Becky Chambers: A Closed and Common Orbit. Hodder & Stoughton / Fischer Tor

 berührend und tiefsinnig

 Wayfarer2

Der zweite Band der Wayfarer-Serie ist sehr anders als der erste. Liest sich der erste Band eher langsam und mäandert, so ist dieser zweite Teil stringenter erzählt und folgt von Anfang an einem klaren Plot. Mich hat das Buch von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, ein wahrer Pageturner, ohne den ich kaum auf die Toilette gehen konnte.

„A Closed and Common Orbit“ (deutsch: „Zwischen den Sternen“) erzählt mit wenigen Ausnahmen aus zwei Perspektiven in zwei Ebenen. Die eine Ebene folgt Sidra, einer Schiffs-KI, die in einen künstlichen Körper geladen wird, ein Vorgehen, das in der galaktischen Gemeinschaft in höchstem Maße illegal ist. Sidra muss also so tun, als sei sie ein Mensch, sonst wird sie getötet. Sidra lebt bei Pepper, einer menschlichen Tüftlerin, die einen Reparaturshop betreibt und die Sidra hilft, weil sie selbst eine enge Bindung zu einer KI hatte, die eine (genaugenommen die einzige) Elternfigur für sie war. Die zweite Erzählperspektive erzählt Peppers Vergangenheit. Dazwischen gibt es Forenmitschnitte und vereinzelte Mails, wobei es Chambers gelingt, die Forenmitschnitte zu einem humorvollen Fest zu machen, weil die bekannten Forendynamiken so gut eingefangen sind.

 

Becky Chambers: A Long Way to a Small, Angry Planet.

Hodder & Stoughton / Fischer Tor

freundliches Ideenfeuerwerk

Wayfarer1Rosemary läuft aus zunächst unbekannten Gründen von zu Hause weg, ändert ihre Identität und heuert als Büroangestellte auf dem Tunnelbauschiff „Wayfarer“ an, das Wurmlöcher baut. Die vorher sehr behütet aufgewachsene junge Frau entdeckt eine neue Welt voller Aliens – „Außerirdische“ passt nicht, denn die Erde ist so gut wie unbewohnt, Rosemary ist zwar ein Mensch, stammt aber vom Mars. Die meisten Menschen leben auf Generationenschiffen.

Auch wenn Rosemary und ihre Entwicklung im Zentrum steht, kommen im Buch verschiedene Personen zu Wort: Chambers wechselt kapitelweise die Perspektiven und erzählt jeweils personal, dabei folgen wir bis auf wenige Ausnahmen den Mitgliedern der neuneinhalb-köpfigen Crew. Da ist Ashby, Mensch und Captain, Sissix , Aandrisk und Pilotin, Kizzy, Mensch und Mechanikern, der kleinwüchsige Mensch Jenks und Computertechniker, Ohan, ein Sianat der mit seinem Virus das Navigatorenteam bildet, die KI Lovey und Dr. Chef, Grum, Arzt und Koch, und Corbin, ein Mensch, der sich um den Algenantrieb kümmert, und den niemand leiden kann, weil er sich aufgrund seiner sozialen Schwierigkeiten unbeliebt macht.

Frank Makowski: Die Frauen von Berbarath. Edition SOLAR-X

 

dystopisch und spannend

 Berbarath CoverMit diesem Text tat ich mich schwer. Ich konnte ihn nicht beiseitelegen, weil er mich gepackt hatte – und doch habe ich mich immer wieder über ihn geärgert. Vor allem, weil Cover und Klappentext in mir Erwartungen geweckt haben, die das Buch nicht erfüllt – was wahrscheinlich zum großen Teil an meinen Wünschen liegt und nicht an der Aufmachung.

Zunächst mal: Der Text ist kein klassischer Roman. Es gibt keinen übergreifenden Spannungsbogen und keine Protagonistinnen, die den gesamten Text über auftauchen. Ich hielt den Text zunächst für eine Sammlung aus vier kürzeren, und einem längeren Text, die jeweils für sich stehen können, und die, bis auf einige kleine Ausnahmen, keinerlei Bezug aufeinander nehmen. Die Handelnden können einander aufgrund der verschiedenen Zeitebenen nicht kennen. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie auf Berbarath spielen, dem Planeten, auf dem die Kolonisten gelandet sind. Ein anderer Vielleser meinte dann, es sei ein Episodenroman wie „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell. Nachlesen hat mich gelehrt, dass ein Episodenroman wieder etwas anderes ist, „Der Wolkenatlas“ wird bei Wikipedia als „literarisches Kaleidoskop“ bezeichnet. Nun, wie auch immer man das nennt - so etwas ist „Die Frauen von Berberath“ auch: Makowski zeigt den Niedergang einer Gesellschaft anhand von Schlaglichtern, die Klammer besteht nicht in einem klassischen Spannungsbogen, sondern ergibt sich aus der Frage, wie sich die Kolonist*innen und deren Gesellschaft entwickelt. Nur wenige Wochen oder gar Tage sieht der Autor den Frauen zu. „Die Entwicklung der Kolonie über 780 Jahre“, wie es im Klappentext verheißen wird, zeigt sich anhand dieser Schlaglichter, die eigentliche Veränderung wird nicht gezeigt.

Nils Westerboer: Athos 2643. Klett-Cotta

 

tiefsinnig und spannend

Athos Cover

 

 

Ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen, Science Fiction zu lesen, die im Klett-Cotta-Verlag erschienen ist, den ich bislang nur von Fachlektüre kenne. 2021 hat mich „Dave“ ziemlich begeistert, dieses Jahr schließt sich „Athos 2643“ an. Ein stilistisch gelungener Roman rund um die Beziehung einer KI zu dem Menschen, für den sie zuständig ist – und um Fragen nach Identität und Verantwortung.

 

 

 

June Is: Simas Fluch. Gefangen zwischen den Zeilen. Ohneohren

unterhaltsames Häh?

 june final highres

In einer Welt, in der es Magie gibt, gibt es Bücher, in die man eintauchen kann: zum Vergnügen, aber auch zur Strafe, um „geläutert zu werden“. Die Protagonistin Aislyn ist sehr neugierig und taucht in eines der Gefängnisbücher ein, das sie quasi dazu einlädt – und ein Abenteuer beginnt. Was erst in einer Fantasywelt beginnt, wird mehr und mehr zu Science Fiction, wobei keine der drei Welten, zwischen denen der Text wechselt, genug ausgearbeitet ist, um wirklich dem Titel „Social Science Fiction“ gerecht zu werden. Die magischen Fähigkeiten spielen für die erzählte Geschichte kaum eine Rolle und die Bücher sind eher wie PC-Spiele mit vollem Eintauchen mit allen Sinnen, wie man sie auch aus diversen Science-Fiction-Welten kennt. Gamer werden bekannte Elemente wiedererkennen: Zwischenbildschirme und Inventare beispielsweise.

 

Rico Gehrke (Hg.): 7 Millionen Tage in der Zukunft. Verlag Moderne Phantastik Gehrke

 

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7 Millionen Tage in der Zukunft

 

 

Ich weiß, was ich mir in meinem Jahresrückblick zu 2021 vorgenommen habe: Fokus auf das Gelungene. Und nun schreibe ich hier einen kritischen Text. Denn: Diese Anthologie ist die schlechteste, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich habe mich richtiggehend damit gequält. Ich schreibe trotzdem etwas dazu, weil sie mich zu Gedanken anregt, die ich mit euch teilen möchte. Und weil ich gern einen Austausch anregen würde, darüber, was Anthologien sollen und können und wollen.

 

 

Ellen Norten (Hrsg.) Das Alien tanzt im Schlaraffenland. Schmackhafte SF und Fantastik aus einem hungrigen Universum

 

durchwachsene Menüfolge mit einigen Appetithappen

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Als großer Fan von Adams' Anhalter musste ich mir diese humoristische SF natürlich zu Gemüte führen, zumal sie mir freihaus geliefert wurde, da ein Text von mir enthalten ist. Leider fühlte ich mich in diesem Restaurant des Öfteren wie ein*r Vegetarier*in in einem Steakhaus: Alles voll Essen, aber vieles trifft nicht meinen Geschmack. Ein überraschend großer Teil der Texte überzeugte mich weder stilistisch noch inhaltlich. Dass das alles Kurzgeschichten seien, wird nirgends erwähnt, trotzdem hatte ich es erwartet. Ebenso wie ich erwartet hatte, dass es sich durchweg um Science Fiction handelt. Nicht wenige Texte erzählen jedoch keine Geschichten und einige sind keine Science Fiction. Aber in einem guten Steakhaus finde ich immer ein paar leckere Beilagen und so war es auch hier.

 

 

Mein Science-Fiction-Jahr 2021

ein Rückblick und Zwischenfazit

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Ich bin Science-Fiction-Fan, so lange ich denken kann. Schon im Vorschulalter klebte ich an der Mattscheibe, wenn es etwas außerhalb der Erde zu entdecken gab. Später lass ich die osteuropäischen Werke aus der Sammlung meines Großvaters. Im letzten Jahr fiel mir auf, dass ich mittlerweile fast nur englischsprachige Bücher lese – und so nahm ich mir vor, das zu ändern. 2021, so mein Vorhaben, lese ich so viele deutschsprachige Neuerscheinungen im Bereich Science Fiction wie ich mir leisten kann – sowohl Kurzgeschichten als auch Romane. Eigentlich war meine Idee, über alles zu bloggen, was ich so lese. Ich träumte von einem Kopfsprung in tolle Texte, der Entdeckung neuer Welten und Charaktere, dem wollüstigen Schwelgen in Sprachkreationen und, so dachte ich, der Entdeckung von Selfpublishern und Kleinverlagen. Meine Vorstellung war, dass das Limit mein Geldbeutel sein würde.