Philip Pullman: Der goldene Kompass. Heyne

 

auf spannende Art „alles falsch gemacht“

 

Ich habe es selten erlebt, dass ich so viel an einem Buch zu meckern hatte und es trotzdem mit so viel Freude las. Pullman hat eine spannende, detailreiche Welt geschaffen, die mich in ihren Bann zog. Und gleichzeitig macht er scheinbar alles falsch, was beim Schreiben nur falsch gemacht werden kann. Warum funktioniert es trotzdem? Ich versuche, dem nachzugehen. Leider kann ich das nicht, ohne zu spoilern, also sei hier gewarnt. Diesmal verrate ich das Ende. Jedenfalls ungefähr.

„Der goldene Kompass“ beginnt mit der Einführung der Hauptfigur, für die der Autor sich Zeit nimmt: Lyra ist ein 12jähriges Kind, das elternlos in einem College in Oxford aufwächst. Sie ist ein wildes Mädchen, das gern Streiche macht und auf Dächer klettert, wobei sie als furchtlos und neugierig geschildert wird. Ihre Streiche erscheinen teilweise als lebensgefährlich; die Welt, in der sie lebt, erinnert an ca. 1880 und ist von Sexismus, Adultismus und Rassismus geprägt. Als Lesende muss ich mir diese Welt nach und nach zusammenpuzzeln, denn sie enthält neben vielem Bekannten magische Elemente. So hat jeder Mensch einen Daemon, eine Art Ebenbild der eigenen Seele in Tiergestalt, der vor der Pubertät des Menschen die Gestalt wechseln kann.

Lyra wird als sehr einsames und beziehungsloses Kind gezeichnet, das aber aufgrund seines sonnigen Gemüts nicht darunter leidet, dass es seine Eltern nicht kennt. Das ist einerseits die Stärke des Buches, denn es ist leicht, Lyras grausamem Schicksal zu folgen – gleichzeitig liegt hier meines Erachtens eine der größten Schwächen. Mir erscheint es als nicht nachvollziehbar, wie Lyra handelt und fühlt und sie wirkt an manchen Stellen sehr flach, ohne Tiefe. Auch darf sie sich während des gesamten Buches nicht verändern.

Aber zurück zum Plot: Lyra beobachtet eine Unterhaltung ihres Onkels (der sich später als ihr Vater herausstellt, was ich schon früh ahnte) und vereitelt einen Mordversuch an ihm. Dann wird ihr bester Freund entführt und sie schwört, ihn zu suchen, kommt aber nicht dazu, weil eine überirdisch schöne und charmante Frau auftaucht und Lyra auf eine Reise mitnimmt, was sie ihren Plan vergessen lässt. Diese Frau, Mrs. Coulter, entpuppt sich hinter ihrer schillernden Fassade als grausame Kinderentführerin, von der Lyra schließlich flieht. Der größte Teil des Buches besteht aus einer Verfolgungsjagd und Reise von Lyra: Sie flieht vor Mrs. Coulter (die, wie sie erfährt, ihre Mutter ist) und sucht nach ihrem Freund und ihrem Vater, dem sie ein magisches Instrument überbringen will, das der Schulleiter ihr anvertraut hat. Dabei findet Lyra immer wieder für eine Zeitlang Gefährten, aber immer wieder muss sie diese verlassen – was sie nicht im mindesten zu stören scheint. Bis zum (bitteren) Ende bleibt Lyra Einzelkämpferin, auf eine Art, die mich immer wieder gestört und befremdet hat, weil sie oft unnatürlich künstlich erschien. Pullman nimmt einige Plotlöcher in Kauf, um den Status seiner Heldin als Einzelkämpferin zu erhalten.

Zunehmend geärgert haben mich außerdem die vielen unhinterfragten Diskriminierungen. Kinder werden belogen, misshandelt, ausgenutzt und bevormundet. Frauen kommen in dem Buch fast nicht vor. Neben Lyra und Mrs. Coulter ist da die Gypterin Ma Costa zu nennen, eine großartige, starke Figur, die ohne erkennbaren Grund wieder abtreten muss, kaum dass sie eingeführt ist – weil nur Männer weiterreisen. Wissenschaftlerinnen sind fade und hässlich (sagt Lyra) und die Frauen, die eine Rolle spielen dürfen, sind dann auch beide überirdische Schönheiten: Eine Hexe und Mrs. Coulter. Am ärgerlichsten ist aber für mich, dass keine einzige Frau in dem Buch einen eigenen Willen haben darf: Mrs. Coulter ist ebenso wie Lyra ein Spielball höherer Mächte.

Neben der selbstverständlichen Benachteiligung von Frauen bin ich auch über den enthaltenen Rassismus gestolpert. Das sind die Gypter (denen man die Gypsies deutlich anmerkt) und die wilden Tataren, das „menschenessende Kriegervolk“. Kein Wunder, dass ich annahm, das Buch sei in den 1970er Jahren oder früher geschrieben worden. Eine Recherche hat mich eines Besseren belehrt: Pullman ist 1946 in Norwich geborener Brite, der in Rhodesien, Australien und Großbritannien aufwuchs und „Der goldene Kompass“ wurde 1995 erstveröffentlicht! Und hat, zusammen mit seinen Nachfolgebänden (es handelt sich um eine Trilogie) mehrere Preise gewonnen. Der hier behandelte Band bekam die Carnegie Medal für britische Kinderbücher und den jährlich vergebenen „Guardian Children's Fiction Prize“. Und so gut wie ich es verstehe, dass dieses Buch einen großen Leser:innenkreis anspricht, so schockiert bin ich darüber, dass es in den 1990er Jahren möglich war, mit einer derartig vor Rassismen und Sexismen strotzenden Geschichte renommierte Preise zu gewinnen. Was die Frage aufwirft, ob das wohl heute so anders ist ...

Warum also zieht dieser Text, der gegen alle meine Überzeugungen spricht und auch nicht als „Kind seiner Zeit“ entschuldigt werden kann, mich so in den Bann? An der lebendigen Innenwelt der Protagonistin kann es nicht liegen: Lyra blieb mir den gesamten Text über fern und wirkt unglaubwürdig naiv in ihrer Schläue. So naiv, dass sie vor lauter Naivität nur Neugier und Ungeduld fühlt, ansonsten aber weitgehend gefühllos bleibt, selbst als sie an einem Ort landet, an dem systematisch Kinder ermordet werden. Trotzdem ist sie sympathisch und ich folgte ihr gern. Warum?

Liegt es an der Sprache? Pullman schreibt lyrisch und wortgewaltig, etwas altertümlich und märchenhaft. Seine Beschreibungen sind atmosphärisch dicht und auf jeden Fall ein Pluspunkt. Merkwürdig ist der allwissende Erzähler, der meist Lyra folgt, aber immer wieder Dinge einflicht, die sie nicht wissen kann und die teilweise sehr wie ein Teufel aus der Maschine wirken – etwas, was mir als Leserin verraten werden muss, auch wenn die Perspektive es nicht hergibt.

Außerdem hat der Erzähler ein breites Angebot stereotyper Behauptungen, wer wie sei (Gypter sind so und Tataren sind so). Das Merkwürdigste ist, dass Pullman der Regel „show, don't tell“ recht konsequent nicht folgt: Er zeigt uns Lyras wenige Gefühle nicht, sondern stellt Behauptungen auf, die wir einfach hinnehmen müssen. Und ich als Leserin tat es meistens gern und nahm die damit einhergehende Distanz zur Protagonistin in Kauf.

Liegt es am Plot? Der ist – es lässt sich nicht anders sagen – von Plotlöchern durchsiebt. Er lässt sich nur dadurch halten, dass Pullman das Schicksal als treibendes Element einfügt, weil sich Lyras Handlungen nicht anders als durch eine magische Getriebenheit erklären lassen. Aber auch im Kleinen haut vieles nicht hin: Da wird eine Gruppe von Männern ermordet, um Lyra zu entführen, weil die Tataren das halt so machen. Zwei Tataren erzeugen dabei einen Pfeileregen (nur wie?). Dann wird Lyra an die Versuchsanstalt verkauft und trifft dort auf brave Kinder, die nicht einmal an Auflehnung denken, gleichzeitig ist aber angeblich alles ganz schlecht organisiert. Die Kinder bleiben brav – um dann aber ohne Schwierigkeiten eine riesige Ablenkung zu generieren, wenn es Lyra in den Kram passt. Und am Ende fallen sich Lyras Eltern schließlich in einer sadomasochistischen Beziehung in die Arme, während sich ihre Daemonen zerfleischen und es stellt sich heraus, dass ihr Vater ebenso ein Arschloch ist wie ihre Mutter. Aber stört sie das? Nur kurz.

Was also ist das Geheimnis des goldenen Kompass'? Meines Erachtens sind es mehrere Dinge: Da ist die Welt, die so packend und bunt ist. Da ist die märchenhafte bildreiche Sprache, die die Welt lebendig werden lässt. Da sind liebenswerte und etwas schräge Einzelcharaktere, wie Lyras Dämon und Iorek Byrnison, der Panzerbär, der zu Lyras mächtigem Beschützer wird.

Ich glaube, dass die Idee, nie einsam zu sein, weil der eigene Seelenzwilling immer an meiner Seite ist, so viel Strahlkraft hat, dass sie einen großen Reiz des Buches ausmacht. Wahrscheinlich rührt sie an unsere tiefsten Sehnsüchte - die Pullman, der seinen Vater selbst mit sieben Jahren verlor, sicher gut kennt. Und so blass Lyra an manchen Stellen wirkt – eine Protagonistin, die scheinbar unbeirrt auch das Schlimmste übersteht, ohne sichtbar Schaden zu nehmen – auch das rührt an Träume eigener Unverwundbarkeit.

Insgesamt blieb bei mir am Ende trotz der vielen Vorzüge des Buches ein schales Gefühl. Einerseits weil ich das Gefühl hatte, das Rätsel dieses Buches nicht wirklich ergründet zu haben. Andererseits, weil Pullman seine Protagonistin am Ende schrecklich hängen lässt (was ich nur schwer aushalten kann). Ich habe nun doch nach Band zwei gegriffen, in der Hoffnung, dass Lyra noch etwas erreichen darf, was für sie individuell Bedeutung hat. Wir werden sehen!