J.C. Vogt: Anarchie Déco. Fischer Tor
stimmungsvoll und spannend
Um diesen Text bin ich eine Weile herumgeschlichen, bevor ich mich dafür entschieden habe, ihn zu lesen. Denn eigentlich bin ich kein Urban Fantasy Fan und befürchtete, das Ganze sei mir zu süßlich; ich erwartete Elfen und Zwerge und Klischees. Dann kam Yvonne Tunnat und meinte, das sei doch eigentlich Science Fiction – und was soll ich sagen? Ich gebe ihr Recht und bin froh, dass ich diesen Text gelesen habe. Er ist einer meiner Highlights im Jahrgang 2021.
Aber von vorn: Anarchie Deco spielt im Berlin der 1920er Jahre, die Zeit der Weimarer Republik, der erste Weltkrieg ist vorbei und die Nationalsozialisten beginnen, sichtbarer zu werden. Den Vögten gelingt es ganz meisterhaft, die Atmosphäre dieses Berlins einzufangen, die Armut, die dem Reichtum eines aufstrebenden Bürgertums gegenübersteht, die Freiheit in den Milieus der Tänzer:innen und Varietés, in denen mit Geschlecht gespielt werden kann und gleichzeitig die Bedrohung durch Menschen, die wollen, dass alles „seine Ordnung“ hat.

Der Einstieg in diesen Text ist mir leichtgefallen: Ich mochte die Sprache und die Art, wie mich Ruth gleich in den Text warf: Das erste Kapitel beginnt damit, wie der Protagonist Mika vor einem Schaufenster steht und das Objekt seiner Begierde, einen neuen Tablet-PC, bewundert. Dann geht er Erinnerungen spenden und trifft dort eine junge Frau, die eine ehemals sehr enge Freundin von ihm war (Lynn) – an die er sich aber nicht mehr erinnert. So ist das zentrale Konfliktfeld des Textes schon auf den ersten Seiten aufgemacht: Wie viel sind Erinnerungen wert?




