Maja Ilisch: Die vierte Wand. Oetinger
beklemmend und leicht
Fox lebt mit zwei Geschwistern, ihrer Oma, einem Lehrer, einem Koch und ihren Eltern in einem Haus und jeder Tag ist genau gleich: Sie sitzt im Kinderzimmer und liest, isst zu vorgesetzten Zeiten. Nichts Überraschendes passiert. Als Fox ein Buch geschenkt bekommt, dessen Seiten wirklich mit Buchstaben gefüllt sind, entwickelt sie Sehnsucht nach der Welt und macht sich auf die Suche. Die Leere ihrer eigenen Welt füllt sich nach und nach, während Fox immer mehr Person wird.
Ilisch hat in einer eindringlichen und doch einfachen Sprache eine Figur geschaffen, die mir bereits auf den ersten Seiten ans Herz wuchs: „Um sie herum war es still. Niemand rief mehr ihren Namen, aber es war noch mehr als das, nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen – eine Anwesenheit von Stille.“ Ilisch gelingt es, eine sehr dichte Stimmung zu schaffen, die immer wieder zwischen Beklemmung und Leichtigkeit mäandert. Denn Fox steigt aus dem Fenster und landet nicht draußen, sondern in einem anderen Haus, das ihrem eigenen sehr ähnelt. Während sie von Haus zu Haus steigt, wurde ihre Einsamkeit für mich immer schwerer aushaltbar, bis sie endlich jemandem begegnet.
Mich hat „Die vierte Wand“ sehr an „Unten“ erinnert. In beiden Büchern irrt ein Mädchen durch ein Haus, ist einsam und hat erwachsene Bezugspersonen, die sie nicht wirklich sehen. In beiden Büchern findet sie einen Freund.
Lange lässt sich „Die vierte Wand“ als Geschichte einer psychotherapeutischen Reise gelesen: Fox lernt, ihr eigenes Leben neu zu sehen: dass die Teller leer sind, dass sie gar nicht wirklich lebt. Darin entdeckt sie die eigene Lebendigkeit. Das hat mich sehr berührt, auch wenn das Buch für mich einige Redundanzen und Längen aufwies. Aber da ich „Unten“ bereits kannte und es so viele Ähnlichkeiten gab, fürchtete ich, dass ich auch hier ohne Erklärungen für das Setting bleiben würde, und das hat mich doch zunehmend frustriert.

Die phantastisch! Gibt es bereits seit 25 Jahren und sie hat 2024 den ESFS-Award als „Bestes europäisches SF-Magazin“ gewonnen. Ich habe schon einige Ausgaben gelesen und sah mich nie in der Lage, etwas darüber zu schreiben. So ging es mir auch diesmal, weshalb diese Rezension lange lag. Aber ab der Ausgabe 100 erscheint die Zeitschrift nicht mehr bei Atlantis, sondern bei Calliope Media, sie braucht neue Abos und Sie hat ein Spotlight verdient. Daher: Schauen wir mal genauer hin und sehen, was dabei herauskommt.
Stell dir vor, du könntest nicht mehr unerkannt lügen. Diese Grundidee beschäftigt mich seit Jahren, weshalb sie im Weltenbau von „Das Geflecht“ eine große Rolle spielt. Poznanski hat keinen neuen Sinn, sondern eine Maschine erfunden: den perfekten Lügendetektor. Einhundert Menschen sollen ihn um die Wette verwenden. Wer als längstes durchhält, gewinnt fünf Millionen Euro.
Im Berlin unserer Jetztzeit breitet sich ein bislang unbekanntes Gras aus und wächst und wächst und wächst. Worüber sich die Menschen zunächst freuen, scheint doch die Natur dem Klimawandel zu trotzen, entwickelt sich mehr und mehr zur Katastrophe: Straßen und Gehwege werden unpassierbar, die Logistik bricht zusammen.
Zwischen Russland und China erstreckt sich das Ödland: eine geheimnisvolle Region, in der sich die Lebewesen verändert haben. Sie ist mit einer hohen Mauer abgesperrt und nur ein Verkehrsmittel fährt hindurch, um Europa und Asien zu verbinden: der Zug. Luftdicht abgeschottet und gut bewacht, rast er durch das Ödland, transportiert Waren, Menschen und deren Vorräte, damit sie die dreiwöchige Reisezeit überstehen. Im Zug gibt es eine erste und eine dritte Klasse, warum die zweite fehlt, weiß niemand.