Judith Vogt, Lena Richter, Heike Knopp-Sullivan (Hrsg.): Queer*Welten 13 - 2024
tolle Microstorys
Im Vorwort schreiben die Herausgeber*innen über die zunehmende Enge in der Buchbranche, in der sich scheinbar gerade nur eskapistische Romance verkauft. Welchen Platz hat da progressive Phantastik?
Das Heft enthält neben fünf Kurzgeschichten und einem Essay 13 „Schattengeschichten“, 13x13 Wörter lange Texte zum Thema Halloween. Nach dem Vorwort bietet „Was soll es bedeuten?“ von Maria Schmiedinghoff eine Reinterpretation der Lorelei-Geschichte, die ich prägnant und gelungen finde. „Wohnungsgespenst“ von Leo Nora Grabner beschreibt die Beziehung zwischen einem Menschen und einem sehr sympathischen Gespenst.
Martina John: Rhizom Reloaded (KG)
In dieser Science-Fiction-Geschichte wollen Ness und Raja ein Appartement überfallen, um mit der Beute einen Weg aus der Armut zu finden. Aber wie das mit „dem großen Coup“ so ist: Natürlich geht er schief.
Ich mochte den gelungenen und dichten Weltenbau der Geschichte, besonders die Idee, dass eine Person mit Pilzmyzel kommunizieren kann. Auch die Rasanz und Spannung sprach mich an. Stilistisch mischt der Text dichte, stimmungsvolle Beschreibungen mit Derbheit und findet dabei eine eigene Sprache und immer wieder Momente zum Innehalten. Schön. Trotz kleiner plastischer Details konnte ich allerdings die Figuren nicht fassen. Das Ende enthält dann einen überraschenden Wechsel, den ich leider nicht kaufe, weil eine „Loop Gun“ für mich innerhalb der gezeichneten Welt keinen Sinn vergibt. Das ist wirklich schade, denn bis zu diesem Ende habe ich den Text ziemlich genossen.
Die Microstory „Verdammt!“ von Rebecca Reiter habe ich dreimal gelesen und nicht verstanden. Plötzlich gibt es einen Dialog, bei dem ich nicht verstehe, wer spricht, und dadurch fällt die zunächst stringent erzählte Geschichte auseinander. „Walpurgisnacht“ von Stefanie Klawitter ist ein Gedicht, dessen Reim und Versmaß sitzt. Inhaltlich ist es mir jedoch zu redundant.
Elisa Saph: Die verschwundene Frau (KG)
Der Anfang dieses Textes hat mich begeistert: Studentin Lili zieht in ein Zimmer ein, in dem ein Geist haust. Ihre Oma redet ihr gut zu. Ich mochte die Beschreibungen, die Darstellung der Beziehung zwischen Lili und der Oma und auch die wachsende Beziehung zwischen Lili und Geist Myriam. Dabei stolperte ich zunächst darüber, dass Lili den Geist zunächst ignoriert, was nie erklärt wird. Leider zieht sich das durch den Text: Da werden Dinge aufgebaut (der Vermieter scheint schmierig und gefährlich, die Oma weiß etwas über Geister und stirbt vielleicht, Myriam hat eine aufzudeckende Vergangenheit und Lili einen Grund, aus dem sie keine Nähe zulassen kann), aber keines dieser Dinge wird näher beleuchtet. Stattdessen biegt der Text zu einem anderen Ende ab. Das führt für mich dazu, dass ein zunächst dichter, sprachlich schöner und stimmungsvoller Text in unverbundene und anerzählte Einzelteile zerfällt, die für mich kein stimmiges Ganzes ergeben.
Chris Balz’ „Aus dem Leben eines Aufhockers“ lässt nur erahnen, was ein Aufhocker ist. Es wird mit wenigen Worten eine kleine Beziehung geschildert. Leider ist für mich das verwendete „Polnische Gendering“ nicht wirklich goutierbar und zieht sich als irritierender Fremdkörper durch den Text, sodass ich trotz der Kürze einigen guten Willen brauchte, um ihm zu folgen. Die nächste Schattengeschichte ist ein Beipackzettel zu „Sanguinisan Granulat“ von Sarah Jacob, ein Mittel, das es Vampir*innen ermöglicht, unter Menschen zu leben. Wie in diesem Dokument Weltenbau angedeutet ist, fand ich sehr gelungen.
C.N. Stance: Morbides Wien (KG)
Ein lesbisches Pärchen unternimmt eine morbide Tour durch Wien und landet dabei in einer Geisterbahn. Ich habe das zunächst gern gelesen, Stance ist es gelungen, mich für die Figuren zu interessieren, und ich wollte wissen, warum Rajana sich so ungeliebt fühlt. Leider erfahre ich darüber fast nichts (Mehrgewicht reicht mir als Begründung nicht aus), stattdessen wird der Text mit dem Eintritt in die Geisterbahn zu einer Gruselgeschichte, wie ich sie schon xmal gelesen habe. Merkwürdigerweise kommt es hier auch zu einem stilistischen Bruch: die nun phrasendurchzogene Sprache wird unbeholfen, die actionreiche Handlung durch umständliche Formulierungen ausgebremst. Mich hat das so wenig mitgenommen, dass ich den Text nur noch quergelesen habe. Das Ende ist dann irgendwie stimmig, aber leider auch alles andere als originell.
In „Geisterstunde“ von Charline Winter beobachten zwei Menschen das Treiben von Figuren in Bildern, die sich bewegen können, und entdecken verdeckte Queerness, eine kleine, berührende Beobachtung. Sammy Heet geht in „Nocturnal“ ein wesentlich schwereres Thema an und zeigt, wie das Wesen, das für Träume verantwortlich ist, einem Kind bei der Bewältigung von Traumata hilft. Leider hat mich das aus meiner fachlichen Perspektive nicht überzeugt, denn Alpträume bleiben ohne von außen stützende Beziehungsperson zu oft reine Belastung, die nicht zur Verarbeitung führt.
Marie Meier: Hundert Lichtjahre Einsamkeit (KG)
Meier fängt mich mit ihrem Schreibstil gleich ein: Gern folge ich Helena durch ihren Alltag auf einer abgelegenen Forschungsstation, den eigenen malerischen Beschreibungen, die die Freiheit der Einsamkeit lebendig werden lassen. Helene bekommt in Gestalt der KI Emma Begleitung aufgedrängt und muss sich mit ihr arrangieren.
Leider habe ich insbesondere am Anfang des Textes einige Details nur nach mehrfachem Lesen verstanden und auch wenn ich die Figuren gelungen gezeichnet finde, befriedigt mich der Plot letztlich nicht. Die Rettung durch Emma bleibt mir zu wenig ausgeführt, die Hintergründe von Helenas Rückzug nach einer enttäuschten Liebe zu generisch. Auch nach einer Erklärung für die hundert Lichtjahre suche ich vergeblich, es bleibt bei der Anspielung auf einen Buchtitel. Das ist etwas schade, denn im Ansatz mochte ich diesen Text sehr.
Parasiten im All sind ein altbekanntes Thema. Nora Bendzko gewinnt dem in „Symbionten“ einen neuen Aspekt ab, der aufgrund der Kürze des Textes natürlich nur angerissen werden kann. Auch Jeannie Marshall greift in „Fidebum“ ein altbekanntes Thema auf, wehren sich doch die Naturgeister hier gegen die zerstörerische Menschheit. Leider fehlt mir hier der neue Aspekt.
Carolin Lüders: Maja, 28, w, Werwölfin (KG)
Der in stimmungsvoller, etwas blumiger Sprache geschriebene Text beginnt mit einer Szene, in der eine Frau ihrer neuen Freundin offenbart, dass sie eine Werwölfin ist. Ich habe den Text über darauf gewartet, dass diese Anfangsszene aufgegriffen wird, aber es geht mit anderen Bekanntschaften der Werwölfin weiter: ihrem Mitbewohner, einem Vampir, und ihrer neuen Freundin, einer Goul. Das liest sich recht flüssig und interessant, allerdings ist mir das Ende dann doch etwas zu süßlich.
In „Ein Huhn für die Drude“ erzählt Jassi Etter in der Du-Perspektive davon, wie eine Person ihrer eigenen personifizierten Depression begegnet. Ganz nett, aber für meinen Geschmack etwas beliebig. Interessant ist, dass der Text auf zwei Arten lesbar ist: mit und ohne phantastische Komponente. Sonja Lemkes „Feensommer“ berichtet von einer Entführung, die eine Rettung ist. Der Text hat mich traurig gemacht und beruht meines Erachtens auf einer beeindruckenden Idee, allerdings holpert er für mich sprachlich etwas.
Essay: Der Regenbogen führt ins Feenreich: Eine intersektionale Rückeroberung der "Anders"-Welt? von C. F. Srebalus
Der Essay betrachtet Feen und verwandte Gestalten aus einer anderen Sicht und liest sie als neurodivergent oder queer. Ich fand das eine interessante und neue Sichtweise, allerdings fehlte mir in dem Text manchmal der rote Faden oder ich konnte Dinge nicht ganz nachvollziehen, weil ich in Märchen und Sagen nicht sehr firm bin. Die Anregung, auch bei Feengeschichten auf Ableismus und Saneismus zu achten und beides zu vermeiden, gefiel mir aber sehr gut und der Essay hat mich auch neugierig auf neue Feengeschichten gemacht.
Es folgt der Queertalsbericht mit einer bunten Mischung aus Rezensionen von Sach- und Fachbüchern sowie Veranstaltungshinweisen.
Fazit: Nachdem die Queer*Welten in den letzten Ausgaben die Messlatte so hoch gelegt hatten, hat mich dieses Heft etwas enttäuscht. Erstmals konnte ich mit den Kurztexten mehr anfangen als mit den Geschichten, von denen mich keine wirklich begeistern konnte. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele der Kurztexte wie Ideenskizzen wirken. Eine solche gute Idee kann mich in einem kurzen Text begeistern, bei etwas längeren Texten reicht mir eine Idee allein aber nicht aus.
Aufmachung 2 von 3
Unterhaltung 2 von 3
Textauswahl 2 von 3
Originalität 2 von 3
Diversität 3 von 3
Tiefe 1,5 von 3
Gesamtfazit: 12,5 von 18 möglichen Punkten
