N. K. Jemisin: Emergency Skin. Amazon Original Stories
Zukunft ohne Frauen

Für wenig mehr als einen Euro gibt es diese längere englische Kurzgeschichte bei Amazon zu lesen oder zu hören. Trotz der Kürze wagt der Text mehrere Experimente – und das meines Erachtens sehr gelungen. Da ist die Idee einer Zukunft ohne Frauen, das Weiterdenken heutiger Ismen zu einem faschistischen Staat, in dem sich Menschen die eigene Haut verdienen müssen. Auch sprachlich ist der Text experimentell: Wir lauschen der inneren KI-Stimme der Hauptfigur und erfahren die Geschichte aus den Kommentaren dieser Stimme in der Du-Form.
Jemisin bekommt es meisterhaft hin, dieses Experiment zu einem flüssig lesbaren Text zu machen, bei dem sich der grandiose Weltenbau indirekt erschließt. Die Hauptfigur landet einer Aufgabe wegen auf einem ihr fremden Planeten. Aber anders als gedacht, ist dieser Planet nicht unbewohnt. Während die Figur versucht, ihre Aufgabe zu erfüllen, erfahren wir durch Begegnungen mit Bewohner*innen etwas über die Welt auf dem besuchten Planeten. Parallel erfahren wir durch die Art der Kommentare der KI aus welcher Welt die Person kommt und wie sie dort behandelt wird. Das Ganze ist zynisch, von schneidendem Humor durchzogen und gut durchdacht. Unserer jetzigen Welt wird gekonnt der Spiegel vorgehalten und das Ganze wäre schwer auszuhalten, wäre da nicht auch der utopische bzw. antidystopische Ausweg.
Besonders fasziniert hat mich, dass die Emotionen der Hauptfigur nur indirekt vermittelt werden, die Figur für mich aber trotzdem spürbar wird. Das ist wirklich grandios gelöst!

Dani Aquitaine: Das zehnte Kind
„Oktoberrevolution 1967“ enthält eine Sammlung erstmals übersetzter Kurzgeschichten des russischen Autors, die in den 1960ern und 70er Jahren entstanden sind. Trotz ihres Alters sind sie überraschend gut zu lesen.
Auch wenn mir der Einstieg in dieses Buch nicht leicht fiel, ist es ganz klar ein 2024er Lesehighlight. Es beginnt mit einem Auszug aus dem fiktiven Buch „Wie Meere denken“ von Ha Nguyen, der Hauptfigur des Romans. Diese lernen wir zunächst ausschließlich über Zitate kennen, die zwischen den Kapiteln stehen. In mir hat das Neugier hervorgerufen, die Person kennenzulernen, die diese Worte geschrieben hat.
Der Beginn dieses Buches hat mich richtig begeistert: Kraus schildert einerseits, wie die Hauptfigur Jay sich zu einem Tauchgang aufmacht, andererseits erfahren wir in Rückblenden, wie es dazu kommt, dass er meint, nun tauchen und die Überreste seines Vaters Mitt finden zu müssen, der sich im Meer suizidiert hat. Kraus breitet dabei das Panorama einer Vater-Sohn-Beziehung aus der Sicht des Sohnes aus und findet eine sehr eigene Sprache: „Als er aufhört, die Zähne zusammenzubeißen, dringen die gewohnten Aromen ein. Salz, Sand und Angst.“ Ich liebe es, wie Kraus eigene Bilder findet, wie er die Naturbeschreibungen auf der einen Erzählebene mit den Entwertungen des Vaters auf der anderen kombiniert, wie das stille Zusehen der Mutter und Jays Leiden sichtbar wird. Allerdings erscheint es für mich nicht wirklich glaubwürdig, dass Mitt, Jays Vater, trotz seiner massiven Ausbrüche so beliebt gewesen sein soll.
Ein heterosexuelles Paar lebt mit seinem Baby in einer zu kleinen Wohnung und leidet unter Armut und Enge. Als sie eine Kollegin einladen, vor der ihnen die kleine Wohnung peinlich ist, öffnet diese einen Wandschrank und findet dort eine Terrasse. Diese wird zu einem Ort des Träumens, an dem sie sich all die Geschichten erzählen, die mit mehr Geld hätten möglich sein können. Die Kollegin wird zum Teil der Familie – aber nur, weil sie es ist, die die Terrasse erschaffen kann, deren Gegebensein vorausgesetzt, aber nie besprochen wird. Als die Kollegin, Stephanie, die Tür zur Terrasse schließt, reißt sie damit die Familie auseinander.
Die Sammlung von 13 Kurzgeschichten des bekannten Autors hat mich zunächst irritiert, denn was ich bekam, waren Schnipsel: genau beobachtete und atmosphärisch sehr dicht geschilderte Szenen – aber ohne Anfang und ohne Ende. Bald erkannte ich, dass das zumindest zum Teil der e-book-Formatierung geschuldet war, die unklar werden ließ, ob es sich um eine Zwischenüberschrift handelt oder um eine neue Geschichte. Daher purzelte ich immer wieder aus Texten heraus oder – wenn ich dachte, hier gehe der Text weiter – in einen neuen Text hinein. Da manche Geschichten die Perspektiven wechseln, hatte ich arge Mühe damit, zu verstehen, wann ein Text zu Ende war und wann ein neuer beginnt, denn Zwischenüberschriften waren fett gedruckt und ebenso mitten auf der Seite wie die einfachen Überschriften, die oft nicht einmal Absätze bekamen und denen zu allem Überfluss noch die Leerzeichen fehlten. Hinzu kommt, dass Boyle keine klassischen Enden schreibt: Wir sehen seinen Figuren eine Weile lang zu, sie erleben etwas (meist Deprimierendes) und dann wenden wir mit dem Autor den Blick ab und bleiben mit unseren Gedanken allein. Ich fand das zunächst anregend, es hat mich dann aber doch zunehmend genervt, bekam ich doch mehr und mehr das Gefühl, dass Boyle seine Figuren vorführt, benutzt, und sich dann von ihnen abwendet, wenn ihm nichts mehr einfällt oder er sich nicht wirklich weiter mit ihnen auseinandersetzen will.