Katherina Ushachov: Stahllilie und der mechanische Löwe. Littera Magia

Interessante Geschichte, die (zu?) viel offen lässt.

 Stahllilie Cover

Eine Science-Fiction-Novelle in einem Independent-Verlag  – das weckte mein Interesse. Auch das Cover sprach mich an. Der Titel jedoch wirkt auf mich verwirrend , klingt er doch eher nach Märchen, als nach SciFi. Und diese Verwirrung ließ beim Lesen nicht nach, denn Stahllilie bricht mit einigen Konventionen, nicht nur des Genres.

 

 

 

Da ist zuerst die titelgebende Stahllilie, eine Gladiatorin: Sie kommt in dem Text zwar vor, aber sie ist weit davon entfernt, die Hauptfigur zu sein. Die Hauptfiguren sind Sera und Elon, zwei Personen, über die ich nicht viel mehr erfahre, als dass sie miteinander verlobt sind. Der Text ist größtenteils aus der Sicht von Sera erzählt, beginnt aber mit einem Strang aus Elons Sicht.

Die zweite Konvention, die der Text bricht, ist die der Erzählzeiten: Gängig ist, dass es eine Erzählzeit und daneben evtl. Rückblenden gibt, die als solche erkennbar sind. Dies ist hier nicht so: Die ersten Kapitel des Textes spielen in einer Zeit, dann kommt ein Perspektivwechsel und eine andere Zeit – aber ich muss mir nach und nach zusammenpuzzeln, dass es sich offenbar um eine Rückblende handelt, denn sie wird nicht durch einen Zeitformenwechsel gezeigt. Und dann springt der Text wieder in die Jetztzeit – auch hier ohne Hinweis auf den Zeitebenenwechsel.

Die dritte Eigenwilligkeit des Textes ist, dass die personalen Erzähler*innen ihren Protagonisten immer fern bleiben und sehr vieles nicht erklärt wird. So bleibt mein Verständnis der handelnden Personen, der Welt und der Motive der Personen höchst lückenhaft. Ich kann nicht einmal sagen, ob der Text Steampunk ist oder nicht, denn der Stand der Technik und deren Basis bleibt vollkommen unklar. Die wenigen Beschreibungen wirkten auf mich entweder generisch (Tunnel halt) oder seltsam von den Protas entrückt, wodurch ich sie nicht mit diesen verbinden konnte.

Ich gebe zu: Mich hat das zunehmend enttäuscht, denn es verhinderte, dass ich wirklich in die Geschichte eintauchen konnte. Ich mochte den eher reduzierten Schreibstil, die interessanten Vergleiche und wollte auch gern wissen, wie die Geschichte weitergeht. Aber es häuften sich die offenen Fragen: Was ist das für eine Welt, in der die Menschen in Vulkanschächten leben, nur synthetisches Astronautenessen zu sich nehmen – sich aber gegen die Kälte Bärenfett ins Gesicht schmieren? Was ist das für eine Welt, in der zwei Menschen heiraten wollen, sich aber offenbar nicht wirklich füreinander interessieren? Was ist das für eine Welt, in der eine Frau zur Gladiatorin wird und dadurch den Kontakt zu ihrer Schwester verliert? Was ist eine Gladiatorin eigentlich in dieser Welt? Und wie kommt es, dass es zwar offenbar sehr funktionsfähige künstliche Körperteile gibt, gleichzeitig aber mit einem vorsintflutlich erscheinenden riesigen Hammer gekämpft wird?

Am Schluss habe ich mir gewünscht, dass Ushachov der Geschichte etwas mehr Raum und Detailfreudigkeit gegeben hätte. Denn ich wollte wissen, was es mit dem mechanischen Löwen auf sich hat (mensch erfährt es nicht), welche Verbindung Sera zu ihm hatte und wieso er sich verhält, wie er sich verhält. Nicht zuletzt war die Art, wie der Löwe besiegt wurde, für mich sehr unglaubwürdig und daher enttäuschend – auch wenn sie überraschend ist.

Trotz dieser Mängel war Stahllilie für mich ein interessanter Text. Ich werde wohl noch eine Weile darüber nachdenken, warum es mir so gegen den Strich geht, wenn die titelgebende Figur nicht im Zentrum steht. Interessant ist auch, dass für einen zweiten Teil gerade ein Crowfunding läuft – und das, obwohl der vorliegende Text auf mich nicht wie ein Teil einer Reihe wirkt. (Der einzige Hinweis darauf ist die Eins auf dem Cover.) Wird Stahllilie weiter eine Nebenfigur bleiben? Was entpuppt sich als Konzept der Serie? Es bleibt auf jeden Fall weiter spannend.