Janika Rehak, Yvonne Tunnat (Hrsg.): Der Tod kommt auf Zahnrädern. Amrun

Atmosphärisch dichte Steampunk-Geschichten

Zahnrder

 

Diese Anthologie enthält 15 Texte, von denen mir zehn so gut gefallen haben, so dass ich sie hier erwähnen möchte. Das ausführliche Fazit folgt am Schluss, ich kann aber schon jetzt verraten, dass diese Textsammlung für mich das Anthologie-Highlight das Jahres 2022 ist. Umso mehr freut es mich natürlich, dass ein Text von mir Teil davon ist!

 

Angelika Brox: My Happiness

Jemand unternimmt eine Zeitreise und landet in einer Steampunkwelt, die in flüssiger Sprache, allerdings ohne Perlen, beschrieben wird. Ich fand den Text kurzweilig und die Pointe, die eines der großen Rätsel unserer Vergangenheit klärt ;) witzig, allerdings gab es für meinen Geschmack etwas zu viele Beschreibungen und auch keine Tiefe. Aber das ist meines Erachtens auch nicht das, was dieser Text möchte, ich denke, hier geht es um kurzweilige Unterhaltung, und die ist gegeben.

 

Sylvana Freyberg und Uwe Post (Hg.) Future Fiction Magazine Nr. 2: Deutsche Ausgabe

Lohnenswerter Blick über den Tellerrand

FFM2

 

 

Dies ist die zweite Ausgabe des Future Fiction Magazins, einer neuen Science-Fiction-Zeitschrift, die auch auf Italienisch erscheint und sich moderner, utopisch angehauchter Science-Fiction verschrieben hat, die in der nahen Zukunft spielt. Die Herausgeber verweisen im Vorwort darauf, dass sie das Magazin derzeit als Minusgeschäft betreiben müssen, was die Zukunft der Publikation in Frage stellt. Auch sei es nicht leicht, passende Geschichten zu finden. Diesmal wollten sie auch Geschichten aus Afrika abdrucken.

 

Becky Chambers: The Galaxy and the Ground within. Harper Voyager / Hodder & Stoughton

deutsch: Die Galaxie und das Licht darin, Fischer Tor

langsam und wholesome

Wayfarer4klein

 

„The Galaxy and the Ground within“ ist der vierte und letzte Teil der Wayfarer-Serie und wie alle anderen Serienteile auch ein völlig unabhängiges Buch. Die Handlung spielt im „Five Hop One Stop“, einer Entspannungs- und Versorgungsstation unter einer Kuppel auf einem an sich unbewohnten Planeten. Da eine viel befahrene Sternenstraße in der Nähe vorbei führt und oft Wartezeiten auf die Tunneldurchfahrt bestehen, bietet die Station Services rund um diese Wartezeit an. Die Inhaberin, die Laru Ouloo, ist sehr bemüht, es allen recht zu machen, allerdings ist ihr pubertierendes Kind Tupo dabei nicht immer eine Hilfe. Als es zu einer Havarie der Kommunikationssatelliten kommt, sind die derzeitigen Besucher des „Five Hop One Stop“ unfreiwillig mehrere Tage zusammen eingesperrt.

 

 

Christelle Dabos: Die Spiegelreisenden-Saga. Insel

reicher Leidensweg

Spiegelreisende1

 

 

Die Spiegelreisenden-Saga erzählt in vier jeweils gut 600 Seiten starken Bänden die Geschichte von Ophelia, die in eine Region weit von ihrem Heimatort zwangsverheiratet wird. Ophelia lebt am Anfang der Geschichte bei ihrer Herkunftsfamilie und arbeitet in einem historischen Museum. Sie liebt ihre Arbeit und hat gar keine Lust auf Ehe und Familie, wie es in ihrer Welt erwartet wird. Sie ist eine kleine Frau mit Brille, eine Animistin, die alles belebt, was um sie herum existiert, und die die Fähigkeit hat, Dinge zu „lesen“ - durch Berührung deren Vergangenheit zu erfahren – und durch Spiegel zu reisen. Um sich davor zu schützen, ständig unbeabsichtigt Dinge zu lesen, trägt sie stets Handschuhe. Ophelia hat außerdem eine Einschränkung, die von Dabos als Tollpatschigkeit beschrieben wird: Sie hat nach einem Unfall Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu koordinieren.

 

Bernadine Evaristo: Girl, Woman, Other. Penguin Books bzw. btb (deutsch)

irritierend und anregend

maedchen frau etc bernardine evarista 9783608504842Normalerweise rezensiere ich hier ja deutsche Science-Fiction. Heute möchte ich eine Ausnahme machen, denn Evaristos Buch hat mir so viel Nachdenkstoff gegeben, dass ich gern öffentlich darüber schwadronieren möchte. Ich habe das Buch auf englisch gelesen, es liegt aber auch in deutscher Übersetzung vor.

Das Buch hat mir den Einstieg nicht leicht gemacht. Evaristo erzählt die Lebensgeschichten von 11 Frauen und einer nichtbinären Person of Colour, die alle (zumindest zeitweise) in Großbritannien leben. Sie schreibt Satzanfänge klein und verzichtet weitgehend auf Satzzeichen, meistens ist ein Satz eine Zeile. Es dauerte eine Weile, bis ich für mich verstanden hatte, dass ich den Text genießen kann, wenn ich ihn so lese, als würde mir jemand den Text erzählen. In der Tradition von oral history hatte ich die fiktiven Stimmen der Erzählenden im Ohr, die ganz unterschiedliche Facetten von Leben in Großbritannien aufblättern: da sind Bildungsaufsteiger*innen, da ist die Generation der Einwandernden, da sind Leute, die sich gerade über Wasser halten und Leute, die sehr wohlhabend sind. Besonders spannend war für mich der unterschiedliche Blick auf Rassismen und der Umgang damit, wobei jede Person natürlich ihren eigenen Blickwinkel für den einzig wahren hielt. Bei der Benennung von „Marginalisierungs-Olympiaden“, bei denen jede Person versucht, die eigene Marginalisierungserfahrung gegen die anderer Personen auszuspielen, musste ich schmunzeln.

Christoph Grimm (Hg.). Alien Contagium: Erstkontakt-Geschichten. Eridanus Verlag

Viele verschiedene Erstkontakte

Alien Contagium

 

 

 

Diese Anthologie entstand nach einer Ausschreibung zum Thema Erstkontakt. Im Vorwort wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Unzahl an Planeten und Sternen die Existenz außerirdischen Lebens wahrscheinlich sei – dass aber aufgrund der großen Distanzen eine Begegnung mit Außerirdischen enorm unwahrscheinlich ist. Die Texte schildern diese sehr unwahrscheinlichen Begegnungen. Ich werde im Folgenden nur die Geschichten besprechen, die mir gefallen haben.

 

 

Ivan Ertlov: Stargazer 5: Fremde Welten. Selfpublishing

Edelster Trash ;)

Stargazer 5Moment mal, werden vielleicht einige von euch denken: Jol hat doch grad erst Band 1 rezensiert, warum kommt nun Band 5? Tja. Ich wollte es einfach probieren: Ob man auch in der Mitte in diese Reihe einsteigen kann. Antwort: Ja, man kann. Aber ich weiß nicht, ob man sollte.
Der Einstieg fiel mir nicht leicht. Obwohl ich den Großteil des Personals aus Teil 1 schon kannte, hatte ich das Gefühl, nicht durchzusehen. Die Crew ist gewachsen und es gibt ein Stargazer-Konsortium, das es vorher nicht gab. Und das Schiff heißt nicht mehr Stargazer (hieß es das je?), sondern Yrhsa.

„Fremde Welten“ beginnt erst einmal plänkelig: Die Crew, bestehend aus dem Menschen und Kommandanten Frank, Metallschmeckerin Bettsy, der Astrotelepathin Dilara, Sturmkommandant Troshk, Advokat Florbsh und dem Schiff Yrsha, hat offenbar das Universum gerettet, ist dabei fast draufgegangen, dann zusammengeflickt worden und erholt sich von den Folgen. Frank ist (warum genau erfährt man hier nicht) kein Mensch mehr und hat damit Privilegien gewonnen. Es gibt Urlaub und Sex – und dann eine neue Aufgabe: Die Crew soll ein Wurmloch untersuchen, das anders ist als alle anderen Wurmlöcher. Hier gibt es wieder jede Menge Technikblabla und dann wird es auch schon rasant – an dieser Stelle habe dann in den Text gefunden. Denn natürlich springt die Crew durch das Wurmloch – und hängt dort prompt fest.