Hilary Leichter: Luftschlösser. Arche
verwirrend und originell
Ein heterosexuelles Paar lebt mit seinem Baby in einer zu kleinen Wohnung und leidet unter Armut und Enge. Als sie eine Kollegin einladen, vor der ihnen die kleine Wohnung peinlich ist, öffnet diese einen Wandschrank und findet dort eine Terrasse. Diese wird zu einem Ort des Träumens, an dem sie sich all die Geschichten erzählen, die mit mehr Geld hätten möglich sein können. Die Kollegin wird zum Teil der Familie – aber nur, weil sie es ist, die die Terrasse erschaffen kann, deren Gegebensein vorausgesetzt, aber nie besprochen wird. Als die Kollegin, Stephanie, die Tür zur Terrasse schließt, reißt sie damit die Familie auseinander.
Dieser erste Teil des Buches hat mich fasziniert. Die Idee des rätselhaften Ortes, die Angst, diesen wieder zu verlieren, und Annies Einsamkeit, als ihre Tochter und ihr Mann verschwunden sind – all das hat mich sehr berührt und ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht: „Aber für einen kurzen Moment bemerkte Annie an den Rändern ihrer Stimme ein echte Traurigkeit und versuchte ausfindig zu machen, was für einen leeren Raum diese Ränder umschlossen und womit er sich füllen wollte.“
Im zweiten Teil fällt der Text in eine andere Welt: Ich lese die Geschichte eines Königspaars und eines weiteren Paars, das mit der Geburt des Kindes den Zusammenhalt verliert: „auch eine Familie ist ein Ökosystem, das aussterben kann“. Während ich das herrlich queere und absurde Märchen genossen habe, konnte ich mit der Geschichte um das dritte Paar wenig anfangen: zerfallende Dialoge, eine Absurdität nach der anderen und das Einzige, was ich zu verstehen glaubte, war, dass es auch hier darum geht, wie Einsamkeit nicht überwunden werden kann und eine dritte Person eine Beziehung zum Zerbrechen bringt, weil sie die nicht überwindbare Sehnsucht sichtbar macht. Es geht um Verlust und die Angst vor dem Verlust, die diesen vorwegnimmt.

Der Beginn dieses Buches hat mich richtig begeistert: Kraus schildert einerseits, wie die Hauptfigur Jay sich zu einem Tauchgang aufmacht, andererseits erfahren wir in Rückblenden, wie es dazu kommt, dass er meint, nun tauchen und die Überreste seines Vaters Mitt finden zu müssen, der sich im Meer suizidiert hat. Kraus breitet dabei das Panorama einer Vater-Sohn-Beziehung aus der Sicht des Sohnes aus und findet eine sehr eigene Sprache: „Als er aufhört, die Zähne zusammenzubeißen, dringen die gewohnten Aromen ein. Salz, Sand und Angst.“ Ich liebe es, wie Kraus eigene Bilder findet, wie er die Naturbeschreibungen auf der einen Erzählebene mit den Entwertungen des Vaters auf der anderen kombiniert, wie das stille Zusehen der Mutter und Jays Leiden sichtbar wird. Allerdings erscheint es für mich nicht wirklich glaubwürdig, dass Mitt, Jays Vater, trotz seiner massiven Ausbrüche so beliebt gewesen sein soll.
Die Sammlung von 13 Kurzgeschichten des bekannten Autors hat mich zunächst irritiert, denn was ich bekam, waren Schnipsel: genau beobachtete und atmosphärisch sehr dicht geschilderte Szenen – aber ohne Anfang und ohne Ende. Bald erkannte ich, dass das zumindest zum Teil der e-book-Formatierung geschuldet war, die unklar werden ließ, ob es sich um eine Zwischenüberschrift handelt oder um eine neue Geschichte. Daher purzelte ich immer wieder aus Texten heraus oder – wenn ich dachte, hier gehe der Text weiter – in einen neuen Text hinein. Da manche Geschichten die Perspektiven wechseln, hatte ich arge Mühe damit, zu verstehen, wann ein Text zu Ende war und wann ein neuer beginnt, denn Zwischenüberschriften waren fett gedruckt und ebenso mitten auf der Seite wie die einfachen Überschriften, die oft nicht einmal Absätze bekamen und denen zu allem Überfluss noch die Leerzeichen fehlten. Hinzu kommt, dass Boyle keine klassischen Enden schreibt: Wir sehen seinen Figuren eine Weile lang zu, sie erleben etwas (meist Deprimierendes) und dann wenden wir mit dem Autor den Blick ab und bleiben mit unseren Gedanken allein. Ich fand das zunächst anregend, es hat mich dann aber doch zunehmend genervt, bekam ich doch mehr und mehr das Gefühl, dass Boyle seine Figuren vorführt, benutzt, und sich dann von ihnen abwendet, wenn ihm nichts mehr einfällt oder er sich nicht wirklich weiter mit ihnen auseinandersetzen will.
Vorwort


