sie Athenas Können schätzen, noch sieht sie die Kämpfe marginalisierter Stimmen im Buchmarkt. Im Gegenteil: Sie schreibt Athenas Erfolg deren Asiatischsein zu – und reproduziert so Rassismus, wenn sie darauf besteht, dass sie als weiße cis hetero Frau keine Chance habe.
So bleibt in dem, was erzählt wird, oft unklar, was wahr ist: Ist Athena wirklich so unsolidarisch gegenüber anderen Autor*innen mit asiatischem Hintergrund? Ist sie wirklich so gut darin, andere zum Reden zu bringen, um ihre Geschichten zu stehlen? Ist ihr Erfolg teilweise Ergebnis ihrer Fähigkeit, sich einem weiß dominierten Markt anzubiedern und zu unterwerfen?
Meines Erachtens ist dieser schwebende Wirklichkeitsbezug eine große Stärke des Romans, der es schafft, von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu sein, ohne auch nur eine einzige sympathische Figur zu präsentieren. Im Kampf um Aufmerksamkeit in einem hart umkämpften Markt agieren alle Figuren unmoralisch und unter dem großen Druck, Verkaufszahlen und Hits zu liefern, auch gegen eigene Werte. Lesend schauen wir dabei zu, wie Juniper sich die Wahrheit immer wieder so zurechtbiegt, dass sie die Unschuldige, Gute ist, auch wenn sie Dinge tut, die vermutlich nicht nur für mich zutiefst verwerflich sind. Gleichzeitig zeigt Kuang auch die Einsamkeit der Figuren, ihr eigenes Leiden unter Sexismus, ihr Unverstandensein und Ringen um einen Platz in der Gesellschaft.
In pointierter, manchmal etwas phrasenhafter Sprache zeigt Kuang uns ihre Protagonistin, wobei der Text immer gut lesbar und flüssig blieb und Kuang sehr gut darin ist, Stimmungen und Szenen eindringlich zu beschreiben. In den Dialogen werden die Stimmen der verschiedenen Sprechenden gut lebendig.
Das gestohlene Manuskript ist eine Rohfassung. Wir schauen dabei zu, wie Juniper diese überarbeitet, und wie sie dem Werk dabei ihren eigenen weißen Blick aufdrückt. Ich fand es schwer auszuhalten, an wie viele Stellen Juniper Rassismen reproduziert, wobei diese oft so subtil sind, dass ich mich gefragt habe, wie viel ich wohl übersehen habe und wie viel Menschen, die sich noch weniger mit Rassismus beschäftigen, wohl überlesen. Das Manuskript, „The last Front“ („Die letzte Front“) handelt von chinesischen Arbeitern, die unter unmenschlichen Bedingungen am ersten Weltkrieg beteiligt waren. Juniper stützt sich auf Athenas Recherchearbeiten zu einem bislang wenig bekannten Teil der Kriegsgeschichte und in „Yellowface“ geht es ganz viel darum, wer diesen Teil der Geschichte erzählen sollte. Die eigenen Zweifel der weißen Juniper, ob sie die richtige Person ist, werden schnell beiseite gewischt. Als der Verlag vorschlägt, den Text unter dem Namen Juniper Song zu veröffentlichen – was natürlich viele Leser*innen als asiatisch lesen, folgt sie dem. Auch ihr Foto wird entsprechend ausgewählt. Dass das „Yellowfacing“ wirklich funktioniert, wird besonders deutlich, als Juniper von einem chinesischen Buchklub zu einer Lesung eingeladen wird und ein alter Mann mit persönlichem Bezug zu den chinesischen Arbeitern ein Gespräch mit ihr beginnt, in der er ihr einen persönlichen Bezug zuschreibt. Juniper entzieht sich der Situation und leidet unter Scham – aber sie kann nicht den Schritt gehen, für ihr eigenes rassistisches Handeln Verantwortung zu übernehmen. Denn das würde sie den Erfolg kosten. Ihr Leiden wird anhand von Alpträumen und Verfolgungserleben gezeigt, wobei soziale Medien, die sie mit ihrem Diebstahl konfrontieren, eine große Rolle spielen.
Wie schwierig es ist, sich im Buchmarkt zu positionieren, wird für mich eindrucksvoll in der Szene deutlich, in der es um die Frage geht, ob „Die letzte Front“ ein Sensitivity Reading bekommen soll. Das Verlagsteam sitzt beisammen und spricht darüber, wobei Candice, die einzige person of colour (mit asiatischem Hintergrund), auf ein Sensitivity Reading drängt. In mir stellte sich die Frage, ob ein solches Speziallektorat hinsichtlich rassistischer Elemente überhaupt erfolgreich sein kann, wenn die Autorin so wenig Reflexionsvermögen aufweist wie Juniper. Aber es kommt nicht dazu: Juniper verweigert das Sensitivity Reading und setzt sich damit durch. Candice wird vom Projekt abgezogen, ihre Stimme bleibt ungehört.
Die Frage, ob es in diesem Buchmarkt überhaupt möglich ist, marginalisierte Stimmen wirklich hörbar zu machen, steckt für mich an ganz vielen Stellen von „Yellowface“: Wie viel eigenen Schmerz kann den Lesenden zugemutet werden, um noch unterhaltsam zu sein? Wie viel Authentizität verkauft sich? Wenn die Blurbs „Yellowface“ auf dem Cover als satirisch bezeichnen, oder gar als „mixes horror and humor“ frage ich mich vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen als nichtbinäre Person im deutschen Buchmarkt, wie viel Satire da eigentlich enthalten ist. Ja, manches scheint der Handlung zuliebe zugespitzt, das allermeiste scheint mir aber „nur“ unglaublich gut beobachtet und auf schmerzhafte Weise wahr. Ja, Juniper hätte das Manuskript einer Person mit asiatischen Wurzeln zur Überarbeitung geben können. Sie hätte sich dafür einsetzen sollen, dass das geschieht. Aber wäre das Buch dann so ein Hit geworden? Oder braucht es Anpassung und Unterwerfung unter weiß geprägte Lesegewohnheiten, um erfolgreich zu sein?
Zum Ende des Romans möchte ich nichts Inhaltliches verraten. Kuang ist es meines Erachtens gelungen, ein stimmiges Ende zu finden, das die Themen auf verschiedenen Ebenen aufgreift: die Einsamkeit der Figuren, den Rassismus und Sexismus, die Frage, wer welche Geschichte wie erzählt und das Ringen um Erfolg mit dem „Nebeneffekt“, das eigene Innere an die Öffentlichkeit zu zerren.
Fazit: „Yellowface“ ist ein spannendes, eindringliches Buch über Rassismus und Konkurrenz im Buchmarkt, das das Gleichgewicht zwischen Unterhaltung und Aufklärung gelungen hält. Unbedingt empfehlenswert.
Unterhaltung: 3 von 3
Sprache/Stil: 2 von 3
Spannung: 3 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 3 von 3
Diversität: 2 von 3
Tiefe der Thematik: 3 von 3
Weltenbau: trifft nicht zu
Gesamt: 18 von 21
