Ursula Poznanski: Scandor. Loewe
spannend, aber ohne Tiefe
Stell dir vor, du könntest nicht mehr unerkannt lügen. Diese Grundidee beschäftigt mich seit Jahren, weshalb sie im Weltenbau von „Das Geflecht“ eine große Rolle spielt. Poznanski hat keinen neuen Sinn, sondern eine Maschine erfunden: den perfekten Lügendetektor. Einhundert Menschen sollen ihn um die Wette verwenden. Wer als längstes durchhält, gewinnt fünf Millionen Euro.
Ich finde Poznanskis Idee ziemlich genial. Was macht es mit unserem Alltag, wenn wir nicht mehr lügen können, wenn all die kleinen höflichen, unbedachten Aussagen wegfallen? Was macht es mit uns selbst, wenn wir uns ständig befragen müssen, ob das, was wir da von uns geben, wirklich authentisch ist? Ich denke, die Idee gibt Anlass zu jeder Menge ethischen, psychologischen und philosophischen Fragen, sowohl auf der Ebene der Träger*innen von Scandor, dem Lügendetektor, als auch auf der Ebene der Entwickler*innen. Wer sollte im Besitz der Maschine sein? Wer würde sie wohl wozu nutzen? Was hätte das für Einflüsse auf die Gesellschaft? Und wie müsste die Verwendung gesetzlich geregelt oder beschränkt werden?
Poznanski behandelt keine dieser Fragen wirklich. Stattdessen ist „Scandor“ ein Roman rund um ein Spiel. Denn die ausgewählten Menschen wollen alle gewinnen. Wenn nicht, müssen sie eine Sache tun, vor der sie sich sehr fürchten. Ich war zunächst erstaunt, wie belanglos diese „Strafen“ schienen, bis ich über meine eigenen Ängste nachdachte: Wenn, wie im Buch, alles, was mit Krankheit und Tod einhergeht, rausfällt, wenn die Dinge niemandem schaden dürfen, als mir selbst, kommt auch bei mir eine von außen recht belanglose Angst heraus. Und vielleicht lohnt sich schon für diese Erkenntnis die Lektüre des Buches.

Zwischen Russland und China erstreckt sich das Ödland: eine geheimnisvolle Region, in der sich die Lebewesen verändert haben. Sie ist mit einer hohen Mauer abgesperrt und nur ein Verkehrsmittel fährt hindurch, um Europa und Asien zu verbinden: der Zug. Luftdicht abgeschottet und gut bewacht, rast er durch das Ödland, transportiert Waren, Menschen und deren Vorräte, damit sie die dreiwöchige Reisezeit überstehen. Im Zug gibt es eine erste und eine dritte Klasse, warum die zweite fehlt, weiß niemand.
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