Maja Ilisch: Die vierte Wand. Oetinger

beklemmend und leicht

Vierte WandFox lebt mit zwei Geschwistern, ihrer Oma, einem Lehrer, einem Koch und ihren Eltern in einem Haus und jeder Tag ist genau gleich: Sie sitzt im Kinderzimmer und liest, isst zu vorgesetzten Zeiten. Nichts Überraschendes passiert. Als Fox ein Buch geschenkt bekommt, dessen Seiten wirklich mit Buchstaben gefüllt sind, entwickelt sie Sehnsucht nach der Welt und macht sich auf die Suche. Die Leere ihrer eigenen Welt füllt sich nach und nach, während Fox immer mehr Person wird.

Ilisch hat in einer eindringlichen und doch einfachen Sprache eine Figur geschaffen, die mir bereits auf den ersten Seiten ans Herz wuchs: „Um sie herum war es still. Niemand rief mehr ihren Namen, aber es war noch mehr als das, nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen – eine Anwesenheit von Stille.“ Ilisch gelingt es, eine sehr dichte Stimmung zu schaffen, die immer wieder zwischen Beklemmung und Leichtigkeit mäandert. Denn Fox steigt aus dem Fenster und landet nicht draußen, sondern in einem anderen Haus, das ihrem eigenen sehr ähnelt. Während sie von Haus zu Haus steigt, wurde ihre Einsamkeit für mich immer schwerer aushaltbar, bis sie endlich jemandem begegnet.
Mich hat „Die vierte Wand“ sehr an „Unten“ erinnert. In beiden Büchern irrt ein Mädchen durch ein Haus, ist einsam und hat erwachsene Bezugspersonen, die sie nicht wirklich sehen. In beiden Büchern findet sie einen Freund.
Lange lässt sich „Die vierte Wand“ als Geschichte einer psychotherapeutischen Reise gelesen: Fox lernt, ihr eigenes Leben neu zu sehen: dass die Teller leer sind, dass sie gar nicht wirklich lebt. Darin entdeckt sie die eigene Lebendigkeit. Das hat mich sehr berührt, auch wenn das Buch für mich einige Redundanzen und Längen aufwies. Aber da ich „Unten“ bereits kannte und es so viele Ähnlichkeiten gab, fürchtete ich, dass ich auch hier ohne Erklärungen für das Setting bleiben würde, und das hat mich doch zunehmend frustriert.

Bollhöfener: phantastisch! Ausgabe 96 4/2024. Atlantis


Phantastische Mischung


Phantastisch 96Die phantastisch! Gibt es bereits seit 25 Jahren und sie hat 2024 den ESFS-Award als „Bestes europäisches SF-Magazin“ gewonnen. Ich habe schon einige Ausgaben gelesen und sah mich nie in der Lage, etwas darüber zu schreiben. So ging es mir auch diesmal, weshalb diese Rezension lange lag. Aber ab der Ausgabe 100 erscheint die Zeitschrift nicht mehr bei Atlantis, sondern bei Calliope Media, sie braucht neue Abos und Sie hat ein Spotlight verdient. Daher: Schauen wir mal genauer hin und sehen, was dabei herauskommt.


Die (oder das?) phantastisch! versteht sich, so steht es auf dem Cover, als „Magazin für Science Fiction, Fantasy & Horror“. Es ist reich bebildert und enthält neben drei Kurzgeschichten, einer Mikro-Fiktion und zahlreichen, ausschließlich gut lesbaren, Rezensionen vor allem Artikel und Interviews. Die vorliegende Ausgabe scheint einen Schwerpunkt auf Horror- und Gruselgeschichten zu legen, für die ich mich nicht interessiere. Trotzdem habe ich die Artikel zur Geschichte dieses Subgenres interessiert gelesen. Dabei fiel mir durchweg auf, dass die Artikel sprachlich gut lesbar sind und auch inhaltlich fundiert erscheinen. Das trifft auch auf die anderen Artikel und Interviews zu, in denen es unter anderem um phantastische Kinder- und Jugendliteratur, Klaus Farin und seine Arbeit und phantastische Raritäten geht. Meine persönlichen Highlights waren Jan Niklas Hochfeldts Artikel zur Geschichte der Orks (hier hätte ich mir sogar noch mehr Genauigkeit und Tiefe gewünscht) und Julie Constantins Beitrag über New Weird als Subgenre. Plus Horst Illmers Artikel über mein „Etomi“, der mich natürlich enorm gebauchpinselt hat.

Melanie Wylutzki und Hardy Kettlitz: Das Science Fiction Jahr 2025. Hirnkost

anregend und gespalten

SF Jahr 2025

„Das Science Fiction Jahr“ (in der Publikation durchgängig ohne die nach Duden richtigen Bindestriche geschrieben, weshalb ich diese Schreibweise hier übernehme) ist eine jährlich erscheinende Sammlung von Sachtexten. Essays, Rezensionen und Rückblicke verschiedener Autor*innen reihen sich auf 515 Seiten aneinander. Obwohl ich „Das Science Fiction Jahr“ schon seit einigen Jahren lese, habe ich mich bislang nie dazu aufraffen können, es zu rezensieren. Denn wie soll ich der Menge der Texte gerecht werden? Diesjahr hat mich diese Sammlung aber so bereichert, dass ich unbedingt versuchen möchte, sie mit einer Rezension zu feiern. Hinzu kommt, dass mit der Insolvenz des Hirnkost Verlags die Zukunft des Projektes (mal wieder) auf dem Spiel steht. Zu oft habe ich in den letzten Monaten gehört, dass sich so ein Projekt überlebt habe, es nicht mehr zeitgemäß sei, sich keine Leser*innenschaft dafür finden ließe. Aber ist das wirklich so?

 

 

Ursula Poznanski: Scandor. Loewe

spannend, aber ohne Tiefe

Cover ScandorStell dir vor, du könntest nicht mehr unerkannt lügen. Diese Grundidee beschäftigt mich seit Jahren, weshalb sie im Weltenbau von „Das Geflecht“ eine große Rolle spielt. Poznanski hat keinen neuen Sinn, sondern eine Maschine erfunden: den perfekten Lügendetektor. Einhundert Menschen sollen ihn um die Wette verwenden. Wer als längstes durchhält, gewinnt fünf Millionen Euro.

Ich finde Poznanskis Idee ziemlich genial. Was macht es mit unserem Alltag, wenn wir nicht mehr lügen können, wenn all die kleinen höflichen, unbedachten Aussagen wegfallen? Was macht es mit uns selbst, wenn wir uns ständig befragen müssen, ob das, was wir da von uns geben, wirklich authentisch ist? Ich denke, die Idee gibt Anlass zu jeder Menge ethischen, psychologischen und philosophischen Fragen, sowohl auf der Ebene der Träger*innen von Scandor, dem Lügendetektor, als auch auf der Ebene der Entwickler*innen. Wer sollte im Besitz der Maschine sein? Wer würde sie wohl wozu nutzen? Was hätte das für Einflüsse auf die Gesellschaft? Und wie müsste die Verwendung gesetzlich geregelt oder beschränkt werden?
Poznanski behandelt keine dieser Fragen wirklich. Stattdessen ist „Scandor“ ein Roman rund um ein Spiel. Denn die ausgewählten Menschen wollen alle gewinnen. Wenn nicht, müssen sie eine Sache tun, vor der sie sich sehr fürchten. Ich war zunächst erstaunt, wie belanglos diese „Strafen“ schienen, bis ich über meine eigenen Ängste nachdachte: Wenn, wie im Buch, alles, was mit Krankheit und Tod einhergeht, rausfällt, wenn die Dinge niemandem schaden dürfen, als mir selbst, kommt auch bei mir eine von außen recht belanglose Angst heraus. Und vielleicht lohnt sich schon für diese Erkenntnis die Lektüre des Buches.

Bernhard Kegel: Gras. Dörlemann

spannend, aber stellenweise unglaubwürdig

Cover GrasIm Berlin unserer Jetztzeit breitet sich ein bislang unbekanntes Gras aus und wächst und wächst und wächst. Worüber sich die Menschen zunächst freuen, scheint doch die Natur dem Klimawandel zu trotzen, entwickelt sich mehr und mehr zur Katastrophe: Straßen und Gehwege werden unpassierbar, die Logistik bricht zusammen.
Ich mochte diese Idee, einerseits, weil ich Berlin mag und es genoss, bekannte Orte in verfremdeter Form wiederzufinden, andererseits weil ich Pflanzen-SF oft spannend finde. Diese hier ist in zwei Zeitebenen erzählt: einmal verfolgen wir den Alltag der Protagonistin Natalie in Jetztzeit (im Präsens), auf der anderen Zeitebene bekommen wir in der Vergangenheitsform geschildert, wie es zu Natalies Situation kam, denn mittlerweile lebt sie allein im verlassenen Berlin.
Der Roman ist eine Ich-Erzählung, was ich normalerweise mag, weil man der Hauptfigur so ganz nahe kommen kann. Leider funktionierte das hier für mich kaum, was vor allem daran lag, dass die Erzählstimme für mich nicht zur Figur passte. Ich hielt Natalie zunächst für einen ca. siebzigjährigen weißen Mann und fand es cool, dass er ein Kind adoptiert, das ihm über den Weg läuft. Dann erfuhr ich, dass die Erzählfigur mit Weiblichkeit assoziierte Brüste hat, ich korrigierte also auf siebzigjährige Frau. In der Vergangenheitserzählung erfahre ich von ihrer Studienzeit, die ich weit in der Vergangenheit einordnete. Es dauerte bis zu fast einem Drittel des Romans bis mir klar wurde, dass nur vier Jahre vergangen sind und Natalie demnach um die dreißig ist. Dass sie spricht wie Männer aus der Nachkriegsgeneration und Wörter wie „Gesichtchen“ oder „Wäschekumme“ verwendet, hat mich immer wieder aus dem Text gerissen, zumal nie eine Erklärung ableitbar war, warum sie sich auch so verhält wie eine viel ältere Frau.

Téa Obreht: Im Morgenlicht. Rowohlt


Traumartig und sprachlich schön
Im Morgenlicht

Sil, die elfjährige Hauptfigur des Buches, zieht mit ihrer Mutter zu einer Tante, von der sie nicht wusste, dass sie existiert. Die Tante lebt in einer buchstäblich untergehenden Stadt am Meer, der marode Charme des Verfalls zieht sich durch das gesamte Buch. Sie leben im „Morgenlicht“ einem Hochhaus, in dem nur noch wenige Wohnungen vermietet sind. Und sie sind Flüchtlinge, die nicht wissen, ob ihre Flucht hier ein Ende findet. In ihrer Einsamkeit und Angst versinkt Sil in folkloristischen Geistergeschichten, Realität und Vorstellung beginnen sich zu vermischen. Aber natürlich gibt es auch reale Bedrohungen, allen voran die Frage, ob Sil und ihre Mutter im Rahmen des „Wiederansiedlungsprogramms“ erhalten, was sie zum Überleben brauchen.

 

 

 

Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland. C. Bertelsmann

surreal, poetisch, spannend

Cover OedlandZwischen Russland und China erstreckt sich das Ödland: eine geheimnisvolle Region, in der sich die Lebewesen verändert haben. Sie ist mit einer hohen Mauer abgesperrt und nur ein Verkehrsmittel fährt hindurch, um Europa und Asien zu verbinden: der Zug. Luftdicht abgeschottet und gut bewacht, rast er durch das Ödland, transportiert Waren, Menschen und deren Vorräte, damit sie die dreiwöchige Reisezeit überstehen. Im Zug gibt es eine erste und eine dritte Klasse, warum die zweite fehlt, weiß niemand.
Die Strecke ist bei Tourist*innen und Dienstreisenden gleichermaßen beliebt, denn ihr hängt der Hauch des Abenteuers an – und gleichzeitig der des Luxus, wenn man es sich leisten kann, die erste Klasse zu buchen. Da der Text um 1900 spielt, lässt sich auch hervorragend mit Standesunterschieden spielen.
Wer die Reise unternehmen möchte, informiert sich am besten im „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“, aus dem immer wieder Zitate den Kapiteln vorangestellt sind, die chronologisch die Geschehnisse im Zug erzählen. Ich war von der Stimmung her immer wieder an „Mord im Orientexpress“ erinnert, auch wenn es hier keinen Mord gibt und die Stimmung auch mit Fortschreiten der Handlung mehr und mehr ins Surreale abdriftet.

Akwaeke Emezi: PET. Faber & Faber

bedrückend und spannend

Cover PET

 

Ein phantastisches Jugendbuch über eine Monsterjagd, das klingt erst einmal ziemlich beliebig. Jam, die Hauptfigur dieses Buches, begegnet einer Kreatur, die aus einem Bild ihrer Mutter steigt. Was die Mutter gemalt hat, wurde durch Jams Blut zum Leben erweckt und Pet, wie sich die Kreatur nennt, hat eine wichtige Botschaft: Es stimmt nicht, dass alle Monster verjagt sind. Ein Monster lebt im Haus deines Freundes und du musst mir helfen, es zu jagen.
Diese Informationen stehen bereits im Klappentext. Wenn ich jetzt über das Buch, und was es in mir ausgelöst hat, schreibe, werde ich etwas spoilern müssen (aber natürlich wird das Ende nicht verraten). Wer nichts weiter über das Buch der nigerianischen Autorin wissen möchte, außer dass es lesenswert ist, sollte also hier aufhören.