Becky Chambers: The Galaxy and the Ground within. Harper Voyager / Hodder & Stoughton

deutsch: Die Galaxie und das Licht darin, Fischer Tor

langsam und wholesome

Wayfarer4klein

 

„The Galaxy and the Ground within“ ist der vierte und letzte Teil der Wayfarer-Serie und wie alle anderen Serienteile auch ein völlig unabhängiges Buch. Die Handlung spielt im „Five Hop One Stop“, einer Entspannungs- und Versorgungsstation unter einer Kuppel auf einem an sich unbewohnten Planeten. Da eine viel befahrene Sternenstraße in der Nähe vorbei führt und oft Wartezeiten auf die Tunneldurchfahrt bestehen, bietet die Station Services rund um diese Wartezeit an. Die Inhaberin, die Laru Ouloo, ist sehr bemüht, es allen recht zu machen, allerdings ist ihr pubertierendes Kind Tupo dabei nicht immer eine Hilfe. Als es zu einer Havarie der Kommunikationssatelliten kommt, sind die derzeitigen Besucher des „Five Hop One Stop“ unfreiwillig mehrere Tage zusammen eingesperrt.

 

 

Was erst einmal nach einem klassischen Plot klingt, wird von Chambers auf eine sehr eigene Art bearbeitet. Denn anders als in den meisten „eine Gruppe Leute wird unfreiwillig zusammengeworfen“-Geschichten geht es hier nicht so sehr um Gefahren und das Überleben, sondern um interkulturelle Begegnungen. Denn die zusammengeworfenen Aliens haben alle Vorurteile und stereotype Ideen über die anderen und die Begegnungen sorgen dafür, dass diese hinterfragt werden. Dabei wird das nicht nur behauptet, sondern eindrucksvoll gezeigt – und natürlich ist das Ergebnis auch nicht immer eindeutig.
Als Handelnde haben wir Pei, die Aeluon-Freundin von Ashby aus Band 1, die zu einem Treffen mit Ashby unterwegs ist und damit hadert, dass sie nicht zu ihm und der Partnerschaft stehen kann. Da ist Roveg, ein exilierter Quelin, der zu einem für ihn sehr wichtigen Termin unterwegs ist. Und da ist die Akarak Speaker, Angehörige einer Spezies, die mit Piratentum gleichgesetzt wird.
An dieser Stelle muss ich endlich einmal loben, dass Chambers sehr fantasievolle Aliens erfunden hat. Wahrscheinlich werden sich keine zwei Leute, die sich über die Aliens unterhalten, einig sein, wer wie aussieht. Aber meines Erachtens sehen die Laru aus wie Alpakas, die Quelin wie eine Mischung aus Tausendfüßler und Schildkröte, die Aeluon wie Menschen mit Geckoschuppen und die Akarak wie eine Mischung aus Kakadu und Faultier.
Chambers bekommt es meisterhaft hin, in einer sehr plotarmen Geschichte Spannung zu erzeugen. Sie entsteht dadurch, dass die persönlichen Geschichten sich erst nach und nach entfalten. Informationen werden Lesenden bewusst vorenthalten und ich denke immer noch darüber nach, warum mich das in diesem Buch nicht gestört hat: Welchen Termin hat Roveg? Was ist Speakers Job? Warum lebt Ouloo mit Tupo allein, obwohl die Laru doch eigentlich in Gruppen leben? All das erfahren Lesende erst nach und nach, quasi häppchenweise. Vielleicht stört es mich nicht, weil es organisch wirkt, die Perspektiven so gewählt sind, dass ich mich nicht an der Nase herumgeführt führe. Daneben sorgt der Plot für ein gewisses Maß an Spannung. Hier werden Fragen aufgeworfen wie: Wie wird Pei sich entscheiden? Wird Tupo überleben? (ja, es gibt doch Lebensgefahr) und: War das wirklich nur eine Havarie oder gab es einen Angriff? Chambers greift hier gekonnt genretypische Erwartungen auf und erfüllt sie nicht oder auf unerwartete Weise. Auch wenn die Auflösung an manchen Stellen enttäuschend ist, habe ich das in der Gesamtschau doch sehr genossen.

Chambers erzählt aus den wechselnden Perspektiven der Protagonist*innen, was anfangs für Verwirrung sorgt, sich dann aber für mich recht schnell zusammenpuzzelte. Sprachlich gibt es wieder viel Humor und die von mir so geliebten eigenwilligen Vergleiche – insbesondere die Dialoge haben mich oft zum lauten Losprusten gebracht. Es gab auch viele Momente, die mich enorm berührt haben bzw. in denen ich mich wiedergefunden habe. Insbesondere in Bezug auf die Frage, wie man mit Marginalisierung und Diskriminierung der eigenen Person umgehen kann, ist Speaker für mich eine gelungene Protagonistin, die ihrem Namen gerecht wird, und Verständigung sucht, selbst wenn der eigene Schmerz groß ist.
Wie in der Aufzählung der Protas bereits auffällt, gibt es in diesem Text keine menschliche Perspektive. Interessanterweise führte das für mich dazu, dass ich alle Perspektivtragenden als gleich menschlich wahrnahm. Daher gelingt hier meines Erachtens eine extra grandiose Repräsentation verschiedener Geschlechter: Tupo beispielsweise benutzt im Englischen das Pronomen xyr. Wie Ouloo sich selbst davon abhält zu raten, welches Geschlecht Tupo wohl einmal annehmen wird, hat mich sehr berührt.

Da der Plot so wenig Raum einnimmt, hat Chambers viel Zeit für Gespräche. Hier geht es um Vorurteile, kulturelle Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten und immer wieder um das Hinterfragen des eigenen Standpunktes. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mir immer wieder gewünscht habe, jemand möge das ungerechte Schicksal der Akarak verändern, für sie kämpfen – aber natürlich war ich da voll in meinem eigenen Motiv des White Savior. Chambers findet am Ende einen anderen Ausblick, der hier nicht verraten werden soll.

Kategoriale Einschätzung:
Unterhaltung: 2 von 3 Punkten
Sprache/Stil: 2 von 3
Spannung: 2 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2,5 von 3
Originalität: 2,5 von 3
Tiefe der Thematik: 3 von 3
Weltenbau: 3 von 3
macht 16 von 21 möglichen Punkten.